Friederike Mayröcker, Jahrhundertdichterin aus Wien, wird im Zürcher Literaturmuseum Strauhof mit einer Ausstellung gewürdigt. Der Titel ist eine kürzest gefasste Poetik ihres Schreibens: „Ich denke in langsamen Blitzen.“
Wenn in den 80er und 90er Jahren Schweizer Autorinnen und Autoren zur Lesung nach Wien in die Alte Schmiede reisten, sassen Friederike Mayröcker und Ernst Jandl jeden Abend in der ersten Reihe. Ein Autor erinnert sich, wie geehrt sich die Gruppe jeweils fühlte, denn Mayröcker und Jandl waren schon damals der Zenith der deutschen Dichtung. Und jetzt wird das Paar gefeiert, Jandl (1925-2000) hätte seinen 100. Geburtstag, Mayröcker (1924-2021) bekommt eine Ausstellung im Literaturmuseum Strauhof, eine Zusammenarbeit mit dem Wiener Literaturmuseum.
Blick in die Ausstellung. Foto: © Studio Gataric Fotografie
Damit ist die Rezeption dieser Sprachkünstlerin nicht abgeschlossen. Im Wiener Literaturarchiv liegen stapelweise Archivboxen aus der Schreibstube mit Zetteln, Zeitungsausschnitten, Zeichnungen, die in unübersehbarer Fülle Regale, Tische, Stühle, auch den Boden bedeckt hatten. Dazu Stofftiere, Fotos, Verpackungsmaterial, Stifte und Wäscheklammern. Nur auf der Hermes Baby, wo sie ihre Texte in Zehnfingertechnik rasend schnell aufs Papier hämmerte – Futter fürs Lektorat, später für die Lesenden – durfte nie etwas liegen.
Die Literaturwissenschaftlerin Beatrice von Matt erzählt bei der Vernissage im Strauhof von einem Besuch bei der Dichterin an der Zentagasse im Fünften Bezirk: „Wie sehr ihr Schreibleben ganz konkret an ihre Wohnung gebunden ist, wusste ich aus ihren Gedichten und Prosawerken. Diese reissen unterschiedlichste Welten hinein in die Sprachmusik, bleiben aber immer bezogen auf die Ich-Figur – oder wissenschaftlicher ausgedrückt: auf das ästhetische Subjekt. Und dieses Subjekt, dieses literarische Ich, kann sich eben nur in dieser Höhle über den Dächern entfalten.“
Ausstellungsansicht. Foto: © Studio Gataric Fotografie
Oder wie es die Dichterin im Prosatext Mein Herz, mein Zimmer, mein Name (1988) formuliert hat: «Betäubt vor Angst erwache ich jeden Morgen, da hilft nur die Bettkante, dann dieser halbe Schritt, diese halbe Drehung zur Maschine auf meinem Tisch, da bin ich gerettet, da lassen sich Sehnsucht, Trauer und Schmerz noch übersetzen in gesellschaftliche Zusammenhänge, ich will dieses Ding, ich will dieses Schreiben, und dass es sich nicht mehr wegduckt vor mir. »
Adressbücher von Friederike Mayröcker. Foto: © Katharina Manojlovic, 2024.
Physische Überlieferung eines dichten Lebens und Schreibens in einer Ära der fortschreitenden Digitalisierung ist ein Glücksfall für Archivare: nichts geht verloren. Auch ein Glücksfall für Ausstellungsmacher: statt Code und E-Fotos gibt es Material zum anfassen und ansehen, denn Mayröckers Zettelwirtschaft, teils gesammelt in Plastikkörbchen, sind wertvolle Archivalien, die ein längeres Studium lohnen. In der Ausstellung sind an verschiedenen Hörstationen Audio-Beiträge von Autorinnen, Autoren, Freundinnen und Bewunderern der Dichterin eingerichtet.
Die Maschinenschreiberei als Video zu sehen und vor allem zu hören, ist der Einstieg in die Ausstellung. Die wandgrossen Bilder des dichtbesiedelten Schreibzimmers geben als fotografische Wimmelbilder einen Eindruck der Schreibwerkstatt. Wie nur konnte die Jahrhundertdichterin hier Lyrik und Prosa schreiben, jährlich mehr als eine Publikation herausgeben.
Friederike Mayröcker mit Selbstporträt. Foto: Unbekannt, ohne Datum.
