Besuch bei Marguerite Hersberger in ihrem Atelier in Zürich Hottingen: Die Schweizer Künstlerin ist eine bedeutende Vertreterin der konstruktiv-konkreten Gegenwartskunst. Ihr Werk zeichnet sich durch Licht, Transparenz und Farbe aus.
Es ist ein heisser Tag, als ich mich zum Atelier von Marguerite Hersberger in Zürich Hottingen begebe. Die Künstlerin empfängt mich vor dem Eingang und geleitet mich ein paar Stufen hinunter in ihr Reich. Seit 1970 arbeitet sie hier im Soussol, wo es angenehm kühl ist und an frühere Zeiten erinnert. Sie zeigt mir ihr Werk, das seit rund sechzig Jahren ihr Leben bedeutet. Denn Kunstschaffen ist ihr Beruf, ihre Berufung, und bis heute Zentrum ihres Daseins.
Marguerite Hersberger, «Windows Pliage Nr. 125», 2011-2017. 75 x 105 cm, Acrylfarbe auf Transparentpapier. Foto: © Peter Schälchli
Sie führt mich gleich in die Arbeit ihrer Pliagen ein. Faltbilder, die Marguerite Hersberger 1991 für sich entdeckte und bis heute weiterentwickelt. Hergestellt werden sie aus Transparentpapier, das mehrfach raffiniert, auch schräg, gefaltet mit Acrylfarbe bemalt und stellenweise mit dem Messer ausgeschnitten wird. Durch die übereinandergelegten und ausgeschnittenen Teile vermengen sich die Farbflächen und lassen neue Nuancen entstehen: Ein darunterliegendes Dunkelblau verfärbt das darüberliegende Lindengrün zu einem dunkleren Farbton. Jede Faltung lässt neue Ebenen entstehen oder «Miniräume», wie sie die Künstlerin nennt. Ihre Regel für diese Arbeit lautet: Eine auch bis zu zwei Meter lange Pliage besteht aus einer einzigen Transparentpapierbahn, dabei wird nichts geklebt oder zusammengesetzt.
Für jede «Pliage» faltet Marguerite Hersberger zuerst ein kleines Muster. (rv)
Marguerite Hersberger, 1943 in Basel geboren, wollte von jung auf Künstlerin werden. «Doch den Eltern, der Vater war Steuerexperte, gefiel das gar nicht», sagt sie, und so absolvierte sie die Handelsschule. Mit ihrem selbst verdienten Geld besuchte sie hinterher die Kunstgewerbeschule, heute Schule für Gestaltung in Basel. Hier lernte sie alles, was sie interessierte, auch schmieden, hämmern und arbeiten mit Meissel und Hammer für die Bildhauerei.
1967 ging sie nach Paris und lernte beim Holzbildhauer François Stahly (1911-2006) schnitzen, zudem experimentierte sie mit Acrylglasprismen, die sie in Holzkästchen eingefügt Boîtes magiques nennt. 1971 bezog sie ihr Atelier in Zürich und erhielt in der Folge mehrere Kunststipendien und Preise. 1980 erfolgte der erste öffentliche Auftrag, den Lichthof auf dem Campus Irchel der Universität Zürich zu gestalten. Mit ihrem Sinn für die räumliche Dimension realisierte sie zwischen 1980 und 2021 rund fünfzig Kunst-am-Bau-Projekte im In- und Ausland oder «Kunst-und-Bau», wie Marguerite Hersberger lieber sagt. Eines ihrer Projekte Rotation von 1991 zeigt sie mir auf einer Fotografie. Es steht vor dem Sport-Zentrum Kerenzerberg hoch über dem Walensee.
Marguerite Hersberger, «Rotation», 1991, Skulptur vor dem Sport-Zentrum Kerenzerberg in Filzbach/Kanton Glarus. 2 Teile, jedes Ø 240 cm, 22 cm breit, aus «Nero Galicia» (spanischer Granit). Foto: © Marguerite Hersberger
Marguerite Hersbergers Schaffen mit Licht, Farbe, geometrischer Formgebung und Raum zeichnet sie als Vertreterin der konstruktiv-konkreten Gegenwartskunst aus. Das Zürcher Haus Konstruktiv richtete ihr 2023 eine Retrospektive aus, Seniorweb hat darüber berichtet. Derzeit präsentiert das Museum Ritter in Waldenbuch nahe Stuttgart ihr Oeuvre in einer umfassenden Einzelausstellung Marguerite Hersberger – Zwischenräume.
