StartseiteMagazinKulturEine flüchtige Begegnung zweier ungleicher Menschen

Eine flüchtige Begegnung zweier ungleicher Menschen

Der Berner Autor und Regisseur Markus Keller hat die Bühnenversion des Films «Jet Lag – Wo die Liebe hinfliegt» weiterentwickelt und bringt die romantische Komödie, zwanzig Jahre nach der Uraufführung, ein zweites Mal auf die Theaterbühne. Das Stück spielt in Paris und trägt den geheimnisvollen Titel «Duftwolken».

Im Dezember pflegen Theaterleitungen Komödien auf den Spielplan zu setzen, um dem Publikum am Jahreswechsel gehobene Unterhaltung zu bieten. Nicht selten werden an Silvester zwei Vorstellungen gespielt, was in der Regel zu willkommenen Zusatzeinnahmen führt.

Etwas anspruchsvoller ist die Stückwahl: Nach Aussage von Markus Keller, Doyen der Berner Kleintheaterszene, sind gute Komödien, die noch nicht jede und jeder kennt, rar. Zu berücksichtigen gilt es auch die feinen kulturellen Unterschiede: Die deutschen «Schenkelklopfer» oder Stücke mit typisch britischem Humor stossen in der Schweiz auf weniger Begeisterung. Lieber wählt Markus Keller französischen Komödien.

In der Abflughalle gestrandet: Philipp wird von der attraktiven Claire überrascht.

So war es auch diesmal. Die künstlerische Leiterin des Effingertheaters, Christiane Wagner, und er entschieden sich für eine Reprise der Bühnenversion des Erfolgsfilms «Jet Lag», den das Effingertheater exakt vor zwanzig Jahren, an Silvester 2005, gezeigt hatte. Regie führte damals Stefan Meier. Beim zweiten Anlauf übernahm Markus Keller selber die Regie, wohl im Bewusstsein, dass das Stück einer Weiterentwicklung seines damaligen Textes und der Charakter bedurfte.

Dies geschah denn auch während der vierwöchigen Probephase. Einen wesentlichen Input leisteten neben Keller die vier Spielende, allen voran die zweisprachige Judith Seither: Die Schauspielerin, die sowohl im französischen als auch im deutschen Sprachraum zu Hause ist, sorgte dafür, dass angesichts der inhaltlichen Veränderungen der französische Charme der Komödie erhalten blieb. Die Premiere am Samstagabend hat gezeigt, dass das Ziel vollauf gelungen ist.

Was nun? Zwei sich zugewandte Personen gemeinsam im selben Hotelzimmer?

Abflughalle mit Hintergrundgeräuschen

«Duftwolken» erzählt die Geschichte eines Mannes und einer Frau, die sich zufälligerweise auf einem Flughafen in Paris treffen und unerwartet zueinander finden: eine flüchtige Begegnung zweier ungleicher Menschen, zuerst in der anonymen Abflughalle, dann im kuscheligen Hotelzimmer.

Aus meteorologischen Gründen können weder Philipp (Christoph Keller), ein prominenter Geschäftsführer eines New Yorker Gourmet-Restaurants, noch die attraktive Kosmetikerin Claire (Judith Seither) wegfliegen. Mit ihrer quirligen Art sorgt die umtriebige Claire für Chaos und überfordert den introvertierten Philipp, der aus medizinischen Gründen Pillen schlucken muss.

Vom Dauerstress überfordert, sinkt Philipp (Christoph Keller) die Arme von Claire (Judith Seither).

Dauernd klingelt das Telefon: Philipp wird von seiner Partnerin Susan (Karo Guthke), die im New Yorker Restaurant Mitverantwortung trägt, mit neuen, verganen Geschäftsideen überhäuft, während Claire von ihrem eifersüchtigen Mann Serge (Fabian Guggisberg) gesucht wird.

