…uraufgeführt am letzten Freitag in der TV-Arena im «Quartier Leutschenbach» in Zürich. In der tragenden Hauptrolle: Alfred Gantner (57), der sich gerne Fredy nennen lässt, von der Hochfinanz am Zugersee. Ein beeindruckendes Mannsbild im hellen Freizeitlook, mit einem sympathischen Gesichtsausdruck, einnehmenden Gesten und verschmitztem Lächeln, wenn es passt. Er erinnert eher an einen sieggewohnten «Bösen» aus der Schwinger Zunft als an einen knallhart, brillant agierenden Grossinvestor. Bis heute hat er nach seinen Angaben mit seiner Partners Group nicht weniger als 100 Milliarden in den USA investiert, beispielsweise auch in die bekannte Flieger-Uhrenmarke «Breitling», die der Gruppe gehört. So unterscheidet er sich beinahe in allem von den Bankern an den Zürcher Bahnhofstrasse, die in perfekten Massanzügen, hellblauen Hemden und mit einer diskreten, im Windsor-Stil umgebundenen Krawatte in Erscheinung treten, in vornehmen Räumen Kunden aus aller Welt beflissen empfangen.
Von Wolodymyr Selenskyj hat er gelernt. Bevor er zum Besuch ins Oval Office nach Washington flog, kaufte er sich in Windeseile im Kleidergeschäft PKZ noch rasch einen dunklen Anzug von der Stange mit dem obligaten Zubehör. Er wollte nicht wie der ukrainische Präsident gar vor die Tür gestellt oder wegen seines eigenwilligen Outfits von Trumps Mannschaft gehänselt zu werden. Das wäre für ihn ein Graus gewesen. Und wie hätte er den Goldbarren, die Rolex-Uhr dem Präsidenten überreichen können, wenn er nicht den Outfit-Ansprüchen des Beschenkten im Oval Office gerecht geworden wäre.
Und siehe da. Auf der Arena-Bühne standen die vier Vertreter der Bundesrats-Parteien wie im Oval Office, aufgereiht vor der Hauptperson des Abends: vor Fredy Gantner. Dazwischen agierte der Dompteur, Sandro Brotz (56). Von seiner Rolle wird noch zu reden sein. Und wie die Nebenfiguren ihre Aufgabe lösten, sei hier kurz skizziert. Jon Pult (SP, 41) war der Aufsässigste. Er liess nichts durch. «Wenn aus der vorliegenden Absichtserklärung ein Vertragswerk entsteht, können wir den Daumen nach unten oder nach oben heben», seine Kernbotschaft. Thomas Aeschi (46) sein Gegenpart von der SVP, sah seine Aufgabe darin, die SP massiv zu attackieren: «Ihr spritzt nur rum.» Und wer von einem Unterwerfungsvertrag mit den USA spreche, unterschlage wider besseres Wissen, dass es nur einen Unterwerfungsvertrag gebe: den neuen, verheerenden Vertrag mit der EU. Basta. Philipp Matthias Bregy, der Mitte-Präsident, argumentierte aus der Mitte. Er war an sich recht kritisch gegenüber den USA-Absichten, versuchte aber auch auszugleichen. Eben die Mitte. Benjamin Mühlemann(46), der neue Co-Präsident der FDP, musste zuerst seine völlig andere Position als die seiner Co-Präsidentin Susanne Vincenz-Stauffacher (58) wortreich verteidigen; sie hatte sich weit kritischer zu den USA-Absichten geäussert. Daneben war er vor allem sanft, zeigte Verständnis für die USA.
Es gab eine Frau auf der Bühne, die einzige, die eines wagte: das Wort «Korruption» in den Mund zu nehmen. Lisa Marie Mazzone (37), die zierliche, eloquente – selbst in Deutsch – Präsidentin der Grünen aus Genf, grenzte sich von Gantner – trotz örtlicher Nähe auf der Bühne – deutlich ab. Schaute ihm in die Augen: Die Geschenke hätten Korruptionscharakter gehabt und hätten Trump versöhnlich stimmen sollen. Trump sei ein korrupter Präsident, der sich weder um Verfassung, Gesetze, Gerichte, noch um Verträge, noch um eine regelbasierte Welt-Wirtschaftspolitik kümmere, sondern zuerst seine eigenen Interessen und die seiner Familie in aller Welt in den Vordergrund stelle. Gewöhnungsbedürftig wird sein, dass Jürg Grossen (58), der halbgrüne GLP-Präsident, der direkt neben Mazzone stand, noch sanfter, noch verständnisvoller als sein FDP-Kollege Mühlemann auftrat. Dafür erhielt er gleich zweimal Lob von Gantner.
