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Leben am Ende der Eiszeit

Wie lebten die Menschen gegen Ende der letzten Eiszeit? Welche Tiere durchstreiften die Landschaft? Die Familienausstellung «Eiszeit. Leben vor 17 000 Jahren» im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen gibt Antworten und nimmt die Besuchenden mit zu Mammuts und Rentieren, zu Jägerinnen und Sammlern.

Prähistorische Funde aus der Region werden im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen in der Dauerausstellung Von der Steinzeit zu den Römern präsentiert. Doch aktuell gibt es zusätzlich eine thematische Schau Eiszeit. Leben vor 17 000 Jahren mit Fragen, wie die Menschen damals lebten, sich ernährten oder kleideten, kuratiert von Florian Ter-Nedden. Interaktive Medienstationen laden kleine und grosse Besuchende dazu ein, selbst aktiv zu werden, etwa eine Schnur zu zwirnen, mit Feuerstein zu schnitzen oder virtuell ein Rentier zu jagen und so in das Leben von damals einzutauchen.

Heinrich Meyer-Bührer, Eiszeitbild, um 1942. Die Nordschweiz nach dem maximalen Eisvorstoss der letzten Eiszeit, im Vordergrund links entsteht der heutige Rheinfall, rechts die Doppelschlaufe von Altenburg – Rheinau.

Als sich vor rund 17 000 Jahren der Eiszeitgletscher zurückzog, kehrten die Menschen in unsere Gegend zurück. Noch war es zehn Grad kälter als heute und in der Graslandschaft wuchsen keine Bäume, nur an geschützten Stellen Zwergbirken und Kriechweiden. Rentierherden, Moschusochsen und Mammuts zogen durch die karge Kältesteppe, aber auch kleine Gruppen von Menschen von 20 bis 30 Angehörigen einer Grossfamilie. Man nimmt an, dass auf dem Gebiet der heutigen Schweiz kaum mehr als 150 Personen lebten.

Blick in die Ausstellung

Die Menschen ernährten sich von Früchten, Nüssen, Samen und Wurzeln sowie durch Jagen. Sie folgten den Tieren und trafen sich im Frühling bei der Kesslerlochhöhle bei Thayngen zur Rentierjagd. Hier fand man über 40’000 Knochen von erlegten Tieren, vor allem von Schneehasen, Rentieren und Wildpferden. An der Jagd nahm wohl die ganze Sippe – Männer, Frauen und Kinder – teil. Es brauchte viel Geschick und eine gute Strategie, um es mit einem Mammut aufzunehmen. Die Tiere lieferten neben der Nahrung auch Felle, Leder, Knochen, Geweihe, Sehnen und vieles mehr. Alles wurde vom Tier verwertet: Nicht nur das Muskelfleisch, auch Fett, Blut und Innereien. Grössere Knochen wurden aufgeschlagen, um an das energiereiche Knochenmark zu gelangen. Es gab nur wenige Pflanzen als Nahrungs- und Heilmittel.

Von den gesammelten Beeren, Knollen und essbaren Pflanzen blieb kaum etwas erhalten, trotzdem waren diese für die Ernährung essenziell.

Pfeil und Bogen gab es damals noch nicht, dafür war die Speerschleuder verbreitet, bestehend aus einem hölzernen Schaft, einem Widerhaken und einer Speerspitze, oft mit Tierdarstellungen verziert. Neben leichten Wurfspeeren nutzten die Jägerinnen und Jäger auch stabile, aus zwei Geweihstangen zusammengesetzte Stosslanzen mit kräftigen Lanzenspitzen. Auch Harpunen wurden verwendet, vor allem beim Fischfang.

Verzierte Geschossspitzen aus Rentiergeweih und Silex

Das Wollhaarmammut mit seinem dichten, langen Fell und einer dicken Fettschicht war perfekt an die Kältesteppe angepasst. Es lebte in Familiengruppen und ernährte sich von Gräsern, Kräutern und Sträuchern. Mit einer Schulterhöhe von 3 bis 3,5 Metern und einem Gewicht von 4 bis 5 Tonnen war es etwa so gross wie der asiatische Elefant. Dass das Mammut gejagt wurde, belegen Knochenfunde beim Kesslerloch, die fast alle von Jungtieren stammen. Neben Fleisch und Fett dienten die riesigen Stosszähne, das Mammutelfenbein, zur Herstellung von Lanzen- und Geschossspitzen, Schmuckanhänger und Figuren. Mit der Erwärmung vor rund 16 000 Jahren verschwand das Mammut aus unserer Region.

