Der Musiker und Komponist Daniel Fueter hat in verschiedenen Funktionen Lobreden gehalten. In seinem Buch «Alphabet meines Lebens» veröffentlicht er 49 Reden auf Persönlichkeiten, Ensembles und Institutionen, die das Zürcher Kulturleben in den letzten 60 Jahren mitgeprägt haben.
«Alphabet meines Lebens» ist eine alphabetisch geordnete Textsammlung von Lobreden auf Zürcher Kulturschaffende, die Daniel Fueter zwischen 2001 und 2023 hielt. Nicht nur auf Menschen, die im Rampenlicht standen, sondern auch auf solche, die im Hintergrund wirkten. Das Buch fiel mir auf, weil es mich an früher erinnert. An eine Zeit als mir einzelne der porträtierten Personen begegnet waren.
Daniel Fueter (*1949) stammt aus einer kunstaffinen Familie, sein Vater Heinrich Fueter war Filmproduzent und seine Mutter Anne-Marie Blanc Schauspielerin. Er selbst studierte Musik, arbeitete freischaffend und wurde später Rektor im Bereich Musik und Theater der Zürcher Hochschule der Künste. Viele seiner Kompositionen schuf er für die Bühne und bezeichnet sie im besten Wortsinn als Gebrauchsmusik. Seniorweb hat seinen Chansons-Band besprochen.
Er liebt es, Lobreden zu halten: Laudationes, Gratulationen, Vorworte, «kurze Erinnerungen, in denen Lob angestimmt wird», zunehmend und altersbedingt auch Nachrufe. «Ich habe es geliebt, zum Loben auserwählt zu werden», schreibt er. Auch wenn die Reden zwischen 2001 und 2023 entstanden sind, blicken sie auf 60 Jahre zurück, und erscheinen im Buch ergänzt mit kurzen Porträtskizzen und persönlichen Erinnerungen. Die beiden Sparten Musik und Theater stehen aufgrund von Fueters beruflicher Tätigkeit im Vordergrund.
Avantgarde im Zürcher Theater an der Winkelwiese
Einige der Porträtierten waren mir im Theater an der Winkelwiese in Zürich begegnet, als mein Mann Jean-Pierre Vuilleumier dort tätig war: in den frühen 1970er Jahren bis zum Tod von Maria von Ostfelden als technischer Leiter und Regieassistent und später von Ende 1983 bis 1987 als Intendant und Regisseur dieses Kellertheaters. Maria von Ostfelden (1896-1971) hatte das Theater 1964 gegründet und geleitet. Sie war eine beeindruckende Persönlichkeit, Grande Dame durch und durch. In ihrem Avantgarde-Theater inszenierte sie Stücke von Pinter, Beckett und Ionesco in präziser, disziplinierter Art. Dabei legte sie grossen Wert auf eine klare Diktion, jedes Wort musste sitzen. Schauspieler wie Walter Andreas Müller, heute bekannt als WAM, Peter Esser oder Peter Schweiger sind mir noch in guter Erinnerung.
Und Peter Schweiger (*1939) nimmt in Fueters Buch einen besonderen Platz ein. Er beendet die Textsammlung mit einer «laudatio in form eines melodrams» auf den Lobredner selbst. Peter Schweiger, 1939 in Wien geboren, lebt seit 1965 in der Schweiz als Regisseur, Schauspieler, war Direktor des Zürcher Theater am Neumarkt und Schauspieldirektor am Theater St Gallen (1994-2004). Mit Daniel Fueter verbindet ihn eine langjährige Freundschaft. Kennengelernt hatten sie sich bei Schweigers erstem Auftritt in der Winkelwiese. Fueter bezeichnet ihn als seinen «Theatervater». Die Laudatio auf Peter Schweiger geht auf das Jahr 2001 zurück, als dieser für sein Gesamtschaffen mit dem Hans Reinhart-Ring geehrt wurde.
