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In der Centovalli Bahn

In der langen Diskussion über die 10-Millionen-Schweiz, die eigentlich niemand will, aber die uns dramatisch eine Überwucherung des Landes vor Augen führte, sass ich in Gedanken in der Centovalli-Bahn von Locarno nach Domodossola. Diese Fahrt hatte ich viermal gemacht, und zwar in beiden Richtungen. Einmal unterbrach ich die Fahrt und besuchte die Wallfahrtskirche der «Madonna vom heiligen Blut» in Re.

Bei der letzten Fahrt vor drei Jahren fiel mir auf, dass auf dem italienischen Teil der Strecke die Gärten und Rebhänge nicht mehr gepflegt werden, vielmehr verwilderten. Auf der letzten Fahrt erfasste mich plötzlich die Idee, die Baukräne zu zählen. Völlig perplex fand ich auf der italienischen Seite weder auf dem Land noch in den Dörfern nicht einen einzigen stehen.

Meine Assoziation sprang nach Cremona in die berühmte Geigenbauerstadt der Stradivari und Guarneri. Als ich auf dem Vorplatz des Bahnhofs den Weg suchte, waren zwei Italiener so freundlich, mich ins Zentrum mitzunehmen. Ich schwärmte von den grossen Geigenbauern. Da sagte einer von ihnen: «Cremona, Cità morta!» und der Kollege bestätigte mit langer Erklärung, dass in der Stadt nichts mehr laufe. Es gebe viele Arbeitslose. Dies war das Wort, das mir zum Centovalli einfiel: «Paese morto!»

Gab es solche Orte nicht auch in der Schweiz? Vor Jahrzehnten reiste ich nach Pruntrut. Ich hatte mich mit einem Journalisten verabredet, der dort wohnte. Wir wollten ein kulturelles Projekt besprechen. Er holte mich am Bahnhof ab. Wir stiegen hoch hinauf zur mächtigen Burg, schlenderten dann durch die Hauptstrasse in die Stadt. An der prächtigen, nicht mehr gepflegten Allee standen stattliche Häuser. Sie sahen verkommen aus. Seit die Bahn nicht mehr über Pruntrut nach Paris fahre, habe sich die wirtschaftliche Vitalität abgeschwächt. Diese einst grossartig gepflegten Häuser seien ein Fanal. Ich wollte dann in einem guten Hotel übernachten, aber ich fand keines in der Stadt.

Wo die Dörfer umfahren werden und früher der massive Verkehr beklagt wurde, fehlen heute oft Gäste. Die Hotels und Restaurants sind leer. Diese Orte sind Schlafdörfer geworden; die Leute arbeiten auswärts.

Vor einigen Jahren fuhren wir zu zweit nach Ronchamp, wo die berühmte Kirche von Corbusier steht. Hier bestaunen viele Menschen das architektonisch Werk mit seinem verspielten Licht im Innern. Wir hatten die Absicht, die Bäderstadt Luxeil les Bains zu besichtigen. Ein Prospekt hatte uns auf diese Stadt neugierig gemacht. Sie liegt gemessen an der Grösse Frankreichs in der Nähe.

Die prächtigen Bauten, der Blick durch die Hauptstrasse mit den Arkaden, die leicht bergauf auf einem grossen Platz mündet, umrahmt von alten palastartigen Gebäuden, liess uns staunen. Neben der Altstadt gab es ein Thermalbad, das in der idyllischen Landschaft liegt. Wir hatten die Absicht, dort einen Tag zu bleiben und fanden ein Hotel in der Nähe des Casinos mit Blick auf die grosse Badehalle. In der Stadt aber müffelte es.

Eine lebendige Agglomeration mit Werkstätten, kleinen Fabriken und einer Gewerbezone, die sich um eine blühende Altstadt ausbreitet, fanden wir nicht. Luxeil hatte einst über 10’000 Einwohner und ist um etwa 4000 geschrumpft. Damit fehlen Steuereinnahmen, um die Infrastruktur zu pflegen. Viele, die dort noch wohnen, suchen Arbeit an florierenden Orten. Wo Wachstum fehlt, setzt der Pendlerstrom ein. Der Lateiner würde sagen «Quod erat demonstrandum!» Was zu demonstrieren war.

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