StartseiteMagazinKulturZweimal Gotthelf auf der Waldbühne Moosegg

Zweimal Gotthelf auf der Waldbühne Moosegg

Eine lange Tradition findet ihren krönenden Abschluss. Zum letzten Mal gibts diesen Sommer auf der Moosegg Freilichtaufführungen: Zwischen dem 10. Juni und dem 15. August werden auf der Waldbühne das Musical «Gotthelfs Kinder» und das Volksstück «Hans Joggeli» aufgeführt. Die Moosegg liegt im Emmental.

Das Freilichttheater Moosegg, zwischen Biglen und Langnau, besteht seit knapp dreissig Jahren und hat sich in dieser Zeit als kulturelle Institution weit über das Emmental hinaus einen Namen gemacht. «Das 30-Jahr-Jubiläum ist ein guter Moment, um aufzuhören», sagt Simon Burkhalter, künstlerischer Leiter der Freilichtspiele Moosegg. Seit 2016 steht die Organisation auf dem Fundament eines breit abgestützten Vereins. Burkhalter leitet die Institution seit der Spielsaison 2017.

Gespielt wird auf knapp 1000 Meter über Meer in schönster Umgebung, überwältigender Aussicht und ausgezeichneter Gastronomie und Hotellerie. Noch einmal werden diesen Sommer zwei Stücke mit starkem Bezug zum Emmental gespielt oder solche, die zum einzigartigen Charme der grossen Waldbühne passen. Seniorweb sprach mit Simon Burkhalter.

Seniorweb. Sie produzieren und singen zum letzten Mal auf der Moosegg. Im Musical «Gotthelfs Kinder» stehen Sie auf der Bühne. Das Volksstück «Hans Joggeli» haben Sie, entlang Gotthelfs gleichnamiger Novelle, geschrieben. Worum geht es im Musical?

Simon Burkhalter. Gotthelf hatte drei Kinder, die als Erwachsene über ihre Kindheit schrieben. Paul Steinmann und ich fanden es spannend, die Gedanken der Kinder zu zeigen und nicht immer nur die Werke des Vaters aufzuführen. Deshalb machten wir aus den Aufzeichnungen der Kinder ein Musical.

Und die Handlung?

Nach dem Tod ihrer Mutter treffen sich die drei zu einem gemeinsamen Nachtessen. Dort tauchen sie in ihre Kindheit ab. Das Spannende daran ist, dass Gotthelfs Figur für einmal aus einer anderen Perspektive gezeigt wird, aus der Sicht seiner Familie. Dabei erfährt man, dass Gotthelfs Sohn seine Jugend teilweise in einem Waisenhaus verbracht hat. Der Text ist neu, die Musik wurde extra komponiert. Ich finde es passend, dass zum Abschluss der Moosegg-Tradition noch einmal eine musikalische Uraufführung gezeigt wird.

Was ist Inhalt des Volkstheaters?

Auch hier geht um die Erbfrage. Sterben und Erben werden in der Öffentlichkeit derzeit intensiv diskutiert. Hansjoggeli habe ich gewählt, weil ich finde, dass dies eine der lustigsten Erzählungen von Gotthelf ist, weil sich jeder und jede darin erkennen kann. Im Musical und im Volksstück geht es ums Erben: um den Namen und um das Vermögen, das man als Nachfahre erbt.

Wie wichtig ist Aktualitätsbezug in der heutigen Theaterwelt?

Das ist im Theater immer eine grosse Frage: Wie stark aktualisiert man den Text, wie originalgetreu belässt man ihn? Das Musical lassen wir ganz bewusst in der damaligen Zeit spielen. Es lebt auch von der historischen Welt, von diesem Korsett. Bei «Hansjoggeli» wird die alte Welt aufgebrochen, die Handlungen sind zeitlich nicht eindeutig verortet. Wir haben in den letzten zehn Jahren immer wieder versucht, ein Theaterstück weiterzudenken.

Was ist der besondere Reiz des Freilichttheaters auf der ländlichen Moosegg?

