Ratgeber zum Glück sind beliebt. Das Buch „Vom Glück, in einem Chor zu singen“ ist keiner. Oder mehr als das: Nämlich auch eine Analyse der aktuellen Chorszene und deren Geschichte, geschrieben für Chorsängerinnen und Chormuffel.
Für Autor Stefan Moster liegt ein zentraler Aspekt des Glücksgefühls in der Gemeinschaft eines Chors, die voraussetzungslos sei: „Man muss nicht verwandt sein, nicht befreundet sein, es muss kein Begehren geben, die anderen müssen einem nicht mal sympathisch sein“. Der Übersetzer aus dem Finnischen und Romanschriftsteller ist auch sängerisch engagiert: als Teil einer singenden Familie seit frühester Jugend, später und bis heute als teilnehmender Beobachter der reichen Chorszene unter besonderer Berücksichtigung von Laienchören, Dorfchören, Spitzenchören, von denen es in Deutschland über 60 000 gebe.
Und was Leserinnen und Leser erfreut, Moster ist ein Kenner und Beschreiber der grossen Partituren und der kleinen Songs, welche regelmässig von Chören aufgeführt werden. Fachkompetent setzt er sich mit der abendländischen Chorliteratur auseinander, die traditionell als Oratorium oder als Messe und, von vielen Komponisten vertont, als Stabat Mater daherkommt. Wie sollen ungläubige oder andersgläubige Chormenschen mit diesen religiösen Texten umgehen? Einfach singen, die Wörter seien ja nur Grundlage der grandiosen Klänge, die Freude machten.
Stefan Mosters Glücksbuch übers Singen im Chor ist auch ein Geschichtsbuch über die Herkunft des mehrstimmigen Chorgesangs unter Berücksichtigung kriegerischer Hetzgesänge, die schon im Dreissigjährigen Krieg nachgewiesen werden können: «Alles, was missbraucht werden kann, wird missbraucht», sagt Moster, «auch der polyphone Gesang.»
Dem Philosophen Theodor W. Adorno waren die rückwärtsgewandten Männerchöre nach dem zweiten Weltkrieg suspekt: «Die Chorgeselligkeit erzeugt künstliche Wärme.» Aber Männerchöre seien nicht per se reaktionär, betont der Autor. Er erinnert auch an Chorgesang zur Befreiung, an die Menschenkette-Chor-Demonstration der Esten, Letten und Litauern 1989, welche 1991 nach dem Putsch in der Sowjetunion zur Unabhängigkeit des Baltikum ohne Waffengewalt führte. Oder andersherum: Im Mai 1933 hat das nationalsozialistische Regime alle Arbeiterchöre, die im deutschen Arbeitersängerbund organisiert waren, als marxistische Vereinigungen verboten, die Dachorganisation aufgelöst und enteignet.
Exkurs: Der jüdische Dichter Hans Sahl emigrierte 1933 aus Deutschland nach Zürich. Tibor Kasicz komponierte 1937 die weltliche Kantate Jemand gegen den Hitlerfaschismus, beruhend auf einem Libretto von Hans Sahl nach dem Holzschnittzyklus Die Passion eines Menschen von Frans Masereel. Die Uraufführung erfolgte 1938 durch das Zürcher Arbeitersängerkartell im Volkshaus Zürich. Wieder aufgeführt wurde das Werk bei den Junifestwochen Fluchtpunkt Zürich 1988.
Aber klar, in jedem totalitären Staat wird der regimekonforme Chorgesang gefördert. Denn schliesslich vermittelt das Singen im Chor Gemeinschaftsgefühle und diese wiederum machen froh und glücklich. Dass dabei Glückshormone freigesetzt werden, ist nachgewiesen. Das erleben Menschen regelmässig als Effekt einer Chorprobe: Abgespannt und missgelaunt sowie eigentlich zu müde für irgendwas taucht man im Probenlokal auf, dann folgen zwei Stunden Konzentration in einer Gemeinschaft, am Ende verabschiedet man sich gut gelaunt und voller Energie.
