Pro Senectute bietet mit «Generationen im Klassenzimmer» (GiK) interessierten Seniorinnen und Senioren die Möglichkeit, freiwillig Schulklassen zu unterstützen. Die Begegnung zwischen Jung und Alt ist sehr bereichernd, erzählt Gabriele Kirschbaum.
Gabriele Kirschbaum (78) hat sich auf ein Inserat im Lokalblatt Generationen im Klassenzimmer (GiK) der Pro Senectute gemeldet. Schon vor Corona hat die engagierte Seniorin Erfahrungen gesammelt und seit letztem Jahr unterstützt sie wieder regelmässig am Dienstag von 10 bis 12 Uhr eine Lehrerin einer gemischten ersten und zweiten Klasse: 22 Kinder zwischen sieben bis acht Jahren.
«Für die Mitarbeit in Schule und Kindergarten» schreibt Pro Senectute, «werden lebenserfahrene Seniorinnen und Senioren (60+) gesucht». Gabriele wird auf der Geschäftsstelle der Pro Senectute eingehend befragt und aufgenommen. Für diese ehrenamtliche Tätigkeit braucht es keine pädagogischen Fachkenntnisse. «Meine Aufgabe ist es», sagt sie, «die Lehrperson zu entlasten, manchmal teile ich Blätter aus oder kopiere etwas im Nebenzimmer. Aber in der Regel bin ich einfach im Schulzimmer anwesend, beobachte und kümmere mich um einzelne Kinder, die Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen.»
Die ehemalige Redaktionsassistentin und Hobbyschneiderin Gabriele Kirschbaum hat selbst erwachsene Enkelkinder und wird bald Urgrossmutter.
Gabriele ist hauptsächlich im Fach Bildnerisches Gestalten eingeteilt und meint: «Bei meinem ersten Besuch stellte ich mich den Kindern vor, erzählte von meinen Enkelkindern, die grösser sind als sie, und dass ich selbst gerne zeichne und nähe. Sie haben mich gut akzeptiert und wenn ich während der Pause um 10 Uhr zum Schulhaus komme, rufen sie mir schon von weitem zu: ‘Hoi, Frau Kirschbaum’. Während dem Zeichnen oder Basteln kann ich manchmal Tipps geben. Doch besonders beim Basteln muss auch ich mir Mühe geben, die Dinge richtig in die Hand zu nehmen. Wenn man auf die Kinder eingeht, vertiefen sie sich gerne in die Aufgabe und sind dann stolz auf das Resultat.»
Weiter erzählt Gabriele: «Ich muss die Kinder nicht disziplinieren, manchmal bin sogar ich selbst der Störfaktor, dann ruft die Lehrerin: ‘Frau Kirschbaum du muesch jetzt lose’. Letzthin hat die Lehrerin einen speziellen Pinguin mit einem roten Schnabel mitgebracht, hergestellt aus zwei schwarz-weissen Woll-Pompons. Zuerst zeigte sie einen Film mit der Anleitung, dann ging es ans Werken, was gar nicht so einfach war. Aber schliesslich hatte jedes Kind seinen Pinguin aus Pompons mit schwarzer und weisser Wolle selbst hergestellt. Am Ende der Stunde gehört jeweils auch das Aufräumen und Entfernen der vielen Wollfäden und Wollfusseln im Raum dazu. Und die Kinder putzen begeistert mit, streiten sich sogar um die Besen.»
Als Gabriele einmal mit dem Handsauger nachreinigen will, muss zuerst der Behälter geleert werden, doch der lässt sich hinterher nicht mehr in das Gerät einfügen. Sofort nehmen sich ein paar Buben des Problems an, erfolglos, bis einer, der nur zugeschaut hat, sagt, «gib mir das, ich mach das», und mit einem Click funktioniert wieder alles. «Natürlich staunte ich und freute mich sehr», erinnert sich Gabriele. Sie bedankte sich bei dem Buben und bei allen andern auch, denn die Pause war schon fast vorüber.
«Es sind lebhafte und liebe Kinder», sagt die Klassengrossmutter, «es macht Freude mit ihnen. Ich gehe immer beschwingt nach Hause. Die zwei Schulstunden sind eine Bereicherung für mich. Mehrere Kinder sprechen noch eine zweite Sprache und sind stolz darauf, mir etwas in italienisch, ungarisch, serbisch oder englisch zu sagen, das finde ich spannend. Deutsch und Schweizerdeutsch sprechen alle perfekt.»
Die engagierte freiwillige Klassengrossmutter vor dem Schulhaus
Die Lehrerin ist dankbar für die Unterstützung, denn sie kann nicht immer allen gleichzeitig helfen. Wenn die Kinder lange warten müssen, werden besonders die Buben schnell ungeduldig. Da kann Gabriele mit ihnen die Aufgabe genauer anschauen und sie wieder motivieren. Die Kinder freuen sich immer, wenn man sich mit ihnen einen Moment lang allein beschäftigt. So lassen sich Flauten überbrücken.
Die Kinder lieben und respektieren ihre Lehrerin. Doch manchmal flippen sie aus und dann gibt es wegen eines einzelnen Schülers Kollektivstrafe und die ganze Klasse darf erst verspätet in die Pause. Das empfinden die Kinder als höchst ungerecht. Auch Gabriele meint: «Ich habe Mühe damit. Solche Situationen kann ich aber hinterher mit der Lehrerin besprechen. Ich bin unbelastet und kann alles mit einer gewissen Leichtigkeit anschauen. Durch das Gespräch finden sich neue Lösungen, indem beispielsweise Arbeiten, die eine hohe Konzentration erfordern, eher am Anfang als am Ende der Stunde gemacht werden.»
An der Schule hilft noch eine andere Grossmutter im textilen Werken und ein Zivildienstler kann überall eingesetzt werden, der ist auch beliebt. Aber auf das Inserat hin war Gabriele die Einzige, die sich gemeldet hat. Die Schule wäre dankbar für weitere Freiwillige, auch Jüngere, denn mit 80 Jahren muss man aufhören. «Anfangs störte mich das», sagt Gabriele, «aber inzwischen finde ich es in Ordnung». An der Schule haben früher auch Grossväter, die sehr engagiert waren, mitgemacht, sie wurden von den Kindern verehrt.
Zum Schluss erzählt Gabriele: «Heute grüssen mich auf der Strasse junge Leute manchmal mit meinem Namen. Da muss ich immer nachfragen, wie sie denn heissen. Es sind ehemalige Kinder, die jetzt erwachsen sind und mich noch als Schulgrossmutter in Erinnerung haben. Es interessiert mich sehr zu hören, was für einen Weg sie eingeschlagen haben und was sie heute machen.»
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