Was ist das denn, dieser steinerne Koloss mitten in den Olivenhainen Kastiliens? El Escorial ist Palast, Kloster und Totenmal. Philipp II., der einsamste Habsburger auf dem spanischen Thron, verwirklichte mit diesem Palast aus Granit eine Vision, nämlich dem weltumspannenden Königreich Gottes ein Denkmal als Zeugnis für die Ewigkeit zu setzen .
Unwirklich und ungewohnt, dieser graue Gigant in der grünen Landschaft. Je näher man kommt, desto mehr zeigt sich: Der Escorial ist anders, ganz anders als die Paläste von absoluten Herrschern. Es fehlen ihm die Heiterkeit und Verschwendung von Versailles oder der spätbarocke Prunk des gewaltigen Komplexes der Bourbonen im italienischen Caserta.
El Escorial besteht aus Fels des Guadiana-Massiv. Durch und durch abweisend, ein Geheimnis. Man spürt die imperiale Wucht und die majestätische Distanz, wenn man sich vom riesigen Vorplatz her der Nordfassade nähert.
Menschen wirken klein vor der dem gewaltigen Bollwerk.
Die Fassaden sind endlose Fronten mit Fensterreihen, aus denen niemand je schaute. Keine Balkone oder anderer Zierrat. Und was man sich vor Augen haben muss, der Escorial (das nahe Städtchen El Escorial gab ihm den Namen) war auch eine kalte Kaserne. Und beherbergte ein Kloster mit einer Palastkirche. Vor fünf Jahrhunderten umschloss dieser riesige, abgeschlossene Komplex neben Exerzierplätzen für Mann und Pferd auch Höfe und Kreuzgänge.
Ein Strassenkünstler belebt den Platz.
Der Palast ist weder prunkvoll noch romantisch, er ist eine steinerne Idee; hat mehr mit Politik als mit Kunst zu tun. Das spanische Mittelalter hat sich hier ein Denkmal gesetzt, ein letztes Mal, für den Traum vom Königreich Gottes auf Erden.
Dieser Traum hat seine Ausdehnung: 206 Meter breit, 161 Meter lang mit vier Ecktürmen von fast 60 Metern Höhe. Das Hauptportal ebenerdig, ohne einladende oder Respekt heischende Treppe, die man ersteigen muss. Da imponierte man in Caserta nobler mit prachtvollen Treppenaufgängen, gross wie Hallen. Wer den ganzen Escorial besuchen wollte, hätte ein volles Programm mit 16 Innenhöfen und 89 Springbrunnen, mit 1200 Türen und 2700 Fenstern zu absolvieren.
Ganz anders: Treppenaufgang in der Reggia di Caserta, dem Prunkschloss der Bourbonen in Mittelitalien.
Die Südfront hat einen anderen Charakter: menschenfreundlicher und von Philipp II. einst auch bewohnt. Ein kleiner künstlicher See in einer Anlage, eine blasse Erinnerung an das Wunderwerk des Sommerpalasts Generalife in Granada.
Auch der Park ist streng geometrisch angelegt.
Von 1563 bis 1584 wurde gebaut. Im 16. Jahrhundert war Spanien kaiserliche und königliche Weltmacht. Es eine Zeit der Entdeckungen und Eroberungen und einer unwahrscheinlichen Entfaltung von Luxus und Pracht. Die spanische Krone hatte sich ein Imperium erkämpft, blutig erobert und erheiratet. Die beiden mächtigsten Regenten waren Karl V. (1500 – 1558)) und sein ältester Sohn Philipp II. (1527 – 1598). Vater und Sohn – er konnte sich dem Einfluss seines Vaters nie entziehen–- hingen einer Herrschaftsidee nach, deren Geltung bereits abgelaufen war. Nach ihnen zerbrach Spaniens Vormacht in Europa.
Um Ewigkeit sichtbar zu machen, braucht Macht den Stein.
Gegen innen kämpften Vater und Sohn für die Realisierung der Idee eines katholischen, weltumspannenden Universums, welches absolute Treue zum Gottkönigtum forderte. An den Rändern bröckelten die Fundamente dieses festgefügten Kosmos schon lange. Im fernen Deutschland gewann die Reformation die Herzen der Gläubigen. Die aufrührerischen Niederlande befreiten sich von der spanischen Fessel und Philipps II. stolze Armada wurde von den Engländern 1588 schmählich versenkt. Der Geist von Humanismus und Aufklärung verlangte ein von Dogmen befreites Denken. Der Absolutismus, der das Herrschertum als gottgegeben sah, wurde allüberall, nicht nur im Reich von Philipp II., in Frage gestellt.
Eine Reihung von prachtvollen Bibliothekssälen. Sammeln und zur Schau stellen waren wichtig.
Philipp II. riegelte sich ab, reagierte auf die Unsicherheit mit einem Rückzug nach innen und blieb von nun an in Spanien . Zugleich wollte er den letzten Wunsch seines Vaters Karl V. umsetzen, eine würdige Grabstätte für ihn und die ganze spanisch-habsburgische Familie zu errichten. Daraus wurde eine Grabkammer sondergleichen, ein dynastisches Pantheon.
Decke eines Bibliotheksaals
Die kühne Idee: Der Escorial sollte noch einmal in einer geschlossenen Schau das ptolemäische Weltbild und die Ideenwelt der Scholastik in einem Bollwerk des Christentums gegen alle Feinde vereinen. Alles, was der alte Glaube, die Schriften der Griechen und Araber, was Kunst und Literatur hervorgebracht hatten, wurde hier in prachtvollen Bibliotheken und Galerien versammelt. Sollte neu belebt werden, sollte noch einmal zum Erstaunen bringen.
Philipp II. (1529 -1598). Seine Regentschaft markierte den Höhepunkt der Macht Spaniens, das «Siglo de Oro», das «Goldene Zeitalter». Portrait von Juan Pantoja de la Cruz, im Escorial.
Sollte es. Doch ist es nur zusammengetragen und ausgestellt. Eine Anstrengung sondergleichen. Aber ohne Emotion. Ein disziplinierter Wille zur Grösse, es bleibt aber nur Pathos. Das schmälert Schönheit und Ausstattung keineswegs. Doch ist es ein möglicher Schlüssel zum Verständnis.
In neun Sälen liegen die Sarkophage der Regenten und Infanten des spanisch-habsburgischen Adels.
Zwölf Jahre bewohnte der einsame König seinen Palast. Er machte keine Reisen mehr durch sein riesiges Reich sondern regierte vom Schreibtisch aus, förderte die Inquisition, traf viele grausame Entscheide. Der König als Schwert Gottes, der Mächtige als Tyrann und Büsser, der den unaufhaltsamen Geist der Neuzeit bekämpfte. Und dann, in seinen letzten Lebensjahren, war er nur noch Mönch.
Auf Augenhöhe
Sein Werk war vollbracht. Der absolute Rückzug ist für uns heute schwer nachvollziehbar. Er lebte im südlichen Teil des Palasts, in einem klösterlichen Gemach, von dem aus er jeden Tag durch eine Tür in der Mauer die Messe in der Basilika verfolgen konnte –- in diesem Palast, in dem sein Wille zu Stein geworden war.
Titelbild: Der Klosterpalast El Escorial, weltgrösster Renaissancebau. Luftbild: Wikicommons
Fotos: Justin Koller
El Escorial ist seit 1984 Unesco Weltkulturerbe
Hier geht es zu Teil 1, Leben und Sterben von Karl V., dem Vater von Philipp II.