Fragt sich, für wen Stefan Moster sein Buch Vom Glück, im Chor zu singen, geschrieben hat. Wer dieses Glück kennt – wohl fast alle Chorsängerinnen und Chorsänger – wird bestätigt, erfährt dennoch viel Wissenswertes über die Physiologie der Stimmbildung bis zu präzis beschriebenen Partituren von Barockmusik bis zu zeitgenössischen Kompositionen. Locker wechseln sich Informationen mit Anekdoten aus dem Fundus des recherchierenden Sängers Moster ab und es geht um Höhepunkte der Chormusik – von Bach über Pärt bis zu den Fischerchören. Wie Moster singt, steht in dem Buch nicht drin, aber dass er ein begabter Schreiber ist, weiss man spätestens dann, wenn man das Buch – unterteilt in viele Kapitelchen – liest wie eine spannende Erzählung, auch wenn immer wieder anders die mehrstimmige Polyphonie als Grundgesetz dieses Chorglücks zur Sprache kommt.
Wer ausser in den Schulstunden nie mitgesungen hat, liest das Buch vielleicht eher als Ratgeber und bekommt Lust, einen Versuch zu wagen. Zumal im Buch betont wird, dass ein Neuling weder Noten lesen noch singen können müsse: Singen ist eigentlich wie jede Form von Fitnessaktivität ein Sport, der geübt werden kann: Kehlkopf, Atmung, Zwerchfell, Stimmbänder sind abhängig von einem Muskeltraining. Und wie bei jeder Tätigkeit heisst es, je älter jemand ist, desto mehr Training braucht es, bis die Stimme nicht nur sprechen, sondern auch singen kann und den Ton trifft. Wobei Mitsingen kann man auch leise und nicht ganz rein, oder überhaupt nicht: Dabeisein in einem Chor ist alles, auch dazu weiss Moster eine Anekdote.
Exkurs: In der Schweiz gibt es Tausende von Chören. Samt Kontaktadressen zu finden über eine Internetseite. Oder wenn Sie sich noch der Lieder ihrer Jugend erinnern: schauen Sie im nächstgelegenen Pflegeheim vorbei: Meist wird mit den alten und dementen Menschen gesungen. Singen Sie mit und staunen Sie, wie sämtliche Strophen von «s Ramseiers wei go grase» begeistert mitgesungen werden.
Das Buch ist kein Spiegel einer rückwärtsgewandten Szene, denn wer sich das Casting an grossen internationalen Chorfestivals anschaut, sieht nebst den üblichen Verdächtigen immer mehr junge Vokalensembles, die mit Beatboxing (mit Mund und Mikrofon Schlagzeug spielen) und Choreographien ihre Idee vom Chorgesang demonstrieren.
Moster wünscht sich mehr Chöre – vom Kirchenchor bis zum Flashmob – als Alternative zum «Wutbürgertum», weil zusammen singen grundsätzlich besser sei, als wütend herumzuschreien. Beim Chorgesang stellt sich Synchronität zwischen den Individuen ein. Alle bringen ihr je eigenes Ego ein, aber das Atmen und Töne herstellen macht erst Freude, wenn alle zusammen das gleiche tun: einen polyphonen Klangkörper aufbauen.
Titelbild: Der Chor Interkultur bei einer Probe. Foto: ec
Anstelle von Fotos gibt es Videos:
– Das «Abendlied» von Gabriel Rheinsberger ist eins der beliebtesten Chorlieder überhaupt
– Auf RTR Musica gibt es viel Chormusik, unter anderm auch Uraufführungen vom Chor Interkultur
– Der «Heaven can wait Chor» gibt schon im Trailer alles
– Singen können sie: Jugend beim Festival im Sittertobel
Stefan Moster: Vom Glück, im Chor zu singen. Suhrkamp/Insel Berlin 2025. ISBN 978-3-458-64524-5
Hilfreiche Websites:
Das Schweizer Chorverzeichnis
Täglich zuhause allein aber nicht solo: Einsingen um 9

