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In Apulien ankommen

Kein berühmter Ort sollte es sein, nicht überlaufen von Touristen, doch mit genug Gelegenheiten, mein Italienisch zu verbessern; nicht nur das Meer sollte locken, sondern auch etwas Kultur. Ich entdeckte Otranto auf Italiens Stiefelabsatz und fühlte mich dort sehr wohl.

Die kleine Stadt Otranto (ca. 5’500 Einwohner) liegt, je nachdem, welche Strecke man fährt, zwischen 1’500 und 1’650 km von meinem Wohnort entfernt. Am romantischsten wäre es natürlich gewesen, übers Meer zu fahren, mit einem eleganten Segelschiff – eine schöne Illusion. Ich buchte einen Flug nach Brindisi, nahm dann den Zug nach Lecce, dem Hauptort der ganzen Provinz.

Erinnern Sie sich? In den 1950er und 60er Jahren fuhren Fernzüge von Deutschland und der Schweiz nach Lecce, vollbesetzt von Italienern, die zu Festtagen oder Ferienzeiten mit riesigen Mengen Gepäck in ihre Heimat fuhren. Auch heute noch ist Lecce, übrigens eine sehr schöne Stadt, das Ende des Bahnnetzes von Trenitalia. Im Bahnhof musste ich suchen, wo die Kleinbahn nach Otranto abfuhr, noch schwieriger war es, ein Ticket zu kaufen.

Auf dem Weg nach Otranto

Es war eine angenehme Art anzukommen, ich kam der Landschaft, den Ortschaften und den Menschen immer näher. Gegen Otranto zu fuhr der Zug auf einem Damm, so dass ich über die weiten Olivenplantagen, den Weinanbau und die Gemüsefelder blicken konnte. Schliesslich kamen wir in Otranto an. Nur der Triebwagen kam unter Dach zum Halten, beim Aussteigen aus den Wagons fühlten wir uns wie auf dem Land, nicht in einer Stadt.

Bitte alle aussteigen

Die erste Überraschung: Der Bahnsteig befand sich im 2. Stock des Bahnhofsgebäudes – ohne Lift, ohne Rampe, meinen Koffer musste ich zwei Stockwerke runtertragen. Vor dem Bahnhof die nächste Überraschung: In Otranto gibt es keine Taxis und keinen Ortsbus. Einzig kleine dreirädrige Mopeds mit Sonnendach waren zu sehen, aber sie waren von anderen Personen bestellt worden, wie und wo, konnte ich so schnell nicht herausfinden.

Bahnhof Otranto

Mit meinem Rollkoffer fühlte ich mich mobil genug, um mindestens ein Stück weit zu Fuss zu gehen. Das war gar nicht schwierig, denn nun waren nur ein paar einzelne Stufen zu bewältigen. Es war September, die Sonne schien, aber nicht zu heiss. So begann mein Aufenthalt mit einem Spaziergang. Da ich mir zu Hause eingeprägt hatte, wo mein Hotel lag, war es nicht schwer, dorthin zu finden.

Am Meer angekommen, gönnte ich mir eine Kaffee-Pause und versicherte mich, dass ich auf dem richtigen Weg war. Eine gute halbe Stunde war ich unterwegs, und als ich am Hotel ankam, war ich zufrieden, mich nach Flugzeug und Zug zu Fuss bewegt zu haben, und ein bisschen stolz, den Weg im fremden Ort gefunden zu haben. Erst später hörte ich, wie andere Touristen ins Hotel kommen: Sie rufen an, und ein Hotelauto holt sie am Bahnhof ab. Ich hingegen hatte schon ein wenig apulische Luft in der Nase.

Einer der kleinen Strände

Im Hotel erhielt ich das – in meinen Augen – schönste Zimmer mit einem grossen Fenster nach Osten aufs Meer – bei klarer Luft konnte ich bis in die südalbanischen Berge schauen. Es wurde ein wunderbarer Aufenthalt: Otranto und seine Umgebung erkunden, mein Italienisch üben, mit Einheimischen und Touristen schwatzen, baden, – so hatte ich es mir vorgestellt und so wurde es.

Kathedrale Santa Annunziata

Das historische Otranto ist malerisch, was in Italien nicht erstaunt. Es hat auch Kunstschätze zu bieten: In der Kathedrale, der Basilica minor aus dem 12. Jahrhundert, Sitz des Erzbistums Otranto, sind sehr gut erhaltene byzantinische Mosaike aus dem 12. Jahrhundert zu besichtigen.

Eine erschreckende Episode ist immer noch nicht vergessen: 1480 eroberten die osmanischen Türken Otranto und anschliessend weitere Teile Apuliens. Der Sultan in Konstantinopel sah sich nämlich immer noch als Herrscher über das zerfallene Byzantinische Reich, dem vor Jahrhunderten auch Otranto angehört hatte. Der Sultan liess 800 Christen, die sich gegen einen befohlenen Übertritt zum Islam sträubten, enthaupten, darunter den damaligen Erzbischof von Otranto. – Wenig später zogen sich die Türken zurück, denn in Konstantinopel waren Machtkämpfe ausgebrochen.

Mosaike schmücken den Boden der Kathedrale

Der Hafen von Otranto, seit der Antike ein wichtiger Stützpunkt für die Seefahrt, war bei meinen Rundgängen durch das Städtchen ein ruhiger Ort, zwei- oder dreimal legte ein stolzes Segelschiff an, das mich zum Träumen verleitete.

Soll ich noch erzählen, wie meine Rückreise verlief: Inzwischen war auch in Otranto der Herbst angebrochen. Der Sturm heulte um mein Fenster, es regnete und wurde überraschend kühl. Ich nahm gern das Angebot der Hotelfamilie an und liess mich im Auto zum Flughafen Brindisi fahren. Ohne Umsteigen und ohne Fussmärsche kehrte ich in die Schweiz zurück.

Alle Fotos mp

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6 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen lebendig geschriebenen Einblick in Ihr Reiseerlebnis in Otranto. Ich kannte das SeniorenWeb nicht und bin darauf gestossen , weil ich nach Orten in Süditalien suchte, weit ab vom Tourismus, um Ruhe zum Schreiben zu finden. Otranto scheint eine Spur zu sein.

  2. Otranto ist nur eine Spur, es gibt in Apulien noch mehr lohnenswerte Städte und wundervolle blaue Strände, die mit geschichtsträchtigen Landschaften, Bollwerken und Burgen wetteifern um die Gunst der Touristen. Wer die Wahl hat, hat die Qual. Ich war das erste Mal im Leben und erst dieses Jahr dort. Wenn ich noch weiter gut zu Fuss sein kann, werde ich fast sicher dorthin fahren.

  3. ich kenne Apulien schon sehr lange. Habe viele Orte gesehen. Es gibt eine Menge kleinere
    Orte am Meer, welche sich für das Ausruhen, lesen und schreiben sich lohnen. Otranto
    ist bereits eine Touristenstadt.

  4. Dieser Reisebericht gefällt mir sehr. Gut beschrieben, was es heisst, an einem unbekannten Ort anzukommen. Danke Frau Petzold.
    Aber weshalb denn immer noch per Flugzeug reisen?
    Innerhalb von Europa gibt es viele Zugverbindungen.
    Bei dieser Gelegenheit empfehle ich ein tolles Buch von „lonely planet“: „EUROPA MIT DEM ZUG, entspannt und nachhaltig durch den Kontinent reisen“

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