Das Tagebuch mit den Aufzeichnungen der «Reisen in Mali. 1980-1982» lag jahrzehntelang in der Schublade. Nun erzählt Ruth Vuilleumier-Kirschbaum vom Leben damals in der Sahelzone.
Dieses Leben war aufwendig, voller Überraschungen und sehr, sehr fremd. Aber die Menschen, denen die neugierige und interessierte Ruth begegnete, waren mit ganz wenigen Ausnahmen freundlich, hilfsbereit und voller Respekt für die Gäste aus der Schweiz. Heute wäre dieser ethnologisch-kunsthistorische Aufenthalt nicht mehr möglich, Tourismus in Mali wird schon gar nicht empfohlen.
Teestunde daheim bei Ruth in Bamako
In den frühen 80er Jahren hat Ruth ihren Mann Jean-Pierre (1946-2012) regelmässig in Bamako besucht und ihn bei seinen Entwicklungsprojekten, die kulturhistorische Forschungsreisen waren, ins Sahelgebiet des nördlichen Mali begleitet. Als Ethnologe war er vom Übersee-Museum Bremen beauftragt, bei den Touareg in Gao das Musée du Sahel aufzubauen. Die Kunsthistorikerin hatte keinen formellen Auftrag, aber ein waches Auge, und in einfachsten Behausungen lebend Zeit genug, ein Tagebuch zu verfassen. Während rund drei Jahren lebte das Paar in engem Kontakt mit der ansässigen Bevölkerung.
Jean-Pierre Vuilleumier in Bamako mit dem 14jährigen Garin und zwei seiner Geschwister. Der Junge hilft dem Paar aus der Schweiz als «Mädchen für alles».
«Ich bin gelandet»: Ein erster Satz, der einen ins Abenteuer zieht. Denn dasselbe beginnt gleich nach der Landung in Bamako, der Hauptstadt Malis. Es wird ein längerer Aufenthalt mit Unterbrüchen in der Schweiz. Ihr Mann Jean-Pierre hat sie zwar abholen können, aber er hat Verpflichtungen, sie bleibt schon in den ersten Stunden allein. Sie bezieht in der Maison des Jeunes die gemeinsame Hütte aus Beton, bereits eingerichtet von ihrem Mann: «Es ist eine Art Camping». Das Moskitonetz über den Betten, einige einfache Möbel, ein Kühlschrank und ein zweiflammiges Gasrechaud ist die Möblierung. Und weil die Fensteröffnungen nicht verglast sind, kommen Geckos zu Besuch, sie seien «sehr scheu und stören nicht».
Ebenso ungewohnt, aber weniger übersichtlich ist die Aussenwelt. Ruth passt sich an, lernt, wie und wo man Lebensmittel besorgen kann und wer ihr dabei hilft. Sie erfährt, dass auf dem Markt nicht gefeilscht wird, es aber Preise für Einheimische und Preise für Weisse gibt, sie lernt die verschiedenen Gerüche der Märkte kennen und sieht sich in den Handwerkszentren um: «Bei uns sah es vermutlich vor der Industrialisierung auch so aus».
Unterwegs in Kidal: Ruth, Bichas Schwester und Olga (von links) fühlen sich in der fürs Klima geeigneten Indigo-Kleidung wohl
Wenn du in Rom bist, verhalte dich wie die Römer. In der Fremde nach diesem Grundsatz zu leben, hilft. Selbst wenn man zunächst vieles nicht versteht, macht die Anpassung oder auch Imitation manches einfacher. Schon nach einer Woche erscheint der Alltag vertrauter: «Trotzdem muss ich wie ein kleines Kind beobachten, schauen und Verhaltensformen üben, die mir fremd sind», schreibt Ruth ins Tagebuch. Aber sie will mehr, nämlich ihre Ausbildung als Kunsthistorikerin auch anwenden: Sie begleitet ihren Mann ins Nationalmuseum mit dem Plan, dort Objekte zu inventarisieren: «Dadurch lerne ich die Kunst des Landes besser kennen, was mich natürlich interessiert».
Beim Umzug vom einen Campement ins nächste obliegt die Verantwortung den Frauen des Clans.
Die Sprache des nur sanft überarbeiteten Tagebuchs ist einfach, aber sie erreicht ihr Ziel, die Beobachtungen und die Schlüsse daraus so wiederzugeben, dass beim Lesen Bilder entstehen, man sich als Schatten neben der Protagonistin wähnt. Das hat auch damit zu tun, dass Ruth sich nicht scheut, auch das in Worte zu fassen, was andere als unwichtig oder nicht relevant oder zu allgemeingültig weglassen würden. Beispiel: «Am Anfang meint man, alle Afrikaner sähen gleich aus. Doch es gibt Unterschiede, die ich mir einzuprägen versuche».
Der Schmied von Kidal wird auch fürs Museum arbeiten. Am Blasbalg sorgt ein Bub für die Glut in der Esse.
Bald ist die Anpassung so weit, dass die Schweizerin sich weder über Unpünktlichkeit, noch über Unvorhergesehenes aufregt. Im Gegenteil, Ruth nimmt es, wie es kommt und sagt, wie die Menschen um sie herum, «Inch Allah!» Diese Grundhaltung vertieft den Charme der Beschreibungen: Die Beobachterin lebt mittendrin. Wir begleiten sie auch dann ganz entspannt, wenn noch gar nicht klar ist, ob die Reise in den Norden, ins Gebiet der nomadischen Tamaschek, wie die malischen Touareg genannt sein wollen, zustandekommt. In Gao, 1300 Kilometer von Bamako entfernt, soll das neue Museum im Auftrag der Bremer Institution und des malischen Kulturministeriums aufgebaut werden. «Eigentlich wollten wir um 10 Uhr wegfahren», schreibt Ruth, aber da der Landrover erst noch fahrtüchtig repariert werden musste, wurde es 16 Uhr.
