StartseiteMagazinKulturJunge Kunst trifft bekannte Meister

Junge Kunst trifft bekannte Meister

Die Kunstsammlung als kulturelles Gedächtnis. So versteht das Kunstmuseum Solothurn seinen gesellschaftlichen Auftrag. Unter dem Titel We Care! zeigt es gemeinsam mit den Museen im Kanton, wie es sich dieser Aufgabe widmet.

Wer das Kunstmuseum Solothurn kennt, weiss, dass Sonderausstellungen – wenn es passt – von Werken aus der Sammlung ergänzt werden. Francisco Sierra (*1977 in Santiago de Chile) findet in seiner Nachbarschaft Werke von Ferdinand Hodler (1853-1918) oder ein paar Schritte weiter Stillleben des Holländers Frans Snyders (1579-1657), Weggefährte von Peter Paul Rubens, oder ein Stillleben von Georges Braque (1882-1963). Denn auch Francisco Sierra hat sich mehrmals künstlerisch mit Stillleben auseinandergesetzt.

Die andere Künstlerin, der die besondere Aufmerksamkeit dieses Herbstes gilt, ist Karin Borer (*1981). Sie beeindruckt durch ihre witzigen, ja hintersinnigen Installationen und sieht sich begleitet unter anderem von Cuno Amiet (1868-1961), der eng mit Solothurn verbunden war. Karin Borer erhielt 2024 den Ausstellungspreis der Stadt Solothurn, einen  Preis, der vom Kunstverein Solothurn ausgerichtet wird und mit einer Einzelausstellung im folgenden Jahr verbunden ist.

Dafür hat Karin Borer neue Werke geschaffen, die Installationen Worries for another day und Spin! Spin! Spin! und eine Videoinstallation Miracle Reverse, deren Titel dieser ersten Ausstellung der Künstlerin den Namen gab.

Karin Borer, Worries for another day, 2025, 5 Puppen, Metall, Motor, Bank, Bonbons, Sound: Daniel Kurth, Kunstmuseum Solothurn. Foto: David Aebi

In dieser Installation (s. Bild) kreisen mehrere kleine Puppen, gekleidet in Frack mit weissen Handschuhen und gemusterten Hosen, unter der Decke des Saales. Sie erinnern an einen bekannten Kinderfilm in einer Fantasiehöhle, in der gesungen, gelacht und getanzt wurde. – Sorgen (worries) waren ausgesperrt. Die Künstlerin stellt dies als zerbrechliche Suche nach einem Ausgleich zwischen Spiel und Ernst, zwischen Freiheit und Abhängigkeit dar. Die Puppen in der Mechanik der Installation sind ja nicht wirklich frei. Trotz der Leichtigkeit in der Luft sind da die Drähte, an denen die Puppen hängen und sie abhängig machen.

Videostill aus Karin Borer, Spin! Spin! Spin!, 2025, HD Video, 11’33», 3 Ex. plus 2 AP, Sound: Daniel Kurth, Kunstmuseum Solothurn. Foto: David Aebi

In der Videoarbeit führt der Weg von der Dunkelheit einer Höhle in die arrangierte Stille eines chinesischen Steingartens. Die kunstvoll-anspruchsvolle Montage verschiedener Bildquellen zeigt uns, wie zerbrechlich Illusionen sind. Als Symbol dafür nimmt Karin Borer das Auge – ein künstliches Auge! Das führt uns weg vom emotionalen Miterleben zum abstrakten Sehen: Faszination und Irritation fliessen ineinander.

Francisco Sierra ist in Solothurn kein vollkommen Unbekannter, 2013 schon wurden hier seine Zeichnungen gezeigt. Seit seiner Jugend lebt er mit seiner Familie in der Schweiz, seit Längerem in Cotterd VD am Murtensee. Nach seiner Ausbildung als Geiger 2003 begann er zu malen – als Autodidakt. Von 2018 – 2023 arbeitete er als künstlerischer Assistent an der ETH Zürich. Seine Werke konnte er schon in vielen Ausstellungen präsentieren. Förderpreise und Auszeichnungen bestätigen Sierra auf seinem künstlerischen Weg.

Francisco Sierra: Mare e Monti in Mano 2025. Öl auf Leinwand, dreiteilig. Courtesy der Künstler und von Bartha. Foto: Sébastien Verdon

Den Titel Alfombra (Teppich) hat Sierra seiner Solothurner Ausstellung gegeben. In diesem Teil der Ausstellung erhalten wir Besucherinnen und Besucher Einblicke in Sierras Kindheitserinnerungen, in seinen Alltag, seine Wünsche, in seine Musik – die ganze Vielfalt des Lebens schwebt durch den Raum und verwandelt sich in fantastische Gebilde. Die starken Farben und Formen halten der Ausdruckskraft von Hodlers Gestalten durchaus stand.

Francisco Sierra: De Bloemenkops, 2015. Öl auf Leinwand. 220×170 cm. Privatsammlung Schweiz. Foto: Conradin Frei

Lazuli, 2025 entstanden, (s. Titelbild) erscheint der Betrachterin als Studie über die kaum fassbare Kraft der blauen Farbe, die bekanntlich aus dem Halbedelstein Lapislazuli gewonnen wird. Die ewige Bewegung des Meeres drückt sich darin aus und ebenso Gedanken, die noch nicht ausgeformt aus der Tiefe des allgemeinen Gedächtnisses auftauchen.

Francisco Sierra liebt das Experiment als Ausgangspunkt eines neuen Projekts. Er fertigt selbst Tonmodelle an, lässt sich von Fotos oder von irgendeinem Stück Kitsch inspirieren. Daraus entstehen vielleicht genaue Darstellungen von Tieren oder vielschichtige Stillleben,  ins Groteske verdrehte Figuren. Das regt an, die Werke mit einem neuen Blick anzuschauen, nicht allein Sierras Werke, sondern eben auch die Künstlerinnen und Künstler aus der Sammlung des Museums.

Ausstellungsansicht Sébastien Verdon

Damit erfüllt sich die Absicht der Kuratorinnen Tuula Rasmussen, Patricia Bieder und der Direktorin Katrin Steffen: We Care! versteht sich als Einladung, im Rahmen der neuen Sammlungspräsentation so manch einen «Spezialgast» im Haus neu zu entdecken.

Die Sammlungspräsentation «We Care!» in Solothurn ist im Kunsthaus Solothurn noch bis 1. Januar 2026 anzuschauen.
Das Kunsthaus Grenchen zeigt eine eigene Schau «We Care! Grenchen Makes It Work» bis 22. Februar 2026.
Beachten Sie die Veranstaltungsangebote auf den Webseiten der beiden Museen.

 Titelbild: Lazuli, 2025, Öl auf Leinwand. 170×240 cm. Privatsammlung. Foto: Sébastien Verdon.

 

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