Zum Auftakt des diesjährigen Zürcher Theater Spektakels bietet die französisch-katalanische Theatertruppe Baro d’evel in der Werft ein grandioses , berührendes Bildertheater voller Lebensenergie.
Das internationale Theater Spektakel auf der Landiwiese in Zürich Wollishofen begeistert seit über 40 Jahre grosse und kleine Zuschauerinnen und Zuschauer. Direkt am See sind bis 31. August Bühnen, Restaurants und Bars aufgebaut und Theater- und Tanzgruppen aus aller Welt zeigen ihre Arbeiten. Klimakrise, Demokratie, Kapitalismus, Identität: Diese Themen ziehen sich durchs diesjährige Programm, so auch im neuen Stück «Qui Som?» der französisch-katalanischen Compagny Baro d’evel zur Eröffnung des Theater Spektakels in der Werft. Das Stück thematisiert unsere Identität in Zeiten der Krise. Keramik wird zur Metapher für unser Dasein: formbar, zerbrechlich und zugleich erneuerbar.
Eine Tonkrug zerbricht
Ein Clown taumelt auf die auf beiden Seiten mit Tonkrügen flankierte Bühne, erleidet ein Malheur: Ein Krug zerbricht – und wird auf komisch-panische Weise direkt neu geformt. Unwillkürlich wächst daraus ein Penis ähnliches Objekt, das in Gelächter mündet. Und so sind wir mitten in der zerbrechlichen Kunst des Menschseins. Dann überzieht eine weisse flüssige Masse den Boden. Die zwölf Akteure gleiten, straucheln, stolpern, vollführen ein ritualisiertes Chaos mit Tanz, Sturz, Wiederaufstehen, fein choreografiert bis in jede Verzögerung.
Ritualisiertes Chaos auf glitschigem Untergrund. Foto: Christophe Raynaud de Lage
Es folgt ein Akt der Umformung. Die Spielenden stülpen sich die seitlich platzierten Töpfe über, formen daraus Masken mit Löchern für Augen und Mund, verwandeln sich in archaische, futuristische Wesen, halb Mensch, halb Tier, halb Clown. Sie sind Allegorien unserer Verlorenheit und unserer Wiedergeburt, bieten ein grandioses Spektakel der Verformung und Verfremdung.
Apokalyptischer Tanz im Plastikmüll
In der Bühnenmitte ragt ein bauchiger Hügel aus Stoff und Bändern in die Höhe. Der Hügel entpuppt sich als Schicksalsberg mit überwältigender Wucht, stösst wild flatternd Massen von Petflaschen aus, aus der sich die Spielenden emporarbeiten und im Plastikmüll einen apokalyptischen Tanz aufführen, derweil ein Mädchen am Rand behutsam schädliches Plastik von Organischem zu trennen beginnt. Ein Keim des Neuanfangs?
Monumentale Tableaus verdichten sich: groteske Clowns mit übergrossen roten Ohren – als karikaturhafte Abbilder unserer politischen und medialen Welt. Akrobatik, Gesang, Tanz, theatralischer Wahnsinn: eine verzweigte Collage, die uns gleichzeitig zerstört und befreit. Doch das Stück endet nicht in Stille. Stattdessen entlädt sich alles in einem furiosen Finale: Ein kollektives Fest beginnt – mit Megaphon, Musik, Rhythmus und Tanz. Ein rebellischer Akt: eine Einladung, nicht zu kapitulieren, sondern aufzustehen.
«Qui Som?» ist eine gelungene Ode an Transformationskraft, Widerstand und Gemeinschaft. Zwischen Körpern, Töpferkunst und Chaos feiern Akrobatik, Musik und Absurdität die Fragilität ebenso wie die Widerständigkeit des menschlichen Geistes. Kurzum, das diesjährige Theater Spektakel startet mit einer eindrücklichen, nachdenklichen Aufführung zum Thema «Wer sind wir?» in unserer krisengeschüttelten Welt (gespielt wird das Stück bis Sonntag, 17. August in der Werft, Billettte sind noch an der Abendkasse erhältlich).

