StartseiteMagazinLebensartDas Abtzimmer vom Sennenberg

Das Abtzimmer vom Sennenberg

Der pensionierte Lehrer Hubert Spörri ist leidenschaftlicher Amateurhistoriker und -maler, Chorleiter und Komponist. Nach der Publikation seiner Geschichte über das Kloster Wettingen ist er nun daran, das alte «Abtzimmer» mit Täfermalereien aus dem Sommersitz der Wettinger Mönche zu rekonstruieren. 

Seit Hubert Spörri (*1943) als Kind dem Cousin seines Vaters, dem Wettinger Bildhauer Eduard Spörri (1901-1995), zuschauen durfte, wie dieser mit seinen klobigen Fingern das Denkmal für Alberik Zwyssig (1808-1854) zart modellierte, liess ihn der Zisterziensermönch und Komponist des Schweizerpsalms nicht mehr los. Wie alle Mönche war Zwyssig gezwungen, das Kloster Wettingen nach der Klosteraufhebung im Kanton Aargau 1841 fluchtartig zu verlassen.

2019 veröffentlichte Spörri sein umfangreiches Werk Klosterfest 2027. Randgeschichten zum Schweizerpsalm. Aufgrund zahlreicher Geschichten und Zeitzeugnissen lässt er darin historische und erfundene Figuren miteinander kommunizieren. Ein spannendes und informatives Buch, Seniorweb hat es besprochen. Als Spörri etwas von den Täfermalereien aus dem «Abtzimmer vom Sennenberg», der ehemaligen Sommerresidenz des Klosters Wettingen, hörte, wurde er aktiv.

Das Abtzimmer mit den Täfermalereien auf dem Sennenberg bevor das Interieur im historischen Museum in Baden eingelagert wurde. Fotografie von 1919.

Er nahm mit dem Historischen Museum in Baden Kontakt auf, wo die Täferbilder seit 1919 im Depot aufbewahrt werden. Leider konnte er die Originaltafeln nicht einsehen, aber er erhielt historische Fotografien vom ursprünglichen Ort sowie einzelne Farbabbildungen. Obwohl diese teilweise unscharf sind, studierte er sie minutiös, entzifferte Schriften, machte Pläne und Skizzen. Er hatte die Idee, diesen Raum eins zu eins zu rekonstruieren, damit er nicht vergessen ging.

Sommerresidenz des Klosters Wettingen auf dem Sennenberg mit französischer Gartenanlage. Im Dachgeschoss befand sich das Abtzimmer. Detail aus einer aquarellierten Federzeichnung des Zürcher Kartografen Hansjakob Schäppi von 1733.

Der Sennenberg oberhalb von Killwangen auf 660 Höhenmetern kam 1234 in den Besitz des Klosters Wettingen. 1680 liess der Abt hier ein Erholungsheim für seine Konventualen bauen, dessen Dachgeschoss 1729 als Abtzimmer eingerichtet wurde: Ein rund 6,5 Meter langer, 4 Meter breiter und 2,5 Meter hoher Raum, der mit Wand- und Deckenmalereien optisch vergrössert wurde. Die gemalten Bogenöffnungen der grün marmorierten Arkaden zeigen Ausblicke auf Park- und Berglandschaften mit Bauern, Jägern und Kriegern. Das Datum 1729 und die Initialen HS weisen auf den Maler. Ob es sich um den bekannten Zürcher Geometer Hansjakob Schäppi (1692-1742) handelt, der zahlreiche Kataster- und Herrschaftspläne erstellte, sei dahingestellt.

Im «Entrée zum Abtzimmer» zeigt Hubert Spörri seine selbstgemachten Gipsabgüsse

Für sein Projekt kaufte Spörri Sperrholzplatten und begann in seiner Garage mit den Entwürfen. Bald war die Garage zu eng. Unterstützung bekam er aus Oberrohrdorf, wo er im hinteren Teil eines Schafstalls die Entwürfe für sein «Abtzimmer» einrichten konnte. Beim Eintreten begrüssen einen die Schafe mit freundlichem Blöken. Die seitlichen Wände des Schopfs sind mit bedruckten Vorhängen abgedeckt. Über eine Vorhangschleuse betritt man eine neue Welt, das Abtzimmer: An den Wänden die neugemalten bunten Bilder, davor kleine antike Möbel, im Zentrum ein ovaler Louis Philippe Tisch und Stühle, Kristallleuchter an der Decke und auf den Ablagen, Trompe-l’oeil-Fenster mit den Monatsbildern der Kathedrale von Lausanne.