Nun noch zum Dompteur Brotz. Er hat es zu einem unterlassen, Gantner konkretisieren zu lassen, was er in der Sendung «Gredig direkt» angetönt hat. Dass er, als er von Helene Budliger (60), Staatssekretärin im Seco, kontaktiert wurde, danach sein professionelles, hochqualifiziertes Team beauftragt habe, über das Wochenende die aktuelle Situation zu analysieren und aufgrund der Resultate ein Vorgehensplan zu entwickeln, wie mit der Administration Trump erfolgreich zu verhandeln sei. Die folgenden Fragen drängten sich in diesem Zusammenhang doch geradezu auf: Hat Gantner das im Auftrag oder im eigenen Interesse getan? Hat das Seco den Vorschlag aufgenommen und umgesetzt? Und zum anderen: Stimmt es, dass es bereits im Mai einen unterschriftsreifen Vertrag mit Zöllen von 10% gab? Dass der Bundesrat sich nur zögerlich mit ihm befasst habe, so zu viel Zeit verstreichen liess? Und die Bundesräte Ignazio Cassis (64) und Beat Jans (61) hätten über Mitberichten ein rasches, zeitgerechtes Entscheiden hintertrieben? Aufklären tut Not.
Und als Brotz am Schluss Gantner fragte, ob Trump auch für die Interessen der Schweizer Bevölkerung ein gewisses Interesse aufbringe, ging Gantner schon gar nicht darauf ein, sondern legte sein vorbereitetes, wohl auch eingeübtes Statement laut und deutlich dar: Mit dem Deal und den 15% Zöllen würden zwar ein paar tausend Stellen in der Schweiz verloren gehen, mit einem Zoll vom 39 % dagegen würden es 10-, gar 100-Tausende sein. Wir hätten die Wahl. Und er setzte noch einen drauf. Genau genommen hätte die Schweiz mit 6,7% über das Ganze gesehen die tiefsten Zölle aller europäischen Länder. Sandro Brotz fragte weder nach, noch liess er sich die 6,7% zuhanden der Zuschauerschaft erklären. 1:0 für Gantner.
Das Fazit: Weil eine Rolle an diesem Abend, die der Staatssekretärin, nicht besetzt war, fiel die Uraufführung ins Wasser. Helene Budliger hätte alles erklären können. So blieb das meiste im Ungefähren, viele Behauptungen ungeklärt, Spekulationen nicht ins richtige Licht gerückt. Die 39%-Zölle gelten nach wie vor. Wenn wir Glück haben, reduziert Trump noch vor Weihnachten die Zölle auf 15%. Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass der Weihnachts-Mann künftig aus dem Weissen Haus in Washington kommt. Es sei denn, Fredy Gantner übernimmt stellvertretend die Rolle von ihm, wenn er jetzt gleichzeitig eine PR-Kampagne als vom «Blick» ernannter Aussenminister zu starten gedenkt. Wenn es nicht so ernst wäre, kann man darüber zumindest schmunzeln. Fortsetzung folgt, auch auf dieser Arena-Bühne. Hoffentlich in der richtigen Besetzung, so dass die offenen Fragen auch beantwortet werden.


Lieber geschätzter Toni – du musst vielleicht nochmals reinhören: Eigeninteresse, Auftrag, Bundesrat wurde alles gefragt oder besprochen. Dass er nicht alles auf den Tisch legt, dürfte auch dir klar sein. Wir bleiben dran!
Bei allem Verständnis für Ihren anspruchsvollen Job als «Arena» Moderator, die leider bisher einzige politische, aber in dieser Form m.E. nicht mehr zeitgemässe Diskussion im deutschweizer Fernsehen, können Sie Herr Brotz, sorry für meine Kritik, bei Urs Gredig, mit seiner Sendung «Gredig direkt», von seiner sehr direkten und dennoch immer empathischen und pointierten Gesprächsführung noch viel lernen. Aktuellstes Beispiel die Sendung mit Wirtschaftsführer Alfred Gantner (siehe Link). Sie sollten unbedingt reinhören. Nach diesem sehr aufschlussreichen Gespräch verstehe ich den Deal zwischen unserer Regierung, den Wirtschaftsvertretern und Diktator Trump in einem anderen Licht. Danke Urs Gredig, das haben Sie, wie immer, gut gemacht.
https://www.srf.ch/play/tv/gredig-direkt/video/alfred-gantner-hat-die-schweiz-im-zoll-deal-ihre-ehre-verkauft?urn=urn:srf:video:deace4d0-35c5-46ef-948f-be760f442b8f
Für das brillant geschilderte Schauspiel «Trump und sein Zollhammer» von Anton Schaller gibt es von mir viel Applaus!!