Unser Ermessens- und Handlungsspielraum schwindet zunehmend, stellt der deutsche Soziologe Hartmut Rosa in seinem Buch fest: «Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums» Er zeigt es an Ereignissen des Alltags und erklärt die Konsequenzen für die Gesellschaft.
«Ich hatte keinerlei Spielraum», klagt der Schiedsrichter nach einem enttäuschenden Ausgang eines Fussballspiels, denn wo der Ball aufgeschlagen war, musste er der Entscheidung des VAR überlassen, des Assistenten am weit entfernten Bildschirm (Video Assistant Referee). Auch in anderen Momenten des Alltags können wir an solche Mauern fehlender Flexibilität stossen, etwa beim Umtausch eines Tickets. Der Autor zählt mehrere Beispiele auf. Allen gemeinsam ist, dass die entsprechenden Personen nicht gemäss der Situation («dem gesunden Menschenverstand») entscheiden durften, sondern gemäss den Vorschriften, den Richtlinien oder – abstrakter formuliert – gemäss der Konstellation handeln mussten.
Eine Situation im soziologischen Sinne bietet einen gewissen Freiraum, während die Konstellation strenge Richtlinien, bzw. festgelegte Regeln vorgibt, eine trockene Auswahl von wenigen Möglichkeiten. – Denken Sie auch an Umfragen, die zumeist sehr simplifizierte Antworten vorgeben. Leider gehören solche vorgegebenen Raster in unzähligen Bereichen unseres Lebens zum Standard, seien es Schulnoten (Punkte aufgrund von multiple choice Fragen), Anträge für Fördermassnahmen oder sogar medizinische Befragungen.
Kreativität erstickt in strengen Regeln
Die Situation fordert und fördert kreatives Handeln, besonders bei Kindern. Bauklötzchen, mit denen wir Seniorinnen und Senioren vor Jahrzehnten spielten, oder später Legosteine nennt der Autor als überzeugendes Beispiel. Mit den einfachen Bausteinen kann das Kind bauen, was ihm gefällt, was ihm gerade in den Sinn kommt. Lego verkauft auch Sets mit den passenden Bausteinen für ein bestimmtes Objekt. Hier geht es nur ums Nachbauen, auch wenn das zuweilen knifflig ist. – Die berühmte Sagrada Familia in Barcelona, deren Turm kürzlich fertig gebaut wurde, will Lego in einem Set von 12’000 Steinen zum Nachbauen anbieten, wie kürzlich – nach Erscheinen dieses Buches – bekannt wurde. Das mag Spass machen, aber Kreativität im ursprünglichen Sinne von etwas Neues schaffen, ist hier nicht gefragt.
Hartmut Rosa © Jürgen Bauer
Hartmut Rosa, geboren 1965 und aufgewachsen in Grafenhausen / Südschwarzwald, ist Professor für Allgemeine und Theoretische Soziologie an der Friedrich-Schiller-Universität Jena sowie Direktor des Max-Weber-Kollegs in Erfurt. Bevor er sich der Soziologie verschrieb, hatte er in Freiburg i.Br. Politikwissenschaft, Philosophie und Germanistik studiert. Seine Werke zeichnen sich durch einen breiten Horizont und einen genauen Blick auf die aktuellen Fragen der Gesellschaft aus. Daneben findet er manchmal noch Zeit, in Grafenhausen wie in seinen Jugendjahren die Orgel zu spielen. Für seine Arbeiten erhielt er zahlreiche Auszeichnungen, unter anderem den Tractatus- Preis, den Erich-Fromm-Preis, den Paul Watzlawick Ehrenring und 2023 den Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis.
«Nur wo wir handeln, fühlen wir uns lebendig».
Wenn wir von dem scheinbar unendlichen Wissen Künstlicher Intelligenz beeindruckt sind oder uns von Algorithmen leiten lassen, die das Autofahren vorgeblich erleichtern sollen, geht etwas Wichtiges verloren: Wir verzichten auf unsere Urteilskraft und Handlungsfähigkeit, freiwillig oder mangels besseren Wissens. Der Spielraum für unser eigenes Handeln verringere sich dadurch, schreibt Hartmut Rosa, wir geben unser Urteilsvermögen an anonyme Instanzen ab. Auf die Dauer «schläft» auch unser moralisches Selbst ein, wenn wir uns aus Bequemlichkeit auf vorgegebene Raster verlassen.
Eine weitere Gefahr droht dem Zusammenleben in der Gemeinschaft: Wenn wir erkennen, wie eng unser persönlicher Spielraum wird, wächst das Gefühl der Ohnmacht. Darin sieht der Autor langfristig eine Gefahr für die Demokratie. Wer sich machtlos fühlt, ist anfällig für aufkommende Ängste, kann in Depressionen fallen oder sich von populistischen Bewegungen angezogen fühlen.
In der Ohnmacht wird Zuversicht erdrückt
«Nur wo wir handeln – im Vertrauen auf unsere erfahrungsbasierte Urteilskraft, auf unser Fingerspitzengefühl und unser Augenmass -, fühlen wir uns lebendig, und nur im Handeln gewinnen wir soziale Energie», schreibt Hartmut Rosa am Ende seines Buches.
Es ist eine kluge und durch viele Beispiele konkrete Analyse unserer Gegenwartsgesellschaft, wobei Rosa jeden einzelnen Menschen im Blick hat. Der Soziologe ist bekannt für seinen psychologischen Ansatz in seinen Erörterungen. Er geht von den Idealen der Französischen Revolution 1789 aus – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – und fordert uns auf, ohne zu polemisieren, diese Werte neu zu überdenken und ihnen in unserem sozialen Leben zu neuem Leben zu verhelfen. Dann können wir, wenn das liberal-kapitalistische System an seine finalen Grenzen stösst, unseren Spielraum und Handlungsfähigkeit dazu einsetzen, etwas Neues entstehen zu lassen.
Der Autor nimmt in seinen Überlegungen Bezug auf zahlreiche wissenschaftliche Werke, die im Literaturverzeichnis zu finden sind, ergänzt durch ein Register zum Nachschlagen.
Hartmut Rosa: Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des Spielraums. Suhrkamp Verlag 2026. 247 Seiten. ISBN 978-3-518-58833-8
Titelbild: Lego © C. Cheminot / pixabay.com
