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Hellebarden und Hightech-Drohnen

Krieg prägt die Schweiz – ein Satz, der wie ein Widerspruch zur tief verwurzelten Identität als friedliches Land klingt. Die Ausstellung «Wir und der Krieg» im Landesmuseum Zürich räumt mit der Vorstellung auf, die Schweiz stünde ausserhalb der Weltgeschichte.

Von der tödlichen Hieb- und Stichwaffe, der Hellebarde, bis zur Drohne made in Switzerland, von Frauen als Kriegsgewinnlerinnen oder Pazifistinnen bis zu Waffenexporten und der Gruppe Schweiz ohne Armee GSOA zeigt die Schau, wie Eroberungsfeldzüge der alten Eidgenossenschaft und der immerwährende Diskurs um die Neutralität die Schweiz bis heute Gesellschaft, Wirtschaft und Politik geformt haben.

Die Hellebarde war im Spätmittelalter nebst dem Schweizer Dolch – bis in die neueste Zeit Offiziersausrüstung – die berühmt-berüchtigte Waffe der eidgenössischen Krieger.

Schon beim Betreten der Räume holt mich die Klangkulisse zurück in meine Primarschulzeit:
Von Speerwucht und wildem Schwertkampf
Von Schlachtstaub und heissem Blutdampf!

Diesen martialischen Lobgesang auf den mythischen Helden Winkelried mussten wir einst auswendig lernen. Heute ist das unvorstellbar.

Bis in die 1960er-Jahre bleibt die Turnbewegung stark militärisch und patriotisch geprägt. Turnen gilt als moderne Form eidgenössischer Kriegstugenden. Eidgenössisches Turnfest, Basel, 1959. © Schweizerisches Nationalmuseum / ASL

In der Ausstellung ist das Lied Teil eines Filmdokuments aus der Ära der Geistigen Landesverteidigung – ein Zeugnis dafür, wie das nationale Selbstbild einst auf dem Heldentod fusste, um den Zusammenhalt nach innen zu sichern.

Die Neutralität auf dem Prüfstand

Die Ausstellung spannt den Bogen vom Spätmittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart und stellt eine Frage ins Zentrum, die das Land derzeit spaltet: Was bedeutet Neutralität in einer Welt, die aus den Fugen geraten ist? Ein interaktiver «Neutralitätskompass» fordert die Besucher heraus, die eigene Position zu reflektieren. Ist Neutralität ein moralisches Prinzip oder ein aussenpolitisches Instrument? Am Ende des Parcours gibt es eine Auswertung der Antworten und weitere Informationen zur Neutralität der Schweiz.

Links eine Rüstung, aus der einstigen Ruhmeshalle im Landesmuseum, um 1900 den Mythos an eine spätmittelalterliche Heldenzeit feiernd. Rechts ein Maschinengewehr aus der Zeit des 1. Weltkriegs auf eine Streikfahne aus dem Generalstreich 1918 gerichtet. 

Museumsdirektorin Denise Tonella erwähnt, dass die Planung bereits vor drei Jahren begonnen hat. Seither hat sich die Weltlage radikal verändert: Im Jahr 2025 war statistisch jede sechste Person weltweit von Krieg betroffen. Der Prolog der Ausstellung zeigt diesen Krieg in Echtzeit – ein Zusammenschnitt der Berichterstattung aus dem Sudan, Gaza, der Ukraine und Myanmar.

In der Vitrine das, was Flüchtlinge aus Kriegsgebieten gerettet haben: Armselige Erinnerungsstücke, meist für die Kinder. Waren Flüchtlinge aus Ungarn 1956 oder der Tschechoslowakei 1968 willkommen, wurden die «Asylanten» aus dem Balkan zum Feindbild. 

Den bedrückenden Schlusspunkt bildet die Videoinstallation Repeat after Me des Kollektivs «Open Group»: Geflüchtete imitieren mit ihren Stimmen den Klang von Artilleriefeuer und Sirenen. Es ist eine Mahnung, dass der Krieg für viele in der Schweiz keine ferne Nachricht, sondern Realität ist.

Das Paradox der bewaffneten Neutralität

Obwohl der Schweiz seit 1815 die «immerwährende bewaffnete Neutralität» garantiert – oder befohlen – wurde, war der Krieg nie gänzlich abwesend. Kurator José Cáceres Mardones macht in der Schau deutlich, dass die Neutralität stets im Wandel war. Schon im Dreissigjährigen Krieg versuchte die Eidgenossenschaft, sich neutral zu verhalten, während Tausende Schweizer Truppen in fremden Diensten kämpften. Damals gab es keinen Widerspruch zwischen Söldnerwesen und Abseitsstehen.

Noch nie in der Schweiz gezeigt: Der Wandteppich erzählt die Niederlage der Eidgenossen bei der Schlacht von Pavia. Er steht im Kontrast zum entstandenen Mythos der ruhmreichen Söldner, erklärt Kurator José Cáceres Mardones. 1528–1531 © Museo e Real Bosco di Capodimonte, Napoli

Die Ausstellung dekonstruiert den Mythos der unbesiegbaren Schweizer Krieger: Eine flämische Tapisserie, Geschenk für den siegreichen Kaiser Karl V. nach der Schlacht bei Pavia (1525), zeigt keine Helden, sondern panisch flüchtende Eidgenossen, die im Fluss Ticino jämmerlich ertrinken. Es ist ein Bruch mit der heroischen Geschichtsschreibung vergangener Tage.