Ausgestopftes Mammut vor der Kulisse einer Kältesteppe in der Region um Schaffhausen

Die Menschen waren keine «Höhlenmenschen». Höhlen konnten kurzfristig Unterschlupf bieten, aber die Menschen waren Nomaden und lebten vor allem in Zelten. Sie mussten mobil sein, um den Beutetieren zu folgen. Das Brennmaterial in der Steppe war knapp, Feuerstellen wurden mit Steinen überdeckt, um die Glut zu schützen und die Wärme zu speichern.

Nachbau eines Zeltlagers. Die experimentelle Archäologie zeigt, wie ein Zeltlager damals ausgesehen haben könnte.

Der wichtigste Rohstoff der Steinzeit war Silex, auch Feuerstein genannt, der in der Umgebung von Schaffhausen leicht zu finden war. Er diente nicht nur zum Funkenschlagen und Feuermachen. Mit seinen messerscharfen Kanten war er auch ein Schneidewerkzeug. Aus Silex wurden Werkzeuge und Waffen hergestellt, um Hölzer, Pflanzenfasern, Tierhäute, Sehnen und andere Materialien zu bearbeiten. Gewobene Stoffe gab es damals noch nicht. Kleider bestanden aus Fell oder Leder. Dieses wurde mit Silex gereinigt und zugeschnitten und dann mit Sehnen und Fäden aus Pflanzenfasern durch vorgestochene Löcher mit Nadeln aus Knochen zusammengenäht.

Aus dem Geweih der Rentiere wurden zahlreiche oft mit Ritzzeichnungen verzierte Objekte hergestellt.

Ein besonderes Exponat in der Ausstellung ist ein Lochstab aus dem Kesslerloch. Verziert ist er mit einer Ritzzeichnung eines brünstigen Rentierbullen, der die Fährte eines Weibchens aufnimmt. Dar Name «Das Weidende Rentier» stammt aus der Zeit der Entdeckung vor 151 Jahren. Lochstäbe bestehen aus einem Stück Geweih, das an der Gabelung durchbohrt und oft mit Tierzeichnungen verziert ist. Doch ihre Funktion ist unbekannt. Die Inuit in Grönland verwenden sie, um mit Wasserdampf über dem Feuer krumme Geweihstäbe oder Äste zu begradigen.

Lochstab mit Ritzzeichnung eines Rentiers. Das sogenannte «Weidende Rentier» aus dem Kesslerloch ist der bekannteste Fund jener Zeit in der Schweiz. Foto: Museum zu Allerheiligen Schaffhausen

Auch wenn keine Höhlenmalereien wie in Frankreich und Spanien bekannt sind, ist die Schaffhauser Fundstelle Kesslerloch und Schweizersbild doch besonders reich an kleinen Objekten, die von Kreativität und handwerklichem Geschick zeugen: Schnitzereien und Ritzzeichnungen auf Geweih, Knochen oder Stein. Dargestellt sind fast ausschliesslich Tiere. Sie belegen, wie wichtig sie im Leben der Menschen waren. Menschen selbst wurden selten dargestellt etwa in Form stark abstrahierter Frauenkörper, sogenannter Venus-Figuren. Pflanzen- und Landschaftsdarstellungen sucht man vergeblich.

Kesslerlochhöhle bei Thayngen. Foto: Wikimedia Commons.

Die Kunstwerke am Ende der Eiszeit zeigen, dass die Menschen ebenso talentiert und intelligent waren wie wir. Über grosse Distanzen standen sie miteinander in Kontakt und tauschten Ideen und Güter aus. In ganz Europa stellte man vergleichbare Werkzeuge, Waffen, Kunstwerke und Schmuck auf ähnliche Weise her.

Fotos: rv

Bis 15. März 2026
Eiszeit. Leben vor 17 000 Jahren. Sonderausstellung im Museum zu Allerheiligen Schaffhausen
Publikation zur Ausstellung: «Pop Up #2, Das Kesslerloch», Hrsg. Kantonsarchäologie Schaffhausen, Broschüre, CHF 9.00

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