Der Glöcklerlauf im Salzkammergut ist ähnlich bekannt wie das Klausjagen in der Innerschweiz, in Küssnacht am Rigi. Bei diesen Winterbräuchen werden kunstvoll hergerichtete grosse Lichterhauben durch das Dorf getragen. Die Glöckler laufen am 5. Januar, am Vorabend der Heiligen Drei Könige, also in der letzten der 12 Rauhnächte.
Von sechs Uhr abends an erfüllt das rhythmische Schellen der Treicheln die Haupt- und Bahnhofstrasse in Ebensee am Traunsee, wenn die Gruppen aus den Ortsteilen ihren Weg zum Ortszentrum nehmen. Dort sammeln sich die 18 Glöcklergruppen, Passen genannt, mit etwa 300 Glöcklern, darunter auch Kinder. In einer langen Prozession ziehen sie durch die Zuschauerreihen und zeigen ihre Tänze in Kreisformationen.
In langen Reihen defilieren die Glöckler mit ihren riesigen Hauben.
Für den einzelnen Kappenträger bedeutet es eine enorme Anstrengung während Stunden die Kappe zu tragen und in Balance zu halten. Denn sie wiegt bis zu 20 Kilogramm und ist bis zu zwei Meter hoch.
Jede Haube ist einmalig. Die Motive werden aus Tonpapier (schwarzes Papier für Scherenschnitte) ausgeschnitten, gestanzt, mit buntem Seidenpapier hinterklebt und auf Holzgestelle montiert.
Damit die bösen Geister auch wirklich vertrieben werden, haben die Glöckler meist drei schwere, an Ledergürteln befestigte Glocken oder Treicheln umgebunden, deren dumpfer Klang die Strassen füllt. Die Träger sind ganz in Weiss gekleidet, der früheren Arbeitskluft der Salinenarbeiter – wir sind hier mitten im Salzkammergut.
Es gibt eine grosse Auswahl an Formen und Sujets bei den Kappen. Neben einer guten Zusammenarbeit ist auch Kreativität und Geschick gefragt.
Die kunstvollen Lichterhauben, welche die Glöckler tragen, entstehen in aufwendiger Handarbeit. Für jede einzelne Kappen sind oft viele hundert Arbeitsstunden notwendig. Der hundert Jahre alte Brauch wurde 2010 von der UNESCO als österreichisches immaterielles Kulturerbe ausgezeichnet. Glöcklerläufe gibt es auch in anderen Dörfern in Oberösterreich.
Auch dieser Sport ist alpenländische Tradition
Für die Verpflegung der Glöckler, die stundenlang in der Kälte unterwegs sind, sorgen Gasthäusern und die privaten Haushalte im Dorf, wobei vorher bestimmt wird, wer welche Pass mit Essen und Trinken – Tee, Glühmost, Bier, Selbstgebranntem und nahrhaften Broten oder Glöcklerkrapfen – für den nächsten Rundgang stärkt.
Beim Krämer – so wie es früher einmal war.
Interessant ist der Vergleich mit dem Klausjagen von Küssnacht am Rigi. Bei beiden Anlässen werden wunderschöne lichtvolle Kappen (Ebensee) oder Iffelen in der Form von Bischofsmitren (Küssnacht) getragen. Ihre Herstellung ist gemeinschaftlich organisiert und bindet die Teilnehmer intensiv. Das Klausjagen, am Vorabend des Klaustags, dem 5. Dezember, hat eine archaisch-wilde Ausrichtung. Eine grosse Schar von Treichelträgern erzeugt einen dumpfen, tief vibrierenden Ton. Die Geisslechlepfer lassen ihre Peitschen knallen. Sie eröffnen den Umzug und erzeugen den archaischen Rhythmus des Brauches.
Iffelen beim Klausjagen in Küssnacht am Rigi
In Ebensee hingegen ist der Umzug feierlich – ruhig, fast meditativ. Die Zuschauer bestaunen den lichtvollen, geordneten Zug mit den beleuchteten Kappen. Weihnachtslieder erzeugen eine ruhige, feierliche Stimmung.
Neben Schaubildern sind auch ornamentale Formen zu entdecken.
Die Kappen zieren Motive aus verschiedenen Bereichen. Bilder aus der Welt der Handwerker, traditionelle Arbeiten aus der Lebenswelt der Frauen, aus dem Brauchtum im Jahresablauf sind zu finden, von der Jagd, auch Szenen aus der Welt der Feuerwehr, es sind Szenerien einer heilen Welt – das erdet den Brauch und gibt ihm Tiefe.
Formen und Motive sind traditionell: Die Korberwerkstatt.
Ähnliche Motive aus Landwirtschaft und Handwerk kennen die reich geschnitzten Hauben der Schönen Chläuse beim Appenzeller Brauch des Alten Silvester. Die Schuppel bewegen sich von Hof zu Hof, lassen den typischen Jodel (Zauren) ertönen und werden bei ihrem Besuch verpflegt. Abends werden auch ihre Hauben beleuchtet.
Der Licht- und Heischebrauch (Betteln) der Glöckner im Salzkammergut hat sich im 19. Jahrhundert entwickelt und seine heutige Form gefunden. Im Museum Ebensee ist im Dachgeschoss eine dauerhafte Ausstellung eingerichtet (geöffnet vom 5. Januar bis zum 2. Februar).
Titelbild: Ein Hochzeitspaar flankiert von den Wappen von Oberösterreich und Ebensee
Fotos: © Justin Koller