Kamelmilch ist bei den Nomaden ein Grundnahrungsmittel.
Die Reise wird zum Abenteuer, denn nicht nur die Regenzeit überrascht mit unpassierbaren Wasserläufen, auch die Unterkünfte bieten Überraschungen und Lehrstücke, die Ruth mit Interesse und mitunter Begeisterung aufnimmt. Sie geniesst neue Nahrungsmittel neben Hirse und Ziegen- oder Schaffleisch vor allem Kamelmilch, ein Grundnahrungsmittel der Tamaschek: «Diese ist leicht süsslich und hat einen niederen Fettgehalt», sie schmecke sehr gut.
Fotografiert von Eglaise, dem Chef de mission: (von links) Sissoko, Ruth, Jean-Pierre, Olga und ein Gast unterwegs von Gao Richtung algerische Grenze.
Die Reisegruppe besteht aus Ruth und ihrem Mann, dem Tamaschek Eglaise, er ist Chef der Unternehmung und Mitarbeiter im Kulturministerium, dem Fahrer Sissoko, dessen Fahrkunst an Wunder grenzt, und Olga, einer in Mali verheirateten Sowjetrussin, deren Mann beim Nationalmuseum arbeitet.
Die Reise nach Gao dauert vom 9. August bis 12. September 1980, es sind 1300 Kilometer in schwierigem Gelände, denn nur der Reisebeginn führt über eine asphaltierte Strasse. Schon am Tag darauf hat der Regen einen Flussübergang unpassierbar gemacht: «Wir warten, essen Sardinen und Brot und trinken grünen heissen Tee», heisst es dazu im Tagebuch. Und weiter: «Es ist unsere erste Wasserquerung im Auto, glücklicherweise wissen wir nicht, was uns alles bevorsteht».
Kamelkarussell: Im Kreis tanzen die Reiter mit den Tieren um eine Gruppe Tende spielender und singender Frauen, wer es am schönsten kann, gewinnt.
Das ist eine der seltenen Schlussfolgerungen, die erst bei der Überarbeitung in den Text geraten ist, neugierig auf den Fortgang des Abenteuers macht sie jedenfalls. Aber Ruths Regel ist beobachten und beschreiben, Ausnahmen wie oben sind rar. Auch das eigene Erleben, die dabei aufkommenden Gefühle werden möglichst präzis beschrieben. Diese lakonische Grundhaltung bleibt frei von moralisierenden Wertungen oder allgemeingültigen Einordnungen. Der Text erzeugt Nähe bei den Leserinnen und Lesern: Wir sind nahe dabei und verlassen den Schauplatz am Ende mit einem umfangreichen Paket an Wissen und Erfahrung, was die Sahelzone und ihre Bevölkerung ist. – Oder vor bald einem halben Jahrhundert war.
Schon damals wäre irgendwo am Rand der Piste zu übernachten zu gefährlich gewesen, aber der Chef de mission, Eglaise, kennt sich aus, kennt die nomadischen Camps seines Volks und führt seine Gäste auch zu seiner Familie.
Jean-Pierre am Werken: Aus Gips und Drahtgeflecht entstehen Figuren fürs Museum.
Wer bewirtet wird und im Camp einer Nomadenfamilie übernachten darf, bringt Gastgeschenke: Schon in Bamako hat Ruth gelernt, was es dafür einzukaufen gilt: Tee, Zucker, Tabak. Geleitet durch eine exotische Welt immer nahe am Alltäglichen zeigt dieses Buch Sitten und Gebräuche der Sahel-Nomaden, die Ungebundenheit der Mädchen, bevor es ans Heiraten geht, die verschiedene Kleidung – mit Turban praktisch vollverschleiert nur die Männer, mit indigogefärbter lockerer Kleidung und offenem Gesicht die Frauen, die übrigens ebenso Chef über Menschen und Viehherden sein können wie Männer. Ethnologie ohne Anmerkungen und doch ausführlich genug, viel über die Tamaschek, eine Berberkultur, und die Vielvölkerstadt Bamako zu lernen.
Das Musée du Sahel ist eröffnet. Die Figuren präsentieren eine traditionelle Männerkleidung und einen Kamelsattel.
Sicher ist: diese Reise wäre aus politischen Gründen nicht mehr möglich, aber das Nomadenmuseum Musée du Sahel in Gao, das einst dank Jean-Pierre Vuilleumier eingerichtet werden konnte, existiert noch. Und Ruths Gedanke in ihrer schwierigen Eingewöhnungszeit, «wie schwierig es für sie bei uns sein muss», ist so richtig wie damals.
Titelbild: Kamelreiter Jean-Pierre Vuilleumier
Fotos © Ruth Vuilleumier-Kirschbaum
Das Buch: Ruth Vuilleumier-Kirschbaum: Reisen in Mali. 1980-1982, 100 Seiten reich bebildert. 2. Auflage 2026, 29.00 Franken. ISBN 978-3-033-11046-5
„Reisen in Mali 1980-1982“ können Sie hier unter diesem Link bestellen.
Aktueller Lexikonartikel zum Musée du Sahel
Im Sommer 2025 hat Ruth Vuilleumier in Seniorweb über Mali geschrieben.
