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Pompöse Eröffnungsfeier am Opernhaus Zürich

Frische Ideen für das Opernhaus Zürich: Der neue Intendant Matthias Schulz hat seine erste Saison mit Pauken und Trompeten eröffnet. Das ganze Wochenende vom 19.-21. September war viel los. Die Krönung dieses Events war am Sonntagabend die Premiere des «Rosenkavaliers» von Richard Strauss.

Gleich zu Beginn konnte man Matthias Schulz als Künstler erleben. Am Freitagabend sass er am Flügel und begleitete die lettische Mezzosopranistin Elina Garanča in ihrem Liederabend. Und gleich danach, um 23 Uhr, begann das Eröffnungsfest «24h Opernhaus». Die Türen wurden durchgängig geöffnet: es gab ein nächtliches Konzertprogramm, eine sechsstündige Tanzperformance und Führungen durchs Haus. Und wer wollte, konnte ab zwei Uhr nachts sogar auf der Bühne übernachten. Der Andrang war gross.

Eines darf bei all diesem Happening nicht vergessen gehen. Am Samstag wurde im Bernhard Theater auch die neue Labor-Reihe für experimentelles Musiktheater eröffnet, mit der Uraufführung «Wie du warst! Wie du bist!» des Komponisten und Regisseurs Simon Stehen-Andersen. Im Zentrum des Abends stand die Star-Sängerin Liliana Nikiteanu, um die sich das Experiment drehte.

Komödiantisches und Tiefgründiges

Auch die Premiere des „Rosenkavaliers“ passte gut ins Eröffnungskonzept. Richard Strauss und Hugo von Hoffmannsthal haben in dieser Oper Komödiantisches und Tiefgründiges genial vermischt. Auf den ersten Blick wirkt der «Rosenkavalier», der 1911 in Dresden uraufgeführt wurde, altertümlich und konventionell. Doch mit ihrer überkünstelten Sprache wird in dieser Oper das adlige Gehabe karikiert. Und dank der vielfältigen, auch dissonant zugespitzten musikalischen Mittel, deren sich Strauss bediente, schwebt diese Komödie regelrecht zwischen den Zeiten.

Liebe, Sex und deshalb auch das Bett spielen eine wichtige Rolle im «Rosenkavalier».

Die Geschichte dreht sich um die Feldmarschallin Fürstin Werdenberg und den Baron Ochs auf Lerchenau. Die Marschallin vertreibt sich ihre Zeit gerne mit dem 17jährigen «Buben» Octavian im Bett. Und auch ihr Vetter Baron Ochs hat nichts als Sex im Sinn. Er ist ein grober Lüstling und steht kurz davor, die junge Sophie zu heiraten. Die Tradition will, dass der Bräutigam seiner Braut über einen Boten eine silberne Rose überreichen lässt – Octavian wird dafür auserkoren. Dieser verliebt sich jedoch bei der Rosenübergabe in Sophie. Und die weise Marschallin erkennt das Unumgängliche und lässt ihren jungen Liebhaber ziehen.

Das ästhetische Konzept eines Künstlers

Diese Inszenierung des Rosenkavaliers basiert auf einer früheren Produktion der Los Angeles Opera. Sie wird stark geprägt von der hyperrealistischen Bilderästhetik des Künstlers Gottfried Helnwein, der für die Ausstattung und die ästhetische Gesamtkonzeption verantwortlich zeichnet. Helnwein taucht jedes der drei Bilder in eine eigene Farbe: blau, gelb und rot. Dabei werden die Farben vom Bühnenbild über die Kostüme bis zu den Perücken übernommen.

Die Farbgestaltung prägt die Bildästhetik des Künstlers Gottfried Helnwein, verantwortlich für Ausstattung und Bühnenbild.

Allein schon diese Farben verleihen der Szenerie eine surreale Note. Dazu kommen wenige, sehr langsam bewegte Videobilder, die das Fliessen der Zeit gekonnt vor Augen führen. Regie führt die US-Amerikanerin Lydia Steier, die in Europa gross Karriere macht. Sie potenziert mit ihrer Personenführung das Machogehabe noch, etwa mit der Vergewaltigungsszene der betrunkenen Sippschaft des Barons an der Botin. Das Komödiantische wird überzeichnet, und die liedhaft verinnerlichten Momente der Marschallin bleiben schlicht und ergreifend.

