Vom Bauhaus nach Amerika führte der Weg von Anni Albers, Künstlerin, Weberin und Textildesignerin. Ihre Werke sind so modern, als wären sie gerade erst entstanden. Das Zentrum Paul Klee zeigt in «Anni Albers. Constructing Textiles» die erste Schweizer Einzelausstellung.
Erst in der Ferne – in Amerika – erhielt die Textilkünstlerin die Anerkennung, die ihrem grossen und vielseitigen Werk gebührt. Schon seit ihrer Jugend zeichnete Annelise Else Frieda Fleischmann (*1899 in Charlottenburg bei Berlin); den Künsten galt wohl ihr grösstes Interesse. Sie besuchte in Berlin das Ethnologische Museum, um besonders Werke aus Südamerika zu studieren. Später unternahm sie gemeinsam mit ihrem Mann Josef Albers Reisen nach Mexiko, Peru und Kolumbien.
Nach einem «Umweg» über Hamburg – an der Dresdner Kunstakademie wurde sie als Frau nicht angenommen -, kam sie 1922 ans Bauhaus in Weimar und fand dort ihren Platz. Sie studierte Farbenlehre bei Johannes Itten, lernte Paul Klee kennen, den sie besonders als Persönlichkeit sehr schätzte, und heiratete Josef Albers (*1888), dessen Hauptrichtung Architektur war. In den letzten Jahren, bevor das Bauhaus 1933 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde, war Albers sein Co-Direktor.
Ausstellungsansicht (Foto mp)
Seine Frau, nun kurz und einprägsam: Anni Albers, fand zwar im Bauhaus eine breite Palette an künstlerischen Möglichkeiten. Es war jedoch auch da ein Nachteil, eine Frau zu sein: Anni Albers wurde der Textilwerkstatt zugeteilt. – Für die Entwicklung dieser Kunstrichtung allerdings ein Glücksfall, zumal das Bauhaus in seinen Anfangsjahren nur wenige feste Strukturen besass. Anni Albers hat bis an ihr Lebensende (gest. 1994 in Orange, Connecticut USA) die Möglichkeiten der Textilkunst erforscht, genutzt und erweitert.
Anni Albers: Knot, 1947, Gouache auf Papier, 43,1 × 51,1 cm. Foto: Tim Nighswander / Imaging4Art © 2025 The Josef and Anni Albers Foundation / ProLitteris, Zurich
Ihr erstes grosses Werk zeigt, wie Anni Albers an eine Arbeit heranging, nämlich mit klugen Überlegungen und Intuition, mit Mut zu neuen Ideen, was für dieses Objekt geeignet war: Sie hatte als ersten Auftrag, zugleich die Abschlussarbeit 1929/30 ihrer Ausbildung, einen Wandbehang zu entwerfen für die Aula der Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes. Dieser Betonbau benötigte nicht nur ein ästhetisches Element, sondern auch eine Verbesserung der Akustik, was Anni Albers mit einem Wandteppich aus Chenille erreichte. – Die aktuelle Ausstellung zeigt, dass sie die unterschiedlichsten Materialien für ihre Arbeiten wählte.
Anni Albers: Schreinverkleidung für die Kongregation B’nai Israel, Woonsocket, Rhode Island, 1962. Jute, Baumwolle und Lurex auf Holz- und Aluminiumpanels aufgezogen. 161,9 × 245,2 cm. Foto: Tim Nighswander / Imaging4Art © 2025 The Josef and Anni Albers Foundation / ProLitteris, Zurich
Die grosse Vielfalt der Arbeiten erkennen die Besucherinnen und Besucher beim Rundgang durch Renzo Pianos grosses Museum. Dieser luftige hohe Raum begeisterte die Co-Kuratorin Brenda Danilowitz von der Josef-and-Anni-Albers-Foundation in Bethany CT bei ihrem ersten Besuch in Bern: «Endlich haben die Wandteppiche, Vorhänge und Raumteiler genug Platz». Brenda Danilowitz hatte Anni Albers in deren letzten Lebensjahren noch persönlich kennengelernt und sprach mit Hochachtung über die Ausstrahlung der Künstlerin. Sie habe nicht sehr viel geredet, sei aber stets präsent gewesen und habe sich präzis und wohl überlegt geäussert.
