Sie hat die Drogenszene erlebt und den linken Berner Genossen misstraut. Sie hat ihren Männern geglaubt und Enttäuschungen erlitten. Die Journalistin Laura Fehlmann, 70, erzählt im Buch „(K)Ein Kind von Traurigkeit“ von ihrem Leben als Stehauffrau.
Das pausbäckige Mädchen vor der Fahne ist Laura Fehlmann, damals 18-jährig. Sie marschierte am 1. Mai 1973 mit der Marxistischen Liga durch Bern. Laura war politisch links, sehr links. Immerhin war sie nicht derart links, dass sie sich mit den roten Fassaden begnügte. Weil sie den Dogmen misstraute, gaben ihr die Genossen zu verstehen, dass sie nicht zu ihnen gehöre. Besonders nervte Laura, dass einige Männer ihr unter dem Tisch die Hand auf die Oberschenkel legten. Und dass manche der roten Frauen stutenbissig waren.
Laura Fehlmann marschiert mit: Erst-Mai-Umzug 1973 in Bern
Den Genossenknatsch beschreibt Laura Fehlmann in ihrem kürzlich erschienenen Buch „(K)Ein Kind von Traurigkeit“. Es ist ein Lebensbericht. Laura wird 1955 in Burgdorf geboren. Bald zieht die Familie ins Deutschfreiburgische. Laura durchlebt und durchleidet hier ihre Schul- und Ausbildungsjahre. Sie pubertiert ausführlich und heiratet früh. Der junge Ehemann kommt ins Schleudern und handelt mit Drogen. Laura finanziert eines dieser Geschäfte. Der Deal fliegt auf und Jahre später kassiert Laura dafür eine Busse und eine bedingte Gefängnisstrafe.
Auch mit dem zweiten Ehemann klappts nur am Anfang. Die beiden reisen ein Jahr durch Südamerika. Ein paar Jahre später, zusammen mit ihrer kleinen Tochter, wollen sie in in Chile ein Entwicklungshilfeprojekt aufbauen. Trotzdem zerbricht die Beziehung. Dann, in der dritten Ehe, bekommt Laura ihr zweites Kind, einen Buben. Auch in dieser Gemeinschaft läufts nicht rund. Das Paar trennt sich, steht aber weiterhin in Verbindung.
Die ausgebildete kaufmännische Angestellte arbeitet bei verschiedenen Behörden und Institutionen und als Hilfspflegerin in Altersheimen. Sie steigt nebenberuflich in den Journalismus ein und arbeitet dann vollberuflich 25 Jahre lang als Regionalredaktorin bei der Berner Zeitung.
Kurz nach ihrer Pensionierung und noch vor dem Ukrainekieg fuhr sie mit ihrem Partner mit dem Velo von Kiew nach Sibirien. Seniorweb berichtete über das halbjährige Erlebnis.
Das 116-seitige Werk ist am eindrücklichsten, wenn die Verfasserin nahe an ihrem Leben und Schicksal bleibt. Sie erzählt von ihrem Vater, der in der Wohnung gerne nackt herumlief – und seiner pubertierenden Tochter sexuelle Andeutungen macht. Sie schreibt lebendig über ihre Grossmutter aus dem Südtirol, die ihr Geborgenheit und Lebensweisheit vermittelt.
Die 22-Jährige und ihre Grossmutter im Südtirol. Die alte Frau war für Laura eine wichtige Bezugsperson.
Amüsiert lernen wir den Berner Alternativklüngel kennen. Schmunzelnd nehmen wir die von ihrer Allweisheit überzeugten Politgenossen zur Kenntnis. Sie beschimpfen Laura als Abweichlerin und Verräterin. Nicht ganz so dicht fällt die Beschreibung der vielfältigen Verwandtschaft im Südtirol aus. Die Namen verwirren und behindern den Lesefluss.
„(K)Ein Kind von Traurigkeit“ beschreibt in knappen Sätzen das auch mal strube Schicksal einer heute 70-Jährigen. Sie strauchelt häufig, kommt aber immer wieder auf die Beine, und meistert ihr Leben jenseits der Konventionen.
Titelbild: Laura Fehlmann mit Hündin Nuschka heute. „Das Leben bietet bis ins Alter viele Möglichkeiten“, sagt die 70-Jährige.
Auf Seniorweb bereits erschienen: Veloreise nach Sibirien
Laura Fehlmann: (K)Ein Kind von Traurigkeit. Verlag Herrmann, Langnau i.E. ISBN 978-3-907229-52-1
Bilder: zvg
