Galizien ist weniger bekannt als andere Provinzen auf der iberischen Halbinsel. Gerade deshalb ist die Nordwestecke Spaniens eine Reise wert: Die auf den ersten Blick karge Landschaft bietet eine einzigartige Kombination aus Natur, Geschichte, kultureller Vielfalt und kulinarischen Genüssen.
Naturwunder und Landschaften: Galizien besticht durch grüne Täler, dichte Wälder, spektakuläre Küsten mit wilden Stränden und Steilküsten, wie an der Costa da Morte, sowie traumhafte Sandstrände an den Rías Baixas. Der Naturpark Fragas do Eume zeigt einen der schönsten atlantischen Wälder Europas, ideal für Wanderungen und Naturerlebnisse.
Am Ende der Welt
Die Küste am «Kap Finisterre». Foto PD
Wir beginnen unsere Reise an der «Costa da Morte», wo in vergangenen Jahrhunderten zahllose Schiffe an der felsigen Küste zerschellten. «Das Ende der Welt» oder «Fisterra», «Kap Finisterre» oder eben «Finis Terrae» heisst der magische Ort. Über Tausende von Jahren, bis zur Entdeckung von Amerika durch Columbus, glaubte man, dass sich westlich des Kaps ein Abgrund aus Wasser öffnete, der von Meeresungeheuern bewohnt wurde.
«Kap Finisterre» liegt 60 km westlich der Pilgerstadt Santiago de Compostela und 87 km südwestlich des Hafens A Coruña. Auf dem Kap befindet sich ein grosser Leuchtturm für die Schifffahrt. Vor der Küste fanden Mitte des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts insgesamt drei Seeschlachten statt. Hier endet der siebte Jakobsweg, der Pilgerinnen und Pilger von Santiago an den Atlantik führt.
Historische und kulturelle Highlights: Galizien ist berühmt für den Jakobsweg mit dem Ziel Santiago de Compostela, dessen Kathedrale ein bedeutendes Pilgerziel ist. Weitere bedeutende Sehenswürdigkeiten sind die römische Stadtmauer von Lugo, der Herkules-Turm in A Coruña, mittelalterliche Klöster und Burgen sowie keltische und römische Ausgrabungen.
Die Jakobsmuschel, Wegweiser auf dem Jakobsweg.
Santiago de Compostela
Jährlich besuchen fast 500’000 Pilgerinnen und Pilger Santiago de Compostela. Im Jahr 2024 wurden laut offiziellen Statistiken 499’242 Personen gezählt, welche die Compostela, die Pilgerurkunde, beantragten. Die tatsächliche Zahl dürfte wesentlich höher liegen, da nicht alle die Urkunde abholen. Schätzungen gehen bis zu einer Million pro Jahr.
Overtourismus ist auch in Compostela ein Thema. Nach Aussage von Fremdenführerin Irène von „WeGalicia“ sind die Bettenkapazitäten in der Stadt erschöpft. Der Stadtrat überlege sich Lenkungsmassnahmen wie beispielsweise eine Erhöhung der Tourismusabgabe. In der Bevölkerung mehren sich kritische Stimmen.
In den letzten Jahren lässt sich ein klarer Trend zur Internationalisierung der Pilgerschaft auf dem Jakobsweg erkennen. Während früher Spanier die Mehrheit stellten, ist ihr Anteil deutlich gesunken (2023: 44%). Mehr als die Hälfte der Pilger kommt inzwischen aus dem Ausland. Besonders auffällig ist der starke Zuwachs aus den USA, Italien und Portugal.
Die Kathedrale von Compostela, umgeben von mehreren Klöstern.
Unterschiedliche Motivationen spielen eine zentrale Rolle beim Pilgern. Neben religiösen Gründen – die weiterhin wichtig sind – nehmen säkulare Motive wie persönliche Sinnsuche, Abenteuerlust, sportliche Herausforderung, kulturelles Interesse oder der Wunsch nach Entschleunigung und Naturerlebnis stetig zu, glaubt Irène. Diese Vielfalt an Beweggründen spricht ein breiteres Publikum an und trägt massgeblich dazu bei, dass immer mehr Menschen aus verschiedenen Ländern und Lebenssituationen eine wandernde Auszeit wählen.
Der Jakobsweg endet in Santiago de Compostela, weil sich dort das Grab des Apostels Jakobus befindet, der in der Kathedrale von Santiago verehrt wird. Seit dem Mittelalter gilt dieser Ort als eines der wichtigsten christlichen Pilgerziele neben Jerusalem und Rom, da die katholische Kirche das Grab als authentisch betrachtet. Die Pilgerreise dorthin wurde zum Symbol für Busse, spirituelle Erneuerung und Glaubensfestigkeit.
Ingesamt führen sechs Wege nach Compostela. Obwohl einige Pilger noch weiter bis ans „Ende der Welt“ nach Finisterre gehen, ist Santiago de Compostela traditionell und religiös der Endpunkt des Jakobswegs.
A Coruña
Unsere Reise geht nordwärts weiter. Der «Herkulesturm» in A Coruña ist der älteste noch betriebene Leuchtturm der Welt und weist Seeleuten seit der Zeit des römischen Kaisers Trajan (um 110) ihren Weg. Der Basiseckstein weist die Weiheinschrift MARTI AUG. SACR C. SEVIVS LUPUS ARCHITECTUS AEMINIENSIS LVSITANVS.EX.VO an den Gott Mars auf, was den Originalturm dem Architekten Gaius Sevius Lupus aus Aeminium (heute Coimbra, Portugal) zuordnen lässt.