Täfermalerei mit dem Wappen des Erbauers des Abtzimmers Abt Alberik Beusch mit Gemsbockgeweih (links). Wappen des Klosters Wettingen mit der Meerjungfrau und Darstellung der Gründungslegende des Klosters mit der Errettung aus dem Meeressturm (rechts). Unter dem Trompe-l’oeil-Fenster eine Katze (auch im Original). 

Spörri rekonstruierte das Abtzimmer in beinahe originaler Grösse, aber nicht nach wissenschaftlichen Kriterien. «Es soll den Besuchenden Freude bereiten, an die Geschichte des Klosters erinnern und zeigen, was mit der Klosteraufhebung alles verloren gegangen ist», sagt er. Auf weissen Schriftbändern stehen die Namen jener, die das Projekt unterstützten. Als Pädagoge denkt Spörri auch an die Kinder. In die grünmarmorierten Rahmen malte er kleine Bilderrätsel ein, etwa eine Meerjungfrau, einen Uhu, sogar einen Dino. Wenn Schulklassen vorbeikommen, sind die Kinder herausgefordert, genau hinzuschauen, auch Frageblätter sind vorbereitet. Zur Eröffnung am 26. April 2026 liegt eine Broschüre bereit mit der Chronik des Hauses, den Geschichten, die sich aus den Wandbildern ablesen lassen, mit Skizzen und Fotografien zur Rekonstruktion.

Weidende Kühe auf dem Sennenberg, im Hintergrund die Sommerresidenz, vorne Bauernhaus mit einem jungen Mann, der «fensterlet» (auch im Original). Im grünen Rahmen oben rechts eine Meerjungfrau, ein Suchbild für die Kinder.

Auf die Frage seines Werdegangs erzählt Hubert Spörri seine besondere Geschichte. Schon als 10-Jähriger durfte er im Orchester des vom Vater gegründeten Chors Schola Cantorum Wettingen, in welchem seine Mutter Konzertmeisterin war, Cello spielen. Im Aargau besuchten Kinder katholischer Familien oft das Gymnasium in einem Internat. Da seine Mutter aus dem Rheintal stammte, kam er in das Jesuitenkolleg Stella Matutina im damals kriegsgeschädigten Feldkirch. «Das war keine einfache Zeit», erinnert er sich.

Hubert Spörri in seinem «Abtzimmer» im Gespräch.

Die Schule bei den Jesuiten verhinderte später seine Aufnahme an der Universität Zürich. Denn die Jesuiten galten seit 1848, nach dem Sonderbundskrieg, bis 1973 als staatsgefährdend, jegliche Tätigkeit in Kirche und Schule war ihnen untersagt. Nur Basel erlaubte ihm sein Studium in Musik, Geschichte und Latein. Doch ein Jahr später, nach dem Tod der Mutter, entschied er sich für das einjährige Lehrerseminar im ehemaligen Kloster Wettingen, auch hier brauchte er eine Sondergenehmigung.

Musik begleitet Hubert Spörri durch sein ganzes Leben. Er leitete zahlreiche Chöre und komponierte lateinische und deutsche Messen, Chorlieder und Kammermusik. Sein bekanntestes Werk ist die Messe mit dem Schweizer Psalm, eine Hommage an Alberik Zwyssig. Am Neujahrskonzert 2024 der argovia philharmonic wurde sein Wettinger Meersternwalzer uraufgeführt.

Fotos: Hubert Spörri und rv

Mehr Informationen zum Projekt:
Hubert Spörri, Das Abtzimmer vom Sennenberg. Tafelmalereien im ehemaligen Erholungsheim des Klosters Wettingen oberhalb Killwangen. Rekonstruktion 2025-2026. Erhältlich: hubertspoerri@hotmail.com

s.a. Ruth Vuilleumier, Holprige Wege zur Schweizer Solidarität

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