Künstlerinnen sind in öffentlichen Kunstsammlungen bis heute erschreckend wenige zu finden. Die Ausstellung «In Frauen Hand – Künstlerinnen aus fünf Jahrhunderten» in der «Schatzkammer» der Zürcher Zentralbibliothek fragt nach den Vorurteilen gegenüber der schöpferischen Kraft von Frauen und präsentiert ein vielfältiges Werk.
Zum Superstar des 18. Jahrhunderts wurde die in Chur geborene Angelika Kaufmann (1741-1807). Was Rang und Namen hatte, wollte von ihr porträtiert werden. Zudem malte sie komplexe Historienbilder, eigentlich eine Männerdomäne. In London war sie 1768 Mitbegründerin der Royal Academy. Rom ehrte sie 1807 mit einem Staatsbegräbnis. Doch erst seit den 1960er Jahren erinnern umfassende Ausstellungen wieder an die einst gefeierte Künstlerin.
Angelika Kaufmann, Drei Grazien, 1803. ZBZ
Enzyklopädien mit Künstlerbiografien bilden das Grundgerüst der Kunstgeschichte. 1550 publizierte Giorgio Vasari ein erstes Kompendium in Florenz. Eine einzige Frau, die Bildhauerin Properzia de Rossi wird darin erwähnt. Hundert Jahre später gab Joachim von Sandrart in Nürnberg das erste deutschsprachige Kompendium heraus, ebenfalls mit einer verschwindend kleinen Zahl von Künstlerinnen. Johann Caspar Füssli d. Ä. widmete in seiner Geschichte der besten Künstler in der Schweitz von 1770 Anna Waser und Maria Sibylla Merian je einen Eintrag.
Anna Waser, Selbstporträt als Flora, 1690/1700. Gouache. ZBZ
Unter dem Kapitel Der forschende Blick werden die beiden Künstlerinnen vorgestellt. Füssli bezeichnete die Zürcher Malerin Anna Waser (1678-1714) als «eben so glänzend» wie ihre männlichen Kollegen, doch ihre besten Werke seien ins Ausland verkauft worden. Dreizehnjährig wurde sie an der Berner Malakademie des international angesehenen Malers Joseph Werner aufgenommen. Wilhelm Moritz von Solms-Braunfels engagierte sie 1700 als Hofmalerin. Doch zwei Jahre später musste sie die Stellung aus familiären Gründen aufgeben. Dafür schuf sie für ihren Grosscousin, den Zürcher Gelehrten Johann Jakob Scheuchzer, für dessen Naturalienkabinett wissenschaftliche Zeichnungen fossiler Objekte. Kunstvolle Werke, die wiederentdeckt wurden.
Maria Sibylla Merian, Tafel aus «Metamorphosis insectorum Surinamensium», 1705. Foto: Wikimedia Commons
Maria Sibylla Merian (1647-1717), Tochter des berühmten Frankfurter Verlegers Matthäus Merian d. Ä., gründete bereits vor 1665 in Nürnberg eine Malschule für Frauen. Sie leitete Kupferstecherinnen und Kunststickerinnen mit dekorativen Blumenmotiven als Zeichen- und Stickvorlagen an und publizierte diese in ihrem Neuen Blumenbuch (1675-1680).
1699 reiste sie mit ihrer Tochter nach Surinam, wo sie in den Tropenwäldern während zwei Jahren die Flora und Fauna studierte und aufzeichnete. Ihr Werk wurde von den Naturforschern damals hochgeschätzt. Im 19. Jahrhundert marginalisiert man ihre Verdienste als «vorwissenschaftlich». Doch ihre Klassifizierung von Insekten und Pflanzen, auch die indianischen Namen, sind heute wissenschaftlich anerkannt und gebräuchlich.
Frauen wurden bis weit ins 19. Jahrhundert an den Kunstakademien nicht zugelassen. Aktzeichnen war für sie aus sittlichen Gründen untersagt. Das Kapitel Der unbekleidete Körper thematisiert dieses wenig erforschte Gebiet. Zwar waren Vorlagen von Akten und anatomischen Studien zugänglich, doch erst im frühen 20. Jahrhundert konnten sie den nackten männlichen Körper nach dem lebenden Modell zeichnen.
Ausstellungsansicht, im Hintergrund: Margarete Greulich, Unbekannter männlicher Akt, 1914, Öl auf Karton, Schweizerisches Sozialarchiv, Zürich
Die Ölstudie Unbekannter männlicher Akt stammt von Margarete Greulich (1867-1917), Tochter von Herman Greulich. Der Gründer der Sozialdemokratischen Partei der Schweiz unterstützte seine Tochter auf ihrem Weg als Künstlerin. Ihre Aktstudien malte sie während eines Studienaufenthalts in München. Sie war damals bereits eine etablierte Künstlerin in Zürich und eine der wenigen, die nicht aus wohlhabender Familie stammte.
