StartseiteMagazinKolumnenDas Gastmahl dient dem Gespräch

Das Gastmahl dient dem Gespräch

Im Gastmahl oder Symposion wird geklärt, was platonische Liebe ist. Die Männer von Athen sprechen über die Liebe. Es handelte sich um sinnliche Liebe in verschiedenen Formen, um die Knaben- aber auch um die Tierliebe. Als später Sokrates dazu trat, fiel ihm die Aufgabe zu, die Diskussion zu vertiefen. Er berichtete, was ihm die damals berühmteste Frau, Diotima, über das Wesen der Liebe erklärt hatte. Im Fragespiel kam sie zum Schluss, das Wesen der Liebe bestehe darin, das Schöne, Wahre und Gute zu besitzen.

In der Literaturgeschichte hatte diese Antwort Folgen. Dante (1265-1321) sah in der Liebe zu Beatrice, die er als Mädchen kennen gelernt hatte, die ideale Frau, der er die Führung durch die Göttliche Komödie, durch Himmel, Fegfeuer und Hölle anvertraute. Er selber trat als Ich-Erzähler in der Gestalt von Vergil auf. Die zweite platonische Liebe schuf der Dichter und Geschichtsschreiber Petrarca (1304-1374). Er hatte an Ostern 1327 die schöne, jungverheiratete Laura erblickt. Sie wurde seine Muse und sie belebte sein Dichten und Denken. Sie wurde die Sehnsuchtsfigur, die das Schöne, Wahre und Gute verkörperte. Wer sich ähnlich eine ideale Frau auswählt, liebt sie platonisch.

Das Gastmahl fand meist im Haus eines reichen Mannes statt und dabei versammelten sich die bedeutenden Männer zu Gesprächen. Sie sassen nicht an einem Tisch, sondern sie legten sich zu Tische und redeten beim Essen und Trinken oft über alltägliche Themen, die von einem Hauptakteur vorangetrieben wurde. Man würde diesen Hauptakteuer heute Moderator nennen. Es war Sokrates, der im Gastmahl von Xenophon (430-355) Fragen stellte. Dort wurde über Themen geredet, die heute noch intensiv diskutiert werden.

Sie sprachen über Frauen und forderten Sokrates heraus, seine von Gerüchten als böse bezeichnete Xanthippe zu verteidigen. Dieser antwortete: Er habe diese Frau genommen, weil er genau wisse, wenn er sie ertrage, werde er mit allen anderen Menschen auskommen*. Sokrates lenkte dann das Gespräch auf den Stolz. Jeder Teilnehmer musste erklären, weshalb er stolz sei. Als dies abgehandelt war, sprachen sie über den Reichtum.

Was die Griechen verhandelten, ist heute noch topp aktuell. Einer unter ihnen klagte, er sei arm. Sokrates fragte ihn, ob er seinen Sohn gegen das Perserreich Alexander des Grossen austauschen würde. «Beim Zeus, das würde er nie tun.» Sokrates folgerte: «Dann bist du reicher als der Perserkönig.» In allen seinen Schlussfolgerungen steckte nicht nur Ironie, sondern auch Weisheit und Wahrheit, die zum Nachdenken anleitete.

Sokrates selbst musste erklären, worauf er stolz sei und er sagte: «Auf meine Gewandtheit im Kuppeln.» Da lachten die Männer. Schnell sagte er, wenn er Kuppler wäre, würde er eine Menge Geld verdienen. Sie wussten alle, dass er eine ehrliche Haut war und kein Sophist, der durch Kumpanei, Bestechung und Verführung nach Geld strebte.

Eros konnten sie bei diesem Gastmahl nicht überspringen. Sie unterschieden zwischen der gewöhnlichen und der himmlischen Liebe. Auf die Antwort von Sokrates warteten sie gespannt. Er fasste zusammen: «Bei Zeus, die Liebe zur Seele ist der körperlichen weit überlegen, jene gibt zwar eine gewisse Sättigung, aber die Seele sättigt sie nicht.»

Das Gastmahl von Xenophon** mit demjenigen von Platon zu vergleichen, zeigt, dass die heutigen Leserinnen und Leser dieses dem platonischen eher vorziehen würden. Fürwahr, uns kann es keinen besseren, wahreren Lehrer in Lebensdingen geben als Sokrates bei Xenophon.

*Diese Frage wäre und Antwort dürfte heute nicht mehr gestellt werden, sonst käme es wohl zu einem Shitstorm.

**Xenophon: Das Gastmahl. Reclam.

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