Der Legende nach soll der Turm aus einem Felsen entstanden sein, auf dem Herkules mit dem Riesen Geryon drei Tage und drei Nächte gekämpft hat. Herkules gewann den Kampf, und aus Dankbarkeit sei dann aus dem Felsen der Leuchtturm gebaut worden, besagt die Legende.
Der «Herkulesturm» in A Coruña.
Der 57 Meter hohe Turm steht seit Juni 2009 auf der Liste des UNESCO-Welterbes. Pablo Picasso soll in seiner Jugend mehrere Monate in der Stadt verbracht und den «Candy-Turm» gemalt haben. A Coruna liegt im äussersten Nordwesten von Spanien. Sie ist Hauptstadt der zur Autonomen Gemeinschaft Galizien gehörenden Provinz A Coruña. Die Stadt zählt gut 400’000 Einwohnende. Von hier aus fahren Autofähren nach Grossbritannien.
Kulinarische Höhepunkte
- Besondere Orte und Erlebnisse: Die Ribeira Sacra im Landesinneren ist bekannt für ihre terrassenförmigen Weinberge und spektakulären Flussschluchten, die man per Katamaran erkunden kann. Die Küstenstädte wie Vigo, Pontevedra und O Grove bieten authentisches galizisches Flair und kulinarische Spezialitäten, vor allem Meeresfrüchte.
Zwei Tintenfische warten im Schaufenster darauf, gekocht zu werden.
Folgende Speisen habe ich ausprobiert und kann sie sehr empfehlen:
- Polbo á feira (Pulpo a la gallega): Gekochter Oktopus, in Stücke geschnitten, mit grobem Salz, Paprika und Olivenöl bestreut, oft mit Kartoffeln serviert.
- Lacón con grelos: Gepökelte Schweineschulter (Vorderschinken) mit jungen Steckrübenblättern, Kartoffeln und Chorizo.
- Percebes (Entenmuscheln): Seltene und teure Meeresfrüchte, die an den Felsen der galizischen Küste wachsen.
- Empanada gallega: Gefüllte Teigtaschen mit verschiedenen Füllungen wie Thunfisch, Fleisch, Gemüse oder Oktopus.
- Caldo gallego: Herzhafte Suppe mit Weisskohl, Kartoffeln, weissen Bohnen, Chorizo und manchmal Schinken oder Speck.
- Arroz con vieiras: Reisgericht mit Jakobsmuscheln, manchmal auch mit Hummer oder Oktopus.
- Mariscada: Ein Meeresfrüchte-Platte mit verschiedenen Muscheln, Krabben, Garnelen und anderen Meeresfrüchten.
- Tarta de Santiago: Mandelkuchen mit dem typischen Jakobskreuz aus Puderzucker als Dekor, als klassisches Dessert.
Gaità und Kilt
- Kulturelle Identität: Galizien hat eine eigene Sprache, eine keltische Tradition mit Kilt und Dudelsackmusik sowie eine mystische Atmosphäre, in der Legenden und Natur eng verbunden sind. Auf dem Gebiet Galiziens waren seinerzeit Dutzende gallisch-keltischer Stämme ansässig.
Gaità, die keltische Version des Dudelsacks, links am Kap Finisterre, rechts in Compostela.
Mit einem Dudelsack verbinden die meisten Menschen vermutlich die schottische Variante, doch auch die Gaità gehört zu den Dudelsäcken. Das Instrument stammt aus Galizien und wird traditionell in ganz Spanien gespielt. Der Sack bestand früher aus Ziegen- oder Schaffell, heute wird er meist aus Stoff gefertigt und mit traditionellen Mustern überzogen.
Bei Klang, Lautstärke und Spielweise gibt es zwischen den Instrumenten erhebliche Unterschiede. Die traditionelle Gaità hat eine Bordunpfeife, auch Brummer genannt, sowie eine Melodiepfeife. Bordun ist der Halteton, der begleitend zur Melodie zu hören ist. Je nach Ausführung der Gaità hat das Instrument bis zu drei Bordunen. Die schottischen Dudelsäcke haben bis zu sechs Bordunpfeifen und eine Melodiepfeife.
Kilts (Schottenröcke, wegen der gemeinsamen keltischen Wurzeln und des kulturellen Austauschs zwischen Galizien und Schottland) findet man vor allem in Souvenirgeschäften. Auch Gaità-Bläser tragen sie manchmal. Aber sonst sind die Kostüme in der galizischen Öffentlichkeit nicht verbreitet.
Mögliche Aktivitäten: Wandern, Pilgern, Surfen an den Stränden von Finisterre, Ferrol, Weinproben, Besuche von Thermalquellen und kulinarische Touren sind nur einige der vielfältigen Möglichkeiten, die der Nordwesten Spaniens bietet. Die Organisation «Galizien-Tourismus» betreibt in fast allen Städte Büros, in denen unverbindliche Tipps, Ideen und Reisevorschläge geholt werden können.
Informatinonen, Adressen und Telefonnummern auf den Webseiten der lokalen Touristeninformationsbüros.
Reiseführerin Irène von Galizien-Tourismus.
LINK
Titelbild: Der grosse Leuchtturm am Ende der Welt. Fotos PS
Fotogalerie
Die folgenden Bilder stammen von einer dreiwöchigen Galizienreise im Juli 2025. Die Wiedergabe erfolgt chronologisch, entlang der Reiseroute. Alle Fotos PS.





