Yehoshua Lakner, elektronische Musik der ersten Stunde
Gelobter Künstler ist auch der israelisch-schweizerische Komponist Yehoshua Lakner (1924-2003). Daniel Fueter würdigte ihn 2004 anlässlich einer Gedenkveranstaltung. Lakner, in Bratislava geboren, emigrierte 1941 nach Palästina, wo er als Musiklehrer wirkte. Von 1959 an arbeitete er in Deutschland im Bereich der elektronischen Musik zusammen mit Mauricio Kagel und Karlheinz Stockhausen. Sein Umzug nach Zürich brachte ihn 1963 zu Maria von Ostfeldens Theater an der Winkelwiese, wo er aus Tonmontagen eine Art «Musique concrète» als abstrakte Bühnenmusik schuf. 1974 bis 1987 war er Theorielehrer an der Musikhochschule Zürich.
Yehoshua Lakner war oft Gast bei uns zu Hause. Als er in den 1980er Jahren begann, auf einem Commodore-64-Computer mit Algorithmen zu experimentieren, unterstützte ihn Jean-Pierre, der sich früh für Computertechnologie interessierte und aus elektronischen Bauteilen Geräte, etwa eine Orgel, baute. Er bemühte sich, Yehoshuas Commodore-64 besser an dessen Musikvorstellungen anzupassen. Schwierig, weil sich damals feine mechanische Nebengeräusche kaum vermeiden liessen, was das Musikergehör störte.
Der technologische Fortschritt kam Lakner entgegen. Sein musikalisches Lebenswerk verfasste er später in der Programmiersprache BASIC für den C64 und nannte es «Audio-Visuelle Zeit-Gestalten». Diese fanden 1991 international Eingang im Bereich der Neuen Musik, wie das «Segante»-Projekt über den Schweizer Maler Giovanni Segantini.
Rosmarie Metzenthins Kindertheater, eine Institution
Eine Lobrede schrieb Daniel Fueter im Mai 2014 für die Gedenkfeier von Rosmarie Metzenthin (1927-2014): «Du wirst uns allen unvergesslich bleiben», schreibt er und sieht in ihr «in Zürich recht eigentlich eine Institution». Wohl jedes Zürcher Kind kannte sie. Auch meine Schwester und ich besuchten ihr Theater. 1951 hatte sie als Pionierin das erste Kindertheater in der Schweiz gegründet. 1978 verwirklichte sie ihre Idee, Musik, Bewegung und Theater in einer ganzheitlichen Ausbildung zu vereinen und eröffnete das Musisch-Pädagogische Seminar. Daniel Fueters Töchter Mona Petri (Schauspielerin) und Rea Claudia Kost (Mezzosopranistin) waren Metzenthin-Schülerinnen. 1999 übergab Rosmarie Metzenthin die Leitung des Theaters ihren beiden Nichten und zog sich 2001 zurück.
Kultureller Austausch dank Omanut
In Fueters alphabetischer Reihenfolge kursiert der Buchstabe N wie «Nachwort», das O wie «Omanut». Seit 1941 vermittelt und fördert der Verein Omanut in der Schweiz jüdische Kunst und Kultur, veranstaltet und unterstützt Konzerte, Lesungen, Ausstellungen, Theater- und Filmvorführungen sowie Vorträge. Zu den Gründern gehörte der Theater- und Filmregisseur Leopold Lindtberg (1902-1984).
Zum 70-Jahr-Jubiläum von Omanut – auf Hebräisch Kunst – hielt Fueter im Namen der Zürcher Kunstschaffenden eine Ansprache. So weist er darauf hin, «dass bezüglich der Kultur das typisch Schweizerische aus der Begegnung mit dem wechselhaften Fremden entstanden ist» und ergänzt, «unser Kulturleben ist farbig, auch dank Omanut». Seit 2011 ist Karen Roth Präsidentin und umtriebige Organisatorin des vielseitigen Veranstaltungs-Angebots von Omanut. 2024 wurde sie von der Stadt Zürich mit dem Kulturpreis für besondere kulturelle Verdienste ausgezeichnet. Sie trägt dazu bei, dass das kulturelle Leben in Zürich bunt bleibt.
Titelbild: © Anouk Petri zVg
Daniel Fueter, Das Alphabet meines Lebens. Lobreden aus zwei Jahrzehnten, Verlag Rüffer & Rub, Zürich 2025. ISBN 978-3-907351-46-8
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