Die Schachtziege (Bild) lebt untertage in einem verlassenen Steinkohlebergwerk in Ostdeutschland. Falsch, alles falsch, bloss eine Legende. Immerhin haben wir das Kohlengrubentier kürzlich in einem Seniorweb-Kommentar zu einer Kolumne gesichtet.
Normalerweise bezieht sich Seniorweb nicht auf Kommentare seiner Leserinnen und Leser zu Artikeln. Hier umgehen wir diese Regel. Am 5. November schrieb Reiner Rucks eine Stellungnahme zu Anton Schallers Kolumne „Putin richtig verstehen“. Rucks bezeichnete sich als Präsident des Schachtziegenverbandes. Aha,Tippfehler dachten wohl die meisten und verbesserten zu Schlachtziegen. Falsch. Es gibt sie wirklich, die Schachtziege. Zuhause ist sie in Oelsnitz bei Chemnitz im Erzgebirge. Bis 1971 förderten dort Bergleute Steinkohle.
Harte Arbeit war das. Ein robuster Humor erleichterte sie. Dazu gehören die Geschichten um die mysteriöse Schachtziege. Niemand hat sie je gesehen. Doch weil es bei der Arbeit unter Tage nie ganz still ist, lassen sich manche Geräusche leicht als das Meckern einer Geiss interpretieren. Wenn junge Bergleute erstmals unter Tage fuhren, wurden sie von den älteren Kollegen angehalten, Heu mitzubringen – eben für das hungrige Grubentier.
Unter anderem hier soll die Schachtziege daheim gewesen sein. Das Karl-Liebknecht-Bergwerk in Oelsnitz. Seit 1986 ist es teilweise ein Museum.
Weil Bergleute wenig später das Futter entsorgten, war nach der Schicht keines mehr da. Klar, das galt als Beweis für die Geiss. Um die sächsische „Schachtziesch“ ranken sich manch wundersame Geschichten. Diese zum Beispiel: Die Arbeiter hatten es satt, saure Ziegenmilch zu trinken. Ab 33 Metern Tiefe beginnt die Milch zu gären. Deshalb hätten sie sich entschlossen, vor Ort eine Ziege zu halten.
Reiner Rucks, der Verfasser des Seniorweb-Kommentars und selbsternannter „Schachtziegen-Verbandspräsident“, hat das Untertagevieh auch noch nie gesehen. Immerhin hat er Bergbau-Erfahrung. Er war vor seinem Studium Betriebsschlosser unter Tage beim VEB Steinkohlenwerk Martin Hoop IV. Rucks ist heute ein skeptischer BRD-Bürger und war damals ein skeptischer DDR-Bürger. Der 79-Jährige ist Buchautor. Über seine DDR-Vergangenheit schreibt er: „Marx war Theorie. Murks war Praxis.“
Link zum Kommentar von Reiner Rucks und zur Kolumne von Anton Schaller
Bilder: Titel Skulptur von Janusz Radtke in Oelsnitz; Wikimedia


Von der Schachtziege hatte ich auch noch nie gehört.
Aber noch im 19. Jahrhundert wurden Kanarienvögel von Bergleuten in den Stollen mitgenommen. Denn die kleinen Sänger verstummten, wenn der Sauerstoff knapp wurde, bzw. wenn Kohlemonoxid – hochgiftig! – austrat. Da wurden die Vögelchen ohnmächtig und fielen von ihrer Stange, ein Warnsignal für die Bergleute.
«Böse Wetter» nannte man damals diese tödlichen Gasgemische.
Anno 1416 wurde erstmalig die Schachtziege im Zwickauer Steinkohlenrevier erwähnt. Nachzulesen im Buch :»Kohleberg und Weiberarsch» (ISBN 3-910195-34-2).In meinem Buch: «Wer vorwärts will, sollte rückwärts schauen…oder Unzensierte Gedanken im Zeitraffer» (ISBN 978-0-244-30836-0) erkläre ich im Abschnitt-Kuriose Episoden- die verrückte Geschichte, wie unter strenger Geheimhaltung (nicht einmal das MfS erfuhr davon) der Verband zum Schutze und der Förderung der Schachtziegen gegründet wurde. Ohne Druckgenehmigung der SED sorgten Ehrenurkunden, 500x das Statut und Anträge für die Kandidatenliste für die lustige Aufnahmeprozeduren in Karl-Marx-Stadt, Zwickau etc.! Die letzte Schachtziege wurde 1978 im Martin-Hoop-Werk IV feierlich in den Ruhestand verabschiedet. Die Nachkommen sind im Zeugenschutzprogramm. Wenn im Erzgebirge neue Schächte zur Gewinnung von wichtigen Rohstoffen fertiggestellt sind, kommen unsere Schachtziegen zur Versorgung der Bergleute mit frischer Milch gemäß dem Regierungsprogramm zur Aufwertung des Erzgebirges wieder zum Einsatz. Auch die Population der Schachtmäuse ist gesichert. Glück auf!