Schon bald nach seinem Erscheinen 1958 war «Il Gattopardo» ein Bestseller. Heute gilt Giuseppe Tomasi di Lampedusas erster und einziger Roman als Klassiker, gar als «Jahrhundertroman». Co-Intendantin Pinar Karabulut am Schauspielhaus Zürich zeigt in der Schiffbau-Halle eine pompös ausgestattete Inszenierung der Roman-Vorlage.
Der Roman spielt auf Sizilien zur Zeit des italienischen Risorgimento (1860er Jahre) und folgt dem alternden Fürsten Don Fabrizio Salina. Während Garibaldis Truppen die Insel erobern und die gesellschaftliche Ordnung ins Wanken gerät, beobachtet der Fürst den politischen und sozialen Wandel mit melancholischer Distanz. Sein Neffe Tancredi unterstützt die neuen Machthaber und heiratet Angelica, die schöne Tochter des aufstrebenden Bürgermeisters Don Calogero – ein Symbol dafür, dass die neue Zeit von bürgerlichem Geld statt aristokratischer Tradition geprägt wird. Don Fabrizio erkennt, dass seine Welt untergeht, und zieht sich immer mehr zurück. Eine der zentralen Einsichten des Romans, vorgetragen von Tancredi, lautet: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, muss sich alles verändern».
Hautnah am Original
Regisseurin und Co-Intendantin Pinar Karabulut zeigt in ihrer ersten Inszenierung in der Schiffbau-Halle eine Bühnenfassung, die hautnah am Original bleibt, macht die atmosphärische Struktur des Romans und seiner Figuren spürbar erlebbar. Gespielt wird in einer historischen Kulisse, einem sizilianischem Palazzo mit Kronleuchtern, gerahmten Gemälden, opulenten Requisiten und verblassenden Tapeten, die den Niedergang des aristokratischen Glanzes andeuten.
Der Tag beginnt mit dem Rosenkranzgebet vor dem Hausalter.
Um auf ihre Plätze zu gelangen, durchschreiten die Zuschauer eine rot gefärbte Zimmerflucht mit Türen, dann das Vorzimmer mit den beiden Einschubboxen Bad und Büro und vorne den Salon. Mit der gedrehten Tribüne verschafft Bühnenbildnerin Michaela Flück einen veritablen Einblick in die Flucht von Palasträumen. Die Figuren, eingekleidet von Sara Valentina Giancane, agieren in opulenten historischen Kostümen, die Damen des Hauses in schwarzen Roben, als Kontrast dazu die aufstrebende Angelica bauchfrei mit bunt gefärbtem Steifrock.
Abwechselnd spielerisch und erzählend
Karabuluts Inszenierung hält sich an die Textvorlage, zelebriert den unwiderruflichen Niedergang des Adels abwechselnd spielerisch und erzählend. Politische Unruhe liegt in der Luft, Fürst Don Fabrizio (Markus Scheumann), den Tag beginnend mit Rosenkranzgebet und den üblichen gesellschaftlichen Pflichten und ständig begleitet von dem Verwalter Ciccio (Michael Neuenschwander) und dem Hauspriester Pirrone (Peter Knaack), spürt, dass seine Welt bedroht ist. Sein Neffe Tancredi (Mouataz Alshaltouh) verkündet, er werde sich Garibaldi anschliessen, verliebt sich in der Sommerresidenz der Fürstenfamilie in Donnafugata in Angelica, der bildschönen Tochter des neureichen Bürgermeisters Don Calogero (Alexander Angeletta). Die beiden heiraten, beim Tanz mit Angelica am Hochzeitsball in Palermo erkennt Don Fabrizio die Macht der neuen Zeit.
Markus Scheumann als Fürst Don Fabrizio spricht über seine Agonie.
In sinnlichen Tableaus und mit einer Portion feiner Ironie wird schön choreografiert der Untergang eines noch feudalen Zeitalters in der dreieinhalbstündigen Aufführung (mit Pause) ausgebreitet. Haften bleibt vorab nach der Pause der berührend erzählte Tod von Don Fabrizio. Einfach grandios, wie Markus Scheumann in der Rolle des Fürsten auf- und abschreitend über seine eigene Agonie spricht. Auch sonst glänzt er dabei, wie er auf ruhige und besonnene Art das Verschwinden eines ganzen Lebensstils verkörpert. Nicht minder überzeugend agiert Sophia Mercedes Burtscher als Fabrizios spröde Tochter Concetta, die bitter erkennt, dass Tancredi sich von ihr abwendet, und die Avancen des Grafen Carlo Cavriaghi (David Rothe) ignoriert.
Was bleibt, ist ein grossartiger Theaterabend mit pompöser Ausstattung und einem grandios aufspielenden Ensemble. Dafür gabs am Premierenabend langanhaltenden Applaus.
Titelbild: Mirjam Rast als Angelica mit bunt gefärbtem Steifrsock verkörpert den Aufbruch. Fotos: Krafft Angerer
Weitere Spieldaten: 4., 5., 9., 12., 17., 19., 21, 26., 30. Dezember, 2., 7., 10. Januar 2026