Sicher der magische Ort, in einem Emmentaler Wald, an dem es viele lokale Geschichten gibt. Reizvoll ist das Freilichtspiel auf der Moosegg auch, weil es nicht so gross ist wie andere Produktionen. Der Ort ist persönlich und überschaubar.

Ein Musical oder ein Theaterstück auf der Moosegg lebt von einer anderen Ambiance als eine Inszenierung auf dem Ballenberg oder auf dem urbanen Gurten. Beschreiben Sie den Unterschied.

Aufführungen auf dem Ballenberg oder auf dem Gurten sind „Events“, die man ganz anders anrichten kann als einen Theaterabend auf der vergleichsweise kleinen Moosegg. Auf dem Ballenberg stehen weit grössere personelle Ressourcen fürs Backoffice zur Verfügung. Das dortige Freilicht ist viel breiter abgestützt. Die finanziellen Möglichkeiten erlauben auch mehr Experimente als bei uns.

Wie unterscheidet sich die Zusammenarbeit mit Laien von der Theaterarbeit mit Profis?

Die Probearbeit ist im Grundsatz gleich und doch ein bisschen anders: Ich pflege sehr genau zu inszenieren. Bei Profis kann man von Anfang über Stimmungen und Bilder proben, in denen sie sich freispielen dürfen. Bei Amateuren steht mindestens zu Beginn der Probearbeiten der Text im Vordergrund. Laien nutzen ihre gestalterischen Freiheiten erst später. Spannend finde ich, dass sich mit der Zeit Profis und Amateure mit ihren unterschiedlichen Herangehensweisen gegenseitig anstecken.

Kulturveranstalter müssen Traditionen überdenken. Gilt das auch für das Freilichttheater?

Ich glaube, dass wiederkehrende, sich wiederholende Produktionen keine Zukunft mehr haben. Das Theater muss sich immer wieder neu erfinden. Das Bildschirmverhalten an TV und Smartphone hat die Bedürfnisse stark verändert. Den Zuschauenden wird es am selben Ort schnell langweilig.

Werbetechnisch sind einmalige Erlebnisse besser zu vermarkten als Produktionen, die im Zweijahres-Rhythmus gezeigt werden. Ausserdem werden Sponsoring-Aktivitäten aufwändiger und schwieriger. Die Entwicklung geht deshalb in Richtung «Pop-up-Theater».

Wie holt man wieder vermehrt ein junges Publikum ins Theater?

Es ist eine Tatsache, dass man erst mit 50+ Zeit und Geld hat, regelmässig ins Theater zu gehen. Beeinflusst durch das Internet, haben auch die neuen 50+Jährigen neue Bedürfnisse: Das Theater muss kompakter sein, schneller ablaufen, die Stücke müssen kürzer werden. Das hat Auswirkungen auf die Stückwahl und auf die Regie.

Auf der Moosegg habe ich die Erfahrung gemacht, dass dank einem treue, älteren Publikum auch immer wieder jüngere Leute ins Theater kommen, die dann die Stück toll finden und auch im folgenden Jahr wieder kommen. Die Schwierigkeit besteht darin, die Jungen ins Theater zu holen. Wenn sie einmal da sind, dann bleiben sie in aller Regel.

Freilichtaufführungen auf dem Land haben einen nicht zu unterschätzenden kulturvermittelnden Auftrag: Sie bringen das Theater zu den Menschen und bauen Schwellenängste ab. Wer auf der Moosegg ein Musical gesehen hat, geht vielleicht als nächstes zu Bühnen Bern und schaut sich auf der grossen Stadttheater-Bühne eine klassische Operette an.

Weshalb hören Sie auf der Moosegg auf? Haben Sie den Produzentenjob satt?

Ich habe nach zehn Jahren etwas genug vom Produzieren, das sehr viel Energie frisst. Ich möchte wieder vermehrt inszenieren, selbst spielen und mich mit neuen Projekten weiterentwickeln. Das braucht Zeit und Platz.