Da Philipp zwischenzeitlich kollabiert und die Warterei in der Flughafenhalle unerträglich wird, wechseln er und Claire in ein Hotelzimmer, das ihnen von der Fluggesellschaft zur Verfügung gestellt wird. Dort bekommen die Gefühle der beiden Flügel, ohne dass es zu Intimitäten kommt.

Anruf aus New York: Philipps kanadische Partnerin Susan (Karo Guthke) hat eine neue Geschäftsidee.

Hin- und hergerissen zwischen Anziehung und Ablehnung, aber verfolgt von eifersüchtigen Partnern, wird die «Kohabitation» im Hotelzimmer immer absurder. Peinliche Situationen wechseln sich mit grotesken Missverständnissen ab. Die Kostüme (Sybille Welti) sind auf das gehobene Ambiente abgestimmt. Die Lichtwechsel im Hotelzimmer (Claudia Pfitzenmaier) sorgen für Spannung und Diskretion.

Selbstverständlich sei der Schluss der Geschichte hier nicht verraten. Nur so viel: Die Komödie «Duftwolken» kombiniert Elemente von Romantik sowie Humor und bietet einen Einblick in die Herausforderungen und Freuden der spontanen Verliebtheit, während sie gleichzeitig die Themen «Flucht» und «Neubeginn» behandelt. Das beeindruckende Bühnenbild (Peter Aeschbacher) wird durch diskrete Hintergrundgeräusche ergänzt.

Was zeichnet eine gute Komödie aus?

Eine Komödie ist lustig, wenn sie Erwartungen zerstört, ohne das Publikum zu verletzen, und der sich wiederholende Bruch in einem guten Rhythmus zu regelmässigen «Pointen» führt. Ob etwas komisch wirkt, hängt dabei immer auch von Publikum, Kontext und Thema ab.

Auf der Suche nach seiner Frau Claire taucht in der Abflughalle Serge (Fabian Guggisberg, rechts) auf.

Eine gute Komödie verbindet wohldosierten Humor mit einer spannenden Handlung und einem emotional befriedigenden Ende. Entscheidend ist, dass das Publikum sich in den Figuren sowie Konflikten wiedererkennt. Weitere Voraussetzungen sind ein hohes Spieltempo, permanente Überraschungen, Verwechslungen und stimmige Wortspiele. Wenn die Zuschauenden von Aktionen und Reaktionen immer wieder aufs Neue überrascht werden und die gezeigten Handlungen ihrem Mitdenken stets einen Schritt voraus sind, dann ist für gute Unterhaltung gesorgt.

Lacher gegen Langeweile

Dies alles ist bei «Duftwolken» der Fall. Wenn sich die attraktive Claire von Kopf bis Fuss mit Parfum einsprüht und der sensible Philipp allergisch darauf reagiert, dann sind Lacher vorprogrammiert. Wohltuend ist, dass die Inszenierung auf die heute üblichen Anspielungen auf Gender- und Queer-Themen sowie auf belehrende Freiheits- oder Gleichberechtigungsappelle verzichtet. Es müssen nicht politische oder woke Bühnenexperimente sein, es darf auch wieder einmal eine konventionelle, klassisch inszenierte Aufführung gezeigt werden.

Mit der TV-Fernbedienung lenkt Philipp von peinlichen Momenten ab.

Last but not least: Das diesjährige Silvesterstück am Effinger hat keinen edukativen Auftrag, es will «nur» unterhalten. Das ist angesichts der Dramatik des zu Ende gehenden Jahres gut so. Das gesetzte Ziel ist dem Autor und Regisseur Markus Keller sowie dem gesamten Ensemble vollauf gelungen.

Titelbild: Ungeplantes Wiedersehen im Hotelzimmer: v.l.n.r: Philipp, Claire, Susan und Serge, die Protagonistinnen und Protagonisten der Berner Silvesterkomödie «Duftwolken». Alle Fotos Severin Nowacki

Vorstellungen bis 10. Januar 2026

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THEATER AN DER EFFINGERSTRASSE

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