Anni Albers: Sheep May Safely Graze, 1959. Baumwolle und synthetische Fasern, 36,8 × 59,7 cm. The Museum of Arts and Design, New York, gift of Karen Johnson Boyd, through the American Craft Council, 1977. © 2025 The Josef and Anni Albers Foundation / ProLitteris, Zurich
Wie viele Künstler musste sich das Ehepaar Albers nach Hitlers Machtergreifung neu orientieren. Sie konnten in die USA auswandern, denn das neu gegründete Black Mountain College in North Carolina lud Josef Albers ein, das Kunstdepartement aufzubauen. Anni Albers startete einen Webkurs für die Studierenden.
Anni Albers, ca. 1960. Foto: Josef Albers © 2025 The Josef and Anni Albers Foundation / ProLitteris, Zurich
In den folgenden Jahren entwickelt Anni Albers ihre Kunst. Sie pflegt daneben ihr Talent, Essays über Kunst und ihre Tätigkeit zu schreiben, nun sogar auf Englisch. 1938 verfasst sie einen Text über die Webereiwerkstatt am Bauhaus. Dieser wird im Katalog der Ausstellung über das Bauhaus 1938 im Museum of Modern Art New York publiziert. Auch ihre Textilarbeiten werden dort gezeigt. 1949 wird ihr am gleichen Ort eine Einzelausstellung ausgerichtet. In den folgenden Jahrzehnten erhalten beide, jeder in seinem Arbeitsfeld, wichtige Aufträge. Joseph Albers stirbt 1976, die gut 10 Jahre jüngere Anni bleibt aktiv und lebendig, bis sie am ihrem 69. Hochzeitstag 1994 friedlich verstirbt.
Anni Albers: Ancient Writing, 1936. Baumwolle und Viskose. 150,5 × 111,8 cm. Smithsonian American Art Museum, Washington, D.C., Gift of John Young. Foto: bpk / Smithsonian American Art Museum / Art Resource, NY
Textilmuster, Sprache und Text weiss Anni Albers kunstvoll zu verknüpfen. Kuratorin Fabienne Eggelhöfer zeigt ein Bündel Khipo-Schnüre, die bei den Ureinwohnern in Peru ebenfalls verschiedenen Zwecken dienten, vor allem auch als «Archiv» und verweist auf Anni Albers’ Bildteppich Ancient Writing. Albers: «Wenn du es anschaust, vermittelt es dir Wissen. Das Werk hat eine Bedeutung.»
Mit den Jahren beginnt sie, Arbeiten auf Papier auszuprobieren. Sie wirken wie eine Befreiung von Muster und Raster, vom Zwang zu Kette und Schuss. – Denn schräge Linien oder gar runde Formen lassen sich in Textilien schwer oder nur annähernd herstellen.
Das Spektrum der Webformen wird immer breiter: Bettüberwürfe und Raumteiler für Studentenzimmer im College, die müssen vor allem strapazierfähig sein; ein wunderschöner roter Wandbehang für ein Hotel in Mexiko zu den Olympischen Spielen 1936; Vorhänge für Synagogen und Kirchen; besonders eindrucksvoll die Ausgestaltung im Jewish Museum New York zum Gedenken an die Holocaust-Opfer. Daneben Arbeiten für Privatpersonen.
Ausstellungsansicht (Foto mp) Anni Albers: Maschinengewobene Schreinvorhänge (1962) für die Kongregation B’nai Israel, Woonsocket RI
Stets hatte Anni Albers alle Aspekte eines Werkes im Auge, Nachhaltigkeit im besten Sinne war ihr ein Anliegen: die Materialien, die sie für die Realisierung einer Arbeit nutzen wollte, der Ort, wo ein Werk platziert werden sollte, und die Menschen, die mit dem Werk leben würden.
«Anni Albers. Constructing Textiles» zeigt das Zentrum Paul Klee in Bern
bis 22. Februar 2026.
Beachten Sie das reichhaltige Begleitprogramm für alle «zwischen 9 und 99 Jahren»
Titelbild: Ausstellungsansicht (Foto mp)

