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Wie Ludwig von Roll reich wurde

Der Solothurner Patrizier hat sein Vermögen wie viele einflussreiche Familien der Eidgenossenschaft im lukrativen Bereich des Solddienstes gemacht. Er rekrutierte und befehligte Söldner für den Französischen König. Eine Biografie von Historiker Vincent Oberer.

Solothurn wurde durch den Solddienst für die französische Krone enorm reich. Die zahlreichen Stadtpalais, Schlösser und Landsitze zeugen davon und sollen derzeit touristisch besser erschlossen werden. Als ich Ende der 1980er Jahre im Schloss Blumenstein, dem historischen Museum von Solothurn, die Porträtgalerie inventarisierte, begrüsste ich jeweils die noblen Damen und Herren, auch die von Rolls, hoch oben an den Wänden, bevor ich nach ihnen forschte. Hier lernte ich, vom reformierten Zürich herkommend, eine für mich neue Kultur kennen, ein katholisch geprägtes Patriziat, das eng mit der französischen Krone und dem Söldnerwesen verknüpft war.

Aus diesem Grund interessierte mich auch das Buch Ludwig von Roll. Ein Solothurner Solddienstunternehmer im Dreissigjährigen Krieg vom Historiker Vincent Oberer. Dank neu aufgefundener Tagebücher gelang ihm ein vielseitiges und lebendiges Porträt des Unternehmers, aber auch ein Zeitbild über das Soldwesen, das viele Schattenseiten hat. Zudem geben die Tagebücher «tiefe Einblicke in das politische Ränkespiel, die Kriegswirtschaft und das höfische Leben jener Zeit», schreibt der Autor.

Werdegang von Ludwig von Roll

Mit 20 erlernte Ludwig von Roll (1605-1652) in der Kompanie seines Vetters das Kriegshandwerk und war dann als Offizier am Krieg gegen die Hugenotten beteiligt, später auch in Italien, Spanien und in den spanischen Niederlanden. Mit 27 wurde er in die oberste Behörde Solothurns gewählt.

Auch militärisch stieg er auf und befehligte eine eigene, stehende Schweizer Gardekompanie, die das französische Königshaus zu beschützen hatte. Von Ludwig XIII. wurde er zum Obersten befördert mit der Aufgabe, ein neues Regiment von 4000 Mann auszuheben – 20 Schweizerkompanien zu je 200 Mann. Ludwig von Roll verfügte nun über zwei Kompanien und avancierte zum Solddienstunternehmer. Das brachte ihm einen enormen Zuwachs an Prestige und Geld. Doch das Leben eines Solddienstunternehmers im 17. Jahrhundert war auch verbunden mit Korruption, Konkurrenz und Unsicherheit. Der Zugang zu Informationen, Kreditgebern und politischen Gönnern war nur mit der Unterwerfung an höfische Regeln möglich.

Schweizer Söldner als begehrte Ware

Schweizer Truppen waren in Frankreich so begehrt, dass der Personalbestand der französischen Armee im 17. Jahrhundert um das Zehnfache zunahm. Tausende junger Eidgenossen ab 16 Jahren kämpften und starben für Frankreich. Nach Beendigung der Kriege wurden ausgehobene Truppen aus Kostengründen entlassen. Das Kapitel über die Anwerbung von Rekruten ist besonders stossend. Die Werber zogen mit «flatternden Fahnen, Pfeifenklang und Trommelschlag» im Land herum und erzählten Geschichten über ein freies Lagerleben und schnelles Geld. Geworben wurde aber auch in Wirtshäusern, «Dingen beim Weine» wurde das genannt. Bis sich die Bevölkerung dagegen auflehnte.

