Das Zentrum Paul Klee in Bern zeigt Kurt Schwitters als radikalen Erneuerer und Grenzgänger zwischen den avantgardistischen Strömungen seiner Zeit. Er wirkt mit einer unverwechselbaren Synthese aus Kunst, Architektur, Design und Literatur bis in unsere Zeit.
Wie haben unsere Grosseltern oder gar unsere Urgrosseltern die ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts wahrgenommen – waren sie fasziniert von den vielen Möglichkeiten, mit denen sich Künstlerinnen und Künstler auszudrücken begannen oder waren sie verwirrt? Einige dies, andere das. Die Nationalsozialisten mit ihrer Feme-Ausstellung «Entartete Kunst» 1937, wozu auch Schwitters’ Werke gehörten, wurde von Interessierten und Freundinnen moderner Kunst besucht, um die Werke noch einmal anzuschauen, bevor sie verschwanden.
Kurt Schwitters, 1887 in Hannover geboren, 1948 in Kendall GB gestorben, war einzigartig inmitten einer Generation von Franz Marc, Wassily Kandinsky, Lyonel Feininger oder Paul Klee. Schwitters wird heute zu den einflussreichsten und eigenwilligsten Protagonisten der künstlerischen Avantgarde der Zwischenkriegszeit gerechnet, wie der Berner Kurator Martin Waldmeier erklärt. Schwitters Vielseitigkeit beeindruckt bis heute.
Kurt Schwitters: Die Frühlingstür, 1938. Assemblage, Öl, Holz Gips, Metall, Schuhabsatz, Pappe und Leder(?) auf Holz, genagelt. 87,8 × 72 cm. Courtesy Galerie Gmurzynska
Unter dem Titel «Grenzgänger der Avantgarde» ist ihm nun die umfassendste Ausstellung gewidmet, die je ein Schweizer Museum diesem Künstler ausgerichtet hat. Sie zeichnet die Vielfalt seines Œuvres über alle Schaffensphasen hinweg nach – von ikonischen Merzbildern, Assemblagen und Collagen über den begehbaren Nachbau des Hannoveraner Merzbaus bis hin zu weniger bekannten Porträts, Landschaften und Skulpturen aus dem Exil. Auch Beispiele seines grafischen und literarischen Schaffens und seiner publizistischen Aktivitäten sind zu entdecken.
Ein eigenwilliger Grenzgänger der Avantgarde
Als junger Mann studierte Schwitters an der Kunstakademie Dresden – damals eine eher konventionelle Ausbildung. Um Geld zu verdienen, begann Schwitters mit gegenständlichen und figurativen Werken. Später wandte er sich dem Expressionismus und der Abstraktion zu. Beim Besuch der Ausstellung entsteht der Eindruck, dass der Künstler entsprechend dem Gegenstand seiner Kunst seine Ausdrucksmittel individuell wählte.
Kurt Schwitters: Ohne Titel (Porträt der Ehefrau), 1916. Bindemittelmischung auf Leinwand 44,8 × 39,9 × 2,5 cm. Sprengel Museum Hannover, Leihgabe Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, Hannover, seit 2001. Foto: Herling, Herling, Werner
Er hatte sich mit internationalen Avantgarde-Bewegungen wie Dada oder dem russischen Konstruktivismus bekannt gemacht, er schloss sich jedoch keiner Gruppe an, blieb «Individualist mit selbstironisch-gutbürgerlichem Auftritt» und provozierte damit sowohl das Publikum wie auch Künstlerinnen oder Künstler seiner Umgebung, erklärt Martin Waldmeier, der sich anlässlich einer Ausstellung über Hannah Höch, die ebenfalls mit Collagen experimentierte, schon intensiv mit jener Epoche auseinandergesetzt hatte.
Kurt Schwitters: Ausgerenkte Kräfte, 1920/1938. Assemblage, Stoff, Druckerzeugnisse, Pappe, Holz, Metall und Öl auf Karton. 105,5 × 86,7 × 9 cm. Kunstmuseum Bern, Schenkung Professor Dr. Max Huggler, 1966
Mehr Vielfalt geht nicht
Beim Gang durch die Ausstellung folgen wir Schwitters’ Lebensstationen – und werden von ausdrucksvollen Portraits überrascht. Da ist noch wenig von seinen späteren Experimenten zu sehen, aber grosses Einfühlungsvermögen in die Person. Der vielleicht 25jährige beherrscht sein Handwerk. Jahrzehnte später während und nach dem 2. Weltkrieg wird Schwitters in England wieder Portraits anfertigen, um seinen Lebensunterhalt aufzubessern. Auch da ist seine glückliche Hand in der Portraitmalerei unverkennbar.
Kurt Schwitters: Ohne Titel (Porträt Alexander Bender?), 1941. Öl auf Holz 69,6 × 57 × 0,4 cm. Prof. Dr. Thomas Huber
Im 1. Weltkrieg musste Schwitters wie viele seiner Künstlerkollegen Kriegsdienst leisten. Schnell wurde klar: Als Soldat taugte er nicht, «er zeigte sich so zerstreut, dass man schliesslich vorzog, ihn in der Schreibstube unterzubringen», lese ich in einer Kunstgeschichte (1955 / 1963). Dort heisst es weiter: «Seine dadaistische Gesinnung fand ein ausgezeichnetes Betätigungsfeld bei der Suche nach Deserteuren. Er verstand es, die Akten so durcheinanderzubringen, dass sich die Spuren fast stets verloren und niemand einen Verdacht schöpfte.»