Geschäfte mit dem Tod

Dass Kriege die Reichen noch reicher machen, zieht sich wie ein roter Faden durch die Jahrhunderte. Nach der Niederlage bei Marignano (1515) sicherte sich der französische König Franz I. per Soldallianz den Zugriff auf Schweizer Krieger. Das Geschäft machten einflussreiche Familien; importiert wurde unter anderem Salz, unverzichtbare Basis der Käseproduktion.

Beim Wiener Kongress 1815 wurde in einem Dokument die Neutralität der Eidgenossenschaft besiegelt. Schon zuvor und bis heute ist sie ein Begriff mit wandelbaren Inhalten. 

Beim Soldgeschäft hatten sich die Gattinnen und Schwestern der Regimentskommandanten beteiligt, denn sie besorgten die Werbung, bezahlten die Söldner und besassen oft ganze oder Teile von Söldnerregimenten, die sie weitervererbten.

Ausstellungsansicht mit dem heute noch gesuchten Armeevelo. 

Im 20. Jahrhundert verlagert sich der Profit auf die Rüstungsindustrie. Die Export-Erfolge von Firmen wie Bührle führten zu absurden Situationen: Weil die privaten Waffenunternehmer fast alles ins Ausland verkauften, musste die bundeseigene Rüstungsfabrik in Bern Flab-Kanonen für die eigene Armee selbst entwickeln. Heute stellt sich die Frage neu und dringlicher denn je: Darf die Schweiz 35-mm-Munition an die Ukraine schicken? Die Ausstellung liefert keine fertigen Antworten, aber den historischen Kontext für diese emotional geführte Debatte.

Zwischen Miliz und Friedensmission

Der Einfluss des Militärischen reicht bis tief in den Alltag. Im 19. Jahrhundert waren Schützen- und Turnvereine das soziale Rückgrat der Militärpflicht. Heute zeigt sich der Wandel im Bemühen der Armee um Gleichstellung: Frauen, die Dienst leisten, lehnen die hergebrachten Hilfsdienste ab und erreichen Schritt für Schritt ihren Platz in der Kampftruppe und der Armeeführung.

Drohne, entwickelt in der Schweiz, aber nie in Serie produziert.

Technologisch dokumentiert die Schau den Weg in die Eigenständigkeit: von der Chiffriermaschine NEMA über das ikonische Militärvelo 05 bis zur Drohne ADS 95 Ranger. Flankiert werden die Objekte von Kunstwerken wie Hans Ernis Tarnungsmalerei oder Christian Schwagers Fotografien camouflierter Bunker, die noch immer als Falsche Chalets die Landschaft markieren.

Aufrüstung oder Pazifismus? Die Debatte prägt die Gesellschaft. Im Vordergrund die weisse Fahne des Friedensapostels Max Dätwyler.

Doch Waffen sind nur die eine Seite. Die Schau verweist ebenso auf die Friedensbemühungen: die Protokolle des Wiener Kongresses, die Beteiligung an UNO-Missionen und zivilgesellschaftliche Ikonen des Pazifismus wie Clara Ragaz oder den Friedensapostel Max Dätwyler. Henri Dunant, der Gründer des Roten Kreuzes wird ebenfalls gewürdigt. Auch die Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSOA) fehlt nicht – als Beispiel dafür, wie radikaler Widerstand politische Reformen anstossen kann.

Ausstellungsansicht: Während seines Aktivdienstes im Zweiten Weltkrieg malt Hans Erni in einer Urner Soldatenstube das Fresko «Muni mag 5». Rechts eine «Felswand» aus Gewebe und Tarnfarben.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die Schweiz ist kein Zuschauer am Spielfeldrand der globalen Verwerfungen. Wir sind Teil des Gefüges – durch unsere Wirtschaft, unsere humanitäre Tradition und die ständige Neudefinition dessen, was es bedeutet, neutral zu sein. Zur Vertiefung hat das Landesmuseum eine Publikation herausgegeben, die mit wissenschaftlichen, literarischen und künstlerischen Beiträgen den Blick auf tradierte Geschichtsbilder hinterfragt und den breit angelegten Diskurs der Ausstellung weiterführt.

Titelbild: Detail der Uniform von Kanonier Willy Keller aus Teufen. © Schweizerisches Nationalmuseum
Fotos: © René und Elisabeth Bühler

Bis 17. Januar 2027
Begleitpublikation: Wir und der Krieg. hg. vom Schweizerischen Nationalmuseum beim Verlag Hatje Cantz. ISBN 978-3-7757-6224-3

Hier finden Sie Informationen für den Besuch der Ausstellung sowie Veranstaltungen und Führungen

 

 

 


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1 Kommentar

  1. Die Überschrift könnte auch heissen: Die Neutralität der Schweiz und ihre «weisse Weste» in Kriegen; ein Mythos und eine Lebenslüge.
    Aufklärung tut Not, besonders an den Schulen, damit unsere Nachkommen die Chance bekommen, Schweizer Geschichte wie sie wirklich war, zu erkennen. Nach wie vor macht unser neutrales Land Geschäfte z.B. mit Waffen, mit Ländern die nachweislich in Kriegen verwickelt sind. Wenn man das tut, sollte man auch dazu stehen und den Neutralitätsbegriff reformieren. Ansonsten wird die Schweiz im In- und im Ausland an Glaubwürdigkeit verlieren und unsere direkte Demokratie in Frage stellen.

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