Komm Glüückck

Schwerpunkt von «Komm Glüückck» im open art museum St.Gallen ist das komplexe Beziehungsgeflecht von Wort- und Bilderwelten, die sich ergänzen, kommentieren, verbinden und trennen.

Isabelle Zürcher, die Sammlungskuratorin des open art museums, hat aus den 28 000 Objekten der Sammlung Werke von über 30 outsider art Künstler:innen ausgewählt, die alle Wort und Bild miteinander verbinden, beispielsweise in Schriftgrafiken, Bildgeschichten, Briefen, Gedichten, Postkarten oder konzeptuellen Werken.

Der Titel der Ausstellung «Komm Glüückck» ist ein Zitat aus einem Werk von Vreni Müller, die in «Schnürlischrift» Vokale, Konsonanten und Sätze wie ein Mantra wiederholt, so dass eine beschwörende Wirkung erzielt wird. In ihrem Satz «Komm Glüückck» wird das Glück ersehnt, was mit den beiden aufeinanderfolgenden «üü» ausgedrückt wird, aber das Streben nach Glück führt mit «ckck» zu einem Stocken. Die Kombination von Streben und Stocken ist bekannt aus dem hedonistischen Paradoxon, wonach das Streben nach Glück gerade zum Verpassen des Glücks führt. Denn Glück sei kein Ziel des Handelns und auch kein Zustand, sondern eine emotionale Regung beim Tun, die kommt und geht. Glück lasse sich nicht festhalten, sondern Glück als Glücksempfinden lasse sich als vorübergehende Emotion nur wahrnehmen beim Wirken und Werken.

Ausschnitt aus dem Bild von Vreni Müller: «Komm Glüückck», undatiert, Bleistift auf Papier, 29,7×21 cm. (Foto © oam)

Vreni Müller (1959 -2021), in Weinfelden geboren, erkrankte im jungen Erwachsenenalter an Schizophrenie und lebte ab Mitte der 1990er Jahre im Wohnheim Krombach in Herisau. Dort drängte es sie immer wieder zum Schreiben auf jedes Papier, das in ihre Finger kam.  Es entstanden kunstvolle Schrift- und Textbilder, die an Ausstellungen gezeigt wurden. 2008 erhielt sie für ihr Werk den Trogener Werkpreis.

Vreni Müller, Ohne Titel, undatiert, Bleistift auf Papier, 29,7×21 cm, open art museum. Verbindung von emotionalen Hochs und Tiefs. (Foto © oam)

Bei Ida Buchmann werden Bilder mit Sätzen kommentiert:

Ida Buchmann (1911–2011): «Balletöse», 1988, Mischtechnik auf Papier, 73×51 cm, open art museum. Kommentar auf dem Bild: Balletös. Sie, kennt man nur in Wien. Miteiner, Wienerin. So küsst, man, nur, in Wien. (Foto © oam)

Ida Buchmann: «Liebling mein Herz lässt Dich grüssen», 1992, Mischtechnik auf Papier, 30×40 cm. (Foto © oam)

Ida Buchmann (1911–2001), in Egliswil geboren, verlor ihre Mutter mit 18, ihren Vater mit 23 und sorgte ab dann für ihre jüngeren Geschwister, indem sie als Hilfskraft in einer Fabrik arbeitete. 1941 heiratete sie und gründete eine Familie. 1953 wurde sie zum ersten Mal in eine psychiatrische Klinik eingeliefert und ab 1966 lebte sie dauerhaft in der psychiatrischen Klinik Königsfelden. Dort besuchte sie das Malatelier, wo ihr künstlerisches Talent entdeckt und gefördert wurde. Oft in Anwesenheit einer Gesprächsperson drückte sie ihr Seelenleben aus, ihre Stimmungen, ihre Bedürfnisse nach Liebe und Freundschaft und sang dazu.

In einem Bild von Armin Andreas Pangerl aus dem Jahre 2023 werden Tagebuchzeichnungen und Tagebuchnotizen ineinandergefügt, etwa «Eigentlich sollte alles leicht gehen aber dem ist nicht so. Wie auch immer!» oder «PAX – abgeknabberte Nägel» oder «Nichts Neues bei mir; aber so bin ich nun mal. Die Tage sind so lang für trauriges, aber auch + + Schönes und Gutes in Gedanken und Taten.» oder « Es muss nicht schön sein, sondern ECHT!!»

Armin Andreas Pangerl: «1-2023», 2023, Farbstift und Tinte auf Papier, 41,7×29,1 cm.(Foto © oam)

Eine kurze Zusammenfassung seines Lebens findet sich auf seiner Website:

«Armin Andreas Pangerl, geboren 1965 in Bayreuth, blickt auf ein Leben voller Brüche, Wendepunkte und tiefgreifender Transformationen zurück. Nach einer handwerklichen Ausbildung zum Betonbauer schlug sein Lebensweg eine völlig neue Richtung ein: Seit 1989 widmet er sich ununterbrochen der Kunst und dem geschriebenen Wort. Es war der Beginn einer jahrzehntelangen Reise, auf der die Kreativität von der Leidenschaft zur existenziellen Notwendigkeit wurde. Geprägt von schweren gesundheitlichen Krisen – darunter Krebserkrankungen und psychische Herausforderungen –, fand Pangerl in Lahr/Schwarzwald nicht nur seinen Lebensmittelpunkt und privates Glück, sondern auch den Raum für sein vielschichtiges Schaffen.»

Sein Schaffen erfülle keinen Selbstzweck, sondern sei ein Werkzeug zur Trauma- und Krisenbewältigung.»

Pangerl engagiert sich auch sozial, etwa durch die Gründung der Künstlergemeinschaft «Das Atelier Lahr» für Menschen mit psychischem Handycap oder durch die Plattform kuenstler-patenschaften.de», «um künstlerich tätige Menschen zu unterstützen, ihr Sichtbarkeit zu erhöhen und sie miteinander zu vernetzen.»

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Titelbild: Isabelle Zürcher begrüsst an der Vernissage das Publikum und gibt einen ersten Einblick in die Ausstellung (25. Juni bis 18. Oktober 2026). (Foto © Daniel Ammann)

Weitere Informationen zur Ausstellung «Komm Glüückck» mit einem Interview mit Isabelle Zürcher und dem Ausstellungsprogramm.

Hinweis: Samstag, 27. September: Musikalische Lesung von Texten aus der Ausstellung mit dem Trio poetico, 11 bis 13 Uhr. An der Oboe wird Hans Martin Ulbrich spielen, der vor kurzem auf Seniorweb interviewt wurde.

 

 

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