Nach dem für viele Künstlerinnen und Künstler traumatischen Zusammenbruch 1918 entfaltete sich nach und nach Schwitters künstlerische Vielseitigkeit: Er begann, abstrakte Bilder zu malen, stellte Collagen aus teils zerbrochenen Dingen her, dichtete in seiner eigenen Dada-Manier, verfasste die «Ursonate» (1923–1932), die er in Weimar im Bauhaus vortrug. Er besass auch eine Druckerausbildung und setzte als Typograf neue Massstäbe in der Verbindung von freier und angewandter Kunst mit dem Ziel, Gestaltung und Typografie nicht nur als technische und dekorative, sondern als kulturelle und künstlerische Aufgaben zu etablieren. – In all seinen Aktivitäten verkörperte Schwitters den Geist der Freiheit und des künstlerischen Neubeginns aus den Trümmern nach dem Ersten Weltkrieg.
Kurt Schwitters: Bild abstrakt Skøyen II, 1940/1942. Öl, Papier und Karton auf Holz. 51,5 × 63,5 cm. Ellen + Michael Ringier, Schweiz
«Merz»: Kunst aus den Trümmern der Zivilisation
Sein eigenes Prinzip «Merz» wurde zu Schwitters’ künstlerischem – geheimnisvollem – Markenzeichen. Er baute insgesamt drei «Merzbauten», in Hannover in seinem eigenen Haus. Um den Merzbau dort zu vollenden, mussten die Decken von zwei oberen Stockwerken durchstossen werden, später im Exil in Norwegen begann er den zweiten Merzbau und schliesslich im Lakeside County in England den dritten. Es sind dreidimensionale collage-artige Innenwelten. Seelenlandschaften enthüllen sich darin – und verhüllen sich auch. Sie können im Zentrum Paul Klee in den Nachbau des Merzbaus von Hannover eintreten und erfahren, ob diese Schritte Sie mit Ihrem eigenen Inneren konfrontieren. «Merz» blieb seine Bezeichnung für die eigenwilligste seiner Künste, auch Gemälde nannte er «Merz-Bilder».
Kurt Schwitters: Der Merzbau von Kurt Schwitters in Hannover (Treppeneingangsseite), Foto: Wilhelm Redmann, 1933, Digitalisat des Glasnegativs 84 × 60 cm. Sprengel Museum Hannover
Vertrieben aus Deutschland
Die Nationalsozialisten verboten die Werke von Kurt Schwitters. Daraufhin ging der Künstler mit Frau und Sohn Ernst zunächst auf Besuchsreisen in Europa, auch in der Schweiz machte er Halt. Er blieb in Norwegen nahe Oslo, wo er eine Scheune in einer Landschaft fand, die ihm zusagte. 1941 besetzte die deutsche Armee Norwegen, Schwitters und sein Sohn mussten auf abenteuerlichen Wegen fliehen – Ehefrau Helma Schwitters war in Hannover geblieben – und kamen nach Grossbritannien. Dort wurden sie als deutsche Staatsbürger interniert, dort zeichnete Schwitters Portraits seiner Mitgefangenen. Das Portraitmalen gelang ihm immer noch. Nach Zeiten der Krankheit starb Kurt Schwitters schon 1948 in Ambleside /Lake District UK, einen Tag, nachdem er die britische Staatsbürgerschaft erhalten hatte.
Kurt Schwitters beim Vortrag der Ursonate, London 1944. Foto: Ernst Schwitters bpk / Sprengel Museum Hannover / Ernst Schwitters © 2026, ProLitteris, Zurich
Kurt Schwitters muss ein bemerkenswerter Mensch gewesen sein, ein Hüne, der viele seiner Zeitgenossen überragte, und als Künstler ein kostbarer Solitär, der uns mit seinem Kaleidoskop an Talenten fast 78 Jahre nach seinem Tode immer noch fasziniert. In einem alten Kunstlexikon lese ich: «Er scheint mit allem zu spielen, als eine Art moderner Lumpensammler trägt er alles Mögliche auf der Strasse Aufgelesene zusammen. Doch von der Hand des Künstlers berührt, erhalten die Objekte eine unerwartete geheimnisvolle Ausstrahlung.» (aus: Lexikon der modernen Kunst. 1955 Buchheim Verlag, Taschenbuchausgabe 1963 Edition Fernand Hazan, Knaur.)
Unbedingt zu empfehlen ist der Film von Klaus Peter Dencker: «Kurt Schwitters. Unsterblichkeit ist nicht jedermanns Sache (1982)», der im hintersten Teil der Ausstellung gezeigt wird (Dauer ca. 45 Minuten). Darin kommen Freunde und Familienmitglieder von Schwitters zu Wort und vermitteln uns ein Bild vom Künstler als Mensch.
«Kurt Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde». Im Zentrum Paul Klee Bern bis 21. Juni 2026.
Beachten Sie die Hinweise auf der Webseite des Museums.
Begleitpublikation:
Kurt Schwitters. Grenzgänger der Avantgarde.
Ausgewählte Werke und Texte.
Hrsg. von Martin Waldmeier und Nina Zimmer, mit einem Vorwort von Nina Zimmer und Martin Waldmeier sowie einer Einführung und Beiträgen von Martin Waldmeier; Künstlertexte von Kurt Schwitters.
404 Seiten, 204 Abbildungen, 16,5 × 22,5 cm, Broschur. Hirmer Verlag, München, ISBN 978-3-7774-4694-3
Titelbild: Kurt Schwitters: Bild Lyonel / wie eine Landschaft von Feininger., 1933. Öl auf Leinwand. 60,3 × 76,7 cm. Sprengel Museum Hannover, Leihgabe Kurt und Ernst Schwitters Stiftung, Hannover, seit 2001. Foto: Herling, Herling, Werner