Marguerite Hersberger, Ohne Titel, Wandinstallation, 2025/26, Museum Ritter. © Foto: Andreas Sporn
Zu ihrer eigens für die lange Wand im Foyer des Museum Ritter entwickelten Installation schreibt die Künstlerin: «Die Grundidee ist, zu zeigen, wie sich das Museum mit seiner wunderbaren Sammlung öffnet. Den Gedanken des Sich-Öffnens übertrug ich auf die grossen blauen Elemente. Sie erinnern an Türen, die nach aussen aufgehen. Ich habe sie entsprechend perspektivisch dargestellt, und die Mitte ist offen.» Auf den einzelnen Flügeln sind sechs Werke von Hersberger aus der museumseigenen Marli Hoppe-Ritter Sammlung eingefügt. Diese Installation entspricht ihrem Leitspruch: «Kunst öffnet Türen und die Türen des Museums öffnen sich für die Kunst.»
Marguerite Hersberger, «Rhythmische Farbspiele, Nr. 31», 2026. 34 x 34 x 13 cm. Foto: © Marguerite Hersberger
In Marguerite Hersbergers Atelier fallen mir ihre Objekte an der Wand auf. Sie wirken so leicht und lichtvoll. Es sind dreidimensionale Hinterglasbilder mit rhythmischen Farbstrukturen in einem Plexiglas-Kästchen. Durch das Licht von aussen leuchten die Farben intensiv, dabei entstehen mit den Schatten neue Formen und Farbnuancen. Auch die Polissagen sind Bildobjekte mit Acrylglas, die mit ganz feinem Schmirgelpapier stellenweise angeschliffen sind. Je nachdem wie sie geschliffen sind, entstehen unterschiedliche Wirkungen im Zusammenspiel zwischen der Acrylglasplatte im Vordergrund und dem mit Acrylfarbe bemalten Hintergrund aus Acrylglas.
Marguerite Hersberger, «Lichtpinsel Nr. 5», 1972-1973. 52 x 53 x 23 cm. Glasfaser LED, Acrylglas, Metall. Foto: Stephan Altenburger
Eine ihrer älteren Werkserien von 1972/73 hat mich bereits im Haus Konstruktiv fasziniert: die Lichtpinsel, denen ich nun im Atelier wieder begegne. Es sind Büschel aus strahlendweissen Glasfasern, die wie Pinsel zusammengebunden oder von der Mitte aus aufgefächert sind. Die im Zentrum unterlegte Lichtquelle leuchtet durch die Zwischenräume, was in einem abgedunkelten Raum besonders geheimnisvoll wirkt. Aber auch im Tageslicht strahlen und glitzern sie zauberhaft.
Prisma-Skulpturen aus Acrylglas im Atelier (rv)
Eine andere Spezialität sind ihre Lichtarbeiten, die sie im grossen Format auch für «Kunst und Bau» realisierte wie beispielsweise im Regierungsgebäude des Kanton Schaffhausen. Im Atelier entdecke ich zum Schluss meines Besuchs schmale hohe an einer Kante farbig bemalte Prisma-Skulpturen aus Acrylglas. Je nachdem aus welchem Winkel man sie anschaut, verändert sich die Farbe optisch: Die Streifen vervielfachen sich, werden breit und schmal, die Umgebung spiegelt sich, ein lebendiges Spiel eröffnet sich der Betrachterin.
Titelbild: Marguerite Hersberger im Atelier (rv)
Hier geht es zur Webseite von Marguerite Hersberger
Museum Ritter. Sammlung Marli Hoppe-Ritter in D-71111 Waldenbuch
In Seniorweb 28.10.2023: Konkrete Kunst mit Licht und Farbe