Sicher ist, dass sie sich wie ein Kind vor der Bescherung freute, bis das Werk gedruckt in ihrer Hand lag. „Ich habe eine Kinderseele“: Deinzendorf, wo sie als Kind viel Zeit verbringen konnte, galt ihr als magischer Ausgangspunkt fürs ganze Schreibleben, Snoopy war ihr ein ständiger Begleiter. In Friederike Mayröckers Universum gab es so viel Raum für Kunst und Musik aller Art, für Hochintellektuelles und Banales, das andere längst wegen Image-Schadens für sich zensuriert hätten.
Friederike Mayröcker und Ernst Jandl. Foto: © Otto Breicha, 1969.
Ihre Offenheit und ihre Neugier, verbunden mit der Lust am Spielerischen und einer Fähigkeit zur Konzentration und Fokussierung bis ins hohe Alter lassen sich sowohl in den Texten als auch in den Zeichnungen erkunden. Die Ausstellung im Strauhof ermöglicht das Eintauchen in Mayröckers Kosmos, in dem man sich verlieren, Nachmittage mit lesen, hören und schauen verbringen kann, um – vielleicht – der Dichterin näher zu kommen, falls man nicht längst zu deren Bewunderern gehört.
Friederike Mayröcker: Schutzgeister, ohne Datum. Foto: © ÖNB, 2024.
Die zum Teil erstmals gezeigten Zeichnungen sind liebevoll und witzig, über Mayröckers Texten liegt Melancholie und Traurigkeit: «Die zerstörerische Zeit ist denn auch ein Kardinalthema ihrer existentiellen Dichtung. Keines ihrer späten Bücher, das nicht das Alter anspräche, das todgeweihte, lebenssüchtige Alter,» sagt Beatrice von Matt. Im Band Scardanelli sind Poeme vereint, die das Verwelken, Verdorren, Verfaulen von Blumen in Sprache fassen, mit frischen Blumen im Garten von Deinzendorf hat die Schreibarbeit der jungen Friederike begonnen.
Fotosammlung aus Deinzendorf. Foto: © Studio Gataric Fotografie
Friederike Mayröcker, geboren 1924 in Wien verbrachte viele Sommer bei den Grosseltern in Deinzendorf, wurde Englischlehrerin und konnte diesen Brotberuf nach mühsamen Jahren aufgeben: «Der Schuldienst wurde quittiert. Das Schreibglück brach aus – ungebremst,» fasst Beatrice von Matt zusammen und verweist zunächst auf die vielen Hörspiele, deren vier mit Ernst Jandl zusammen entstanden. Friederike Mayröcker war unendlich neugierig auf die Welt, wäre gern 200 Jahre alt geworden, und war mit Jandl bis zu dessen Tod im Jahr 2000 ein liebendes, sich respektierendes Paar, welches nicht zusammenwohnte: Beide brauchten die Freiräume für die Arbeit, das Zusammensein für den Rest des Tags.
Friederike Mayröcker, «Le chien c’est moi», Zeichnung, ohne Datum. Foto: © ÖNB, 2024.
Dichten ist existentiell, und es geschieht bei Mayröcker in einer übersprudelnden Masslosigkeit, zugleich strukturiert, musikalisch und konkret, es geht nicht um aussersprachliche Wirklichkeit, oder gar um eine nacherzählbare Geschichte, einen Plot. Mayröckers Texte beglücken mit der einen Zeile, verstören mit der nächsten, ihre Dichtung lässt sich nicht paraphrasieren. Ihre überlegene Sprachgewalt, ihr radikaler und unmittelbarer Zugang zu Wörtern und Assoziationen prägten die deutsche Literatur der letzten Jahrzehnte.
Lassen wir das Schlusswort Beatrice von Matt: «Diese Dichterin kommt mir vor wie eine Gralssucherin – Ziel: höchste Empfänglichkeit für das Dasein hienieden, zu beschwören im Aufblitzen stimmiger Sprache. Ihre ganz eigene Moderne hat sie geschaffen – kategorisieren lässt sie sich nicht. Wer sie liest, soll sich getrost den Texten und ihrer Musik überlassen, ohne gleich nach Sinn und Botschaft zu fragen. Für jede Leserin, jeden Leser ergibt sich so eine eigene Nachricht.»
Titelbild: Friederike Mayröcker mit ihrem letzten Buch. Foto: © Edith Schreiber, 2020.
Bis: 7. September
Informationen für Ihren Ausstellungsbesuch
Zum Hören: Beatrice von Matt «Polyphones Jauchzen und Trauern»
Seniorweb-Beitrag zum 100. Geburtstag von Ernst Jandl