Klara Fehrlin, Selbstporträt, 1929, Privatbesitz
Seit jeher stellen sich Kunstschaffende selbst dar, um sich zu erforschen oder auch zu beweisen, wie gut sie die Malkunst beherrschen. Die niederländische Künstlerin Judith Leyster (1609-1660) stellte sich auf ihrem Selbstporträt als selbstbewusste Künstlerin dar und benutzte das Gemälde als Werbetafel für ihr Malatelier. Sie war die erste Frau, die von der Malergilde den Titel «Meistermalerin» erhielt.
Unter dem Titel Hier bin ich: Selbstrepräsentation werden verschiedene Selbstporträts seit dem 19. Jahrhundert vorgestellt. Klara Fehrlin (1895-1985) studierte an der Kunstgewerbeschule in München und arbeitete in verschiedenen künstlerischen Medien von Skulptur bis Textilkunst. In ihrem Selbstporträt zeigt sie sich als moderne, elegante und modebewusste Frau mit Bubikopf, Cloche-Hut und Pelzkragen mit einem offenen, etwas fragenden Blick. Ihre umfangreichen, nicht publizierten Memoiren zeugen von einer Frau, die tiefgründig und ehrlich über sich selbst nachdenkt und oft im Konflikt zwischen Künstlerin und familiären Verpflichtungen steht.
Isa Hesse-Rabinovitch, Der Wolf. Titelbild zu SJW-Heft 540, 1955. ZBZ. © Silver Hesse, Zürich
Gerne wurden Künstlerinnen in das Kunstgewerbe gedrängt, das gegenüber den «Schönen Künsten» als nicht gleichwertig angesehen wird. Gebrauchsgrafik und Illustration boten Möglichkeiten sich künstlerisch auszudrücken und dabei etwas zu verdienen. Durch neue Drucktechniken wurde der Kinderbuchmarkt ein Massenmarkt, für den Künstlerinnen als Illustratorinnen tätig waren. Einzelne wie Lisa Wenger (1858-1941) hatten grossen Erfolg. Ihr Bilderbuch Joggeli söll ga Birli schüttle (1908) ist bis heute erhältlich.
Die vielseitige Künstlerin und Grafikerin Warja Lavater (1913-2007) gestaltete bereits um 1936 Plakate. 1939 entwarf sie für den Schweizerischen Bankverein die drei gekreuzten Schlüssel, ein bis heute international bekanntes Firmenlogo, das noch immer für die UBS wirbt. Doch die Urheberin des Signets wird kaum erwähnt.
Unter dem Kapitel Neue Autonomie für Künstlerinnen weist die Schau auf Künstlerinnen hin, die ab dem letzten Drittel des 20. Jahrhunderts von ihrem Beruf leben können. Sie gaben im Vorfeld der Ausstellung Auskunft über ihren Werdegang.
Rosina Kuhn, Porträt Jamileh Weber, 1980. Jamileh Weber (1941-2024) führte in Zürich eine international erfolgreiche Kunstgalerie. Aquarell, Gouache, Bleistift.
Eine von ihnen ist Rosina Kuhn (*1940), Tochter der Bildteppichkünstlerin Lissy Funk und des Malers Adolf Funk. Auf elterlichen Wunsch wählte sie zunächst den Brotberuf der Zeichenlehrerin. Zu Beginn ihrer Karriere musste sie um Anerkennung kämpfen und bei Erfolg auch sexistische Bemerkungen anhören. Heute erlebt sie bei ihrer Arbeit keine Einschränkungen mehr. Doch bei den Kaufpreisen sind die Unterschiede zwischen den Künstlern und den Künstlerinnen immer noch eklatant.
Die Ausstellung setzt sich im Themenraum Turicensia der Zentralbibliothek fort. Im Lesesaal bereichern Interventionen von drei Künstlerinnen den Diskurs über Gesellschaft und Kunst. Zahlreiche Aufnahmen von Fotografinnen, auch aus der Pressebildfotografie, lassen sich hier entdecken, alle aus der Graphischen Sammlung, die ein Fotoarchiv mit über 600’000 Aufnahmen besitzt.
Titelbild: Ausstellungsansicht «Grafik für den Gebrauch». Fotos: ZBZ und rv
Bis 6. Dezember 2025
In Frauen Hand / In Her Hand – Künstlerinnen aus fünf Jahrhunderten, Ausstellung in der Schatzkammer und im Themenraum Turicensia der Zentralbibliothek Zürich
digitale Ausstellung über Pageflow
Publikation zur Ausstellung ISBN 978-3-299-00040-1