Die Dirigentin Joana Mallwitz

Der üppige Klang des Orchesters wird von der Dirigentin Joana Mallwitz im Zaum gehalten. Die Chefdirigentin und künstlerische Leiterin des Konzerthausorchesters Berlin sorgt für einen weichen, sehr klaren und transparenten Klang. Besonders heikel sind die irrwitzig schnellen Dialoge, das Plapperhafte und Geschwätzige in diesem Stück. Da muss alles stimmen, schnell und präzise sein: Töne, Rhythmus, Empfindung. Die Sängerinnen und Sänger singen ihre Melodien oft wie gesprochene Phrasen, das Orchester treibt sie voran.

Diana Damrau betört als Marschallin

Für die Hauptpartie der Marschallin konnte Diana Damrau gewonnen werden. Eine ideale Besetzung, denn Damrau vermag mit ihrer schlanken, agilen Stimme das Reflektieren von Zeit und Vergänglichkeit ergreifend auszugestalten. Ob in «Es ist der Lauf der Welt» oder «Die Zeit ist ein wundersames Ding», Damraus lyrisch-verklärter Gesang geht unter die Haut.

Ein Liebespaar, das muss natürlich sein: Octavian (Angela Brower) und Sophie (Emily Pogorelc). (Alle Bilder Opernhaus Zürich/Matthias Baus)

Die Hosenrolle des Octavian findet in Angela Brower eine kecke, die jugendliche Naivität authentisch spielende Sängerin von Format. In der Rolle der Sophie gibt die Sopranistin Emily Pogorelc ein überzeugendes Rollendebüt. Echt betörend ihr Gesang, mit dem sie bei der Rosenübergabe den Octavian bezirzt. Und ihre Empörung gegenüber dem handgreiflichen Baron Ochs gestaltet sie mit temperamentvoller Kraft. Diesen Baron macht Günther Groissböck mit einem deftigen Wiener-Akzent und seiner voluminösen Stimme zu einem echten Widerling.

Viereinhalb Stunden dauerte diese Premiere, denn es gab zwei halbstündige Umbaupausen. Doch das Publikum blieb guter Stimmung, genoss die pompöse Eröffnungsfeier und war von dieser Premiere hell begeistert. Was will man mehr als neuer Intendant.

Die Premiere wurde vom Schweizer Fernsehen SRF1 und vom Kultursender arte live, aber zeitversetzt übertragen. Diese Aufzeichnungen sind ab dem 2. Oktober als Video-on-Demand auf Play Suisse und auf arte concert verfügbar.

Weiter Vorstellungen: 26. Sept, 01/05/14/17/21/26 Okt 2025

 

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3 Kommentare

  1. Die SRF Übertragung wurde durch einen Sportkommentator (R.M.Salzgeber) moderiert. Das zeigt die (geringe) Wertschätzung für die Kultur. Dabei hätte doch SRF hervorragende aktuelle oder frühere (Wannenmacher, Salathé) Moderatorinnen vom «Kulturplatz».

  2. Dem Namen nach ist der neue Intendant Deutscher, was die „pompöse“ Eröffnung erklärt. Wohlstand macht alles möglich, aber passt das zur Schweiz?

  3. Weil ich es so toll fand, dass das Schweizer Fernsehen endlich einmal wieder echte Kultur zu dieser Zeit life in die Deutschweizer Stuben ausstrahlte, sah ich mir diese Sendung voller Vorfreude an. Zugegeben, ich bin kein grosser Opernfan, doch die Musik, die schönen Stimmen, das gute Schauspiel, haben mich überzeugt. Die Bühnenbilder, die Farben und Kostüme sowie das künstliche Gehabe insgesamt dieser Inszenierung war für mich to much und ist nach meiner Meinung mit dem Inhalt des Stückes nicht kompatibel.

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