Frankreichs erfolgreiche Schlacht bei Rocroi, 1643, gegen die Spanier. Ludwig von Rolls Kompanien waren auch dabei. Gemälde von Sauveur Lecomte. Foto: © The Image Works, Wikimedia Commons

Die Kriege verschlangen Unmengen an Geld, so dass der König seine Truppen zeitweise nicht auszahlen konnte. Viele Soldunternehmer verschuldeten sich oder gingen bankrott. Trotzdem hielten sie stets zur königlichen Familie. Die Loyalitätsbeweise waren auch mit handfesten Interessen verbunden, schreibt Vincent Oberer: Die Führungskräfte forderten Steuererleichterungen für ausstehende Zahlungen im Handel mit Immobilien, Minen und Salzkontingenten. Bis zum Vorabend der Französischen Revolution avancierten die höher gestellten Schweizer Söldner zu den begehrtesten Junggesellen, da sie und ihre angeheirateten Familien keine Steuern bezahlen mussten.

Ein Leben im Luxus

Während in Ludwig von Rolls Tagebüchern die gefallenen Soldaten kaum erwähnt werden, höchstens wenn sie ersetzt werden mussten, erfährt man viel über seinen Hang zum Luxus. Er listete alle Anschaffungen sorgfältig auf: Handschuhe aus Rinds-, Ziegen-, Gams-, sogar aus Hundeleder. Er kleidete sich nach der neuesten Mode, stieg nur in den besten Herbergen ab, liess sich als Kriegsherr in Prunkrüstung von Hofmalern porträtieren. Sein Verhalten, seine Manieren und sein Auftreten entsprachen den höfischen Umgangsformen. Stets war er bemüht zu erfahren, was der König und seine Entourage von ihm dachten, ob er in deren Gunst weiter aufsteigen könnte. Denn der französische Hochadel sah die adligen Schweizer Patrizier nie als ihresgleichen an.

Heiratspolitik unter Solddienstunternehmerfamilien

Ludwig von Roll war als Oberst viel unterwegs und konnte nicht alle Aufgaben allein bewältigen. Die ganze Sippschaft war eingebunden, ganz besonders seine Frau Maria Klara Wallier (1622-1701), die auch aus einer Solddienstunternehmerfamilie stammte. Nur wenige Schweizer Clans besassen Elitetruppen der Schweizer Garde in französischen Diensten. Sie bildeten eine einzige Familie, schreibt der Historiker. Denn durch geschickte Heiratspolitik hielten sie potenzielle Konkurrenten fern.

Wie viele seiner Kollegen litt von Roll durch den Verzehr von viel Fleisch und Alkohol an Nierenproblemen und Gicht und wurde bettlägerig. Er starb 47jährig. Drei Jahre zuvor hatte er sein Regiment abgegeben, behielt aber noch die Gardekompanie. Diese führte seine Frau nach seinem Tod im Namen des sechsjährigen Sohnes weiter und sicherte so die Nachfolge.

Titelbild: Schlösschen Vorder-Bleichenberg in Biberist, erbaut 1609, war der Sommersitz der Solothurner Patrizierfamilie von Roll. Heute ist es ein Kultur- und Begegnungszentrum. Foto: Wikimedia Commons

Vincent Oberer, Ludwig von Roll. Ein Solothurner Solddienstunternehmer im Dreissigjährigen Krieg, Schwabe Verlag, Basel, 2025. ISBN 978-3-7965-5219-9

 

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1 Kommentar

  1. Ein sehr interessanter Bericht. Eigentlich hat sich seit diesen Zeiten beim Reichwerden in der Schweiz gar nicht soviel geändert. Das Motto, sei loyal zur Elite des Geld- und Machtadels und sei ohne Skrupel gegenüber denen die du ausnützt.
    Die Superreichen in der Schweiz sind in unseren Zeiten auf den Schlachtfeldern der Börse und der weltweiten Marktwirtschaft anzutreffen und gehts ans Sterben, hinterlässt man sein Vermögen den glücklichen Erben, die dafür in manchen Kantonen nicht einmal besteuert werden; so bleibt der Reichtum dort wo er hingehört, bei den vermögenden Familien. Und jedes Jahr werden diese reicher, weil im Kapitalismus das Geld sich von alleine vermehrt, wenn man dem besagten Motto treu bleibt. Es lebe die Schweizer Demokratie!

    PS) Ein Prozent der Bevölkerung in der Schweiz besitzt fast die Hälfte des Gesamtvermögens; 22 % hat gar kein Vermögen.

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