Wo inszenieren oder spielen Sie als nächstes?

Aufführungen auf dem Ballenberg und in Langenthal stehen bevor. In Basel werde ich am «Fauteuil-Theater» ein neues Stück von Charles Lewinsky inszenieren. Und in der Remise Jegenstorf entsteht 2027 eine Jubiläumskomödie «Ghürate sött me sy».

Kürzlich haben Sie mit Ihrem Team ein Hörbuch produziert. Worum geht es?

Wir haben Jeremias Gotthelfs meisterhafte Erzählung «Hans Joggeli der Erbvetter» zum ersten Mal als Hörbuch eingelesen, in einer Bearbeitung, die zwischen Bern- und Hochdeutsch wechselt, angereichert mit Musik aus der Feder des Komponisten Bruno Leuschner.

Das Hörbuch wurde dank der Unterstützung mehrerer Gemeinden und Stiftungen möglich.

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SIMON BURKHALTER: ZUR PERSON

Der Schweizer Bassbariton, Produzent und Schauspieler Simon Burkhalter (Foto) studierte, neben seiner Tätigkeit als Regisseur, Gesang an der Hochschule der Künste Bern (HKB) bei Prof. Malin Hartelius und schloss seine Studien mit Auszeichnung ab. Danach war er Mitglied am Schweizer Opernstudio in Biel. Weitere wichtige Impulse erhielt er in Meisterkursen unter anderem bei Brigitte Fassbaender und wird aktuell stimmlich von Robin Adams betreut.

Als Solist sang und spielte er in letzter Zeit am Stadttheater in Bern bei Bühnen Bern und am Theater Biel Solothurn.

In tragenden Rollen stand Burkhalter in über 40 Produktionen als Schauspieler und Sänger auf der Bühne u. a. als Franz in Schillers «Die Räuber», als Sigismund in «Im weissen Rössl» oder im Solomusical „Heute Abend: Lola Blau“. Burkhalters Fähigkeiten zwischen Tanz, Gesang und Schauspiel werden schweizweit geschätzt. Gut 50 Inszenierungen als Regisseur runden seine bisherige Bühnentätigkeit ab, darunter u.a. „Der Zigeunerbaron“, „Die verkaufte Braut“, „Die Fledermaus“ oder „Der Graf von Luxemburg“. Aktuell inszeniert er am Fauteuil Theater Basel und am Landschaftstheater Ballenberg. Während dreier Jahre unterrichtete er am Gymnasium Kirchenfeld das Fach Theater. Immer wieder tritt er auch als Schauspieler in Theaterproduktionen und bei musikalischen Lesungen auf. Anstehende Musiktheaterinszenierungen sind u.a. Die lustigen Weiber von Windsor“ bei der Erlebnisoper Langenthal im Juni.

Burkhalter ist gern gesehener Regisseur auf den freien Bühnen der Schweiz. Er leitete zehn Jahre lang die «BernerSommerOperette», inszeniert die Neuproduktionen der Operettenbühne Möriken-Wildegg und ist seit 2017 Intendant der Freilichtspiele Moosegg. Ausserdem ist Burkhalter Mitglied der Kommission für Tanz und Theater des Kantons Bern. Burkhalter tritt auch als Autor in Erscheinung: Zehn seiner Bühnenwerke werden durch den Breuninger Verlag und den Theaterverlag Elgg verlegt.

Simon Burkhalter ist Preisträger des Förderpreises der Burgergemeinde Bern.

LINKS

www.simon-burkhalter.com

Das Hörbuch: https://www.simon-burkhalter.com/hoerbuch

Freilichtspiele Mooseegg

«Gotthelfs Kinder»: Musical von Paul Steinmann und Bruno Leuschner. 10.06.- 24.06.2026

«Hansjoggeli!». Volksstück von Simon Burkhalter, frei nach Gotthelf. 2.07.-15.08.2026

Alle Abbildungen zeigen Szenen aus dem 2026-Musical «Gotthelfs Kinder»: Fotos: Simon Schenk.

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