Das griechische Regieduo Angeliki Papoulia und Christos Passalis inszeniert am Schauspielhaus Zürich Euripides` Kriegsgefangenendrama «Hekabe» als zeitloses Dokument, wie grenzenloses Leid einen Menschen verändern und die moralischen Folgen von Gewalt infrage stellen kann.
Ein Leichensack fällt von oben in einen riesigen stählernen Schiffsbauch. Darin befinden sich die Überreste des Priamos` Sohn Polydoros. Gestalten mit Taschenlampe und Schutzmasken öffnen den Sack und wenden sich entrüstet ab. Polydoros wurde dem thrakischen König Polymestor anvertraut, um ihn vor den Griechen zu schützen. Doch Polymestor mordete Polydoros aus Habgier, um an das Gold zu kommen, das dieser bei sich trug.
Selfie mit Hekabe (v.l.): Mervan Ürkmez, Yvon Jansen und Henri Martens.
Die Eingangsszene nimmt vorweg, was Hekabe, die frühere Königin von Troja und Mutter von Polydoros, zur Rache an Polymestor trieb. Die Gattin des getöteten Priamos ist Teil der griechischen Kriegsbeute. Zuvor muss sie miterleben, wie ihre Tochter Polyxena auf dem Grab des Achilles den Göttern geopfert wird, um den siegreichen Griechen eine sichere Heimfahrt zu ermöglichen. Als ihr der Leichensack mit ihrem Sohn Polydoros übergeben wird, lockt sie, von Schmerz und Wut getrieben, Polymestor in den Schiffsbauch und lässt mit Hilfe ihrer versklavten Dienerinnen seine Kinder töten und ihn blenden.
Düster mit komödiantischen Einfällen
Euripides` «Hekabe» ist ein düsteres Drama. Das griechische Regieduo Angeliki Papoulia und Christos Passalis zeigt auf der Zürcher Pfauenbühne eine ambivalente Inszenierung des antiken Stoffs, stets bemüht, den sperrigen Text mit komödiantischen Einlagen und ständigem Soundtrack lebendig zu machen. Gespielt wird im Laderaum eines stählernen Schiffes mit monumentalen eisernen Rippen und ständig flackerndem Licht, in dem Hekabe und ihre Dienerinnen (Lena Schwarz und Birgit Walter) eingesperrt sind (Bühnenbild: Márton Ágh).
Der geblendete Polymestor (Simon Kirsch) bettelnd am Boden liegend.
Leicht gekleidete siegesgeile Griechen (Henri Mertens und Mervan Ürkmez) wirbeln umher, treiben allerlei Schabernack, demonstrieren ihren Anführern gegenüber unterwürfiges Gehabe, werfen Leichensäcke herein, markieren Gefangene mit Geweihen, darunter Polyxena (Lorena Handschin), filmen das Geschehen mit einem iPad, machen Selfies mit den Gefangenen. Von draussen dringen immer wieder hämmernde Elektrobeats der Siegerparty herein. Derweil agiert Hekabe (meisterlich gespielt von Yvon Jansen) äusserst bedacht kühl und gefasst als leidende Königin, ihre Atemgeräusche und ihr Ächzen werden überdimensional verstärkt. Grandios verkörpert sie den Kipppunkt von stillem Schmerz in Rache, als der Leichensack ihres Sohns Polydoros hereingetragen wird.
Schlussbild mit Olivenbaum und Vogelgezwitscher
Grossartig auch der Auftritt von Matthias Neukirch als tollpatschiger Agamemnon, der laufend in Ohnmacht fällt und «Yesterday» karaokt. Nicht minder eindrücklich ist die Szene mit Simon Kirsch als geblendeter Polymestor, der geldgetrieben um Gnade bettelt. Beide verkörpern ein bedauernswertes Männlichkeitsbild.
Rätselhaft bleibt das Schlussbild, bei dem ein Baum mit Vogelgezwitscher langsam in den Laderaum herabgelassen wird. Ist damit die Hoffnung verbunden, dass aus blutiger Vergeltung etwas Gutes entstehen möge? Geboten wird zweifelsohne eine anregende Inszenierung von Euripides` Kriegsgefangenendrama, die durchaus gewisse Parallelen zur heutigen Weltlage zulässt. Dafür gabs am Premierenabend starken Applaus.
Titelbild: Schmerzerfüllt am Boden: Hekabe (Yvon Jansen) mit Tochter Polyxena (Lorena Handschin). Fotos: Krafft Angerer
Weitere Spieldaten: 17., 19., 22., 28. Dezember, 2., 6., 8., 11., 14., 18., 24. 27. Januar, 1., 4. Februar

