StartseiteMagazinKolumnenNach 150 Jahren: Dienstbüchlein ade – Dienstmanager gestartet

Nach 150 Jahren: Dienstbüchlein ade – Dienstmanager gestartet

Seit dem 3. September 1963 hat es mich begleitet: das Dienstbüchlein. An diesem Tag wurde in mein nigelnagelneues Dienstbüchlein der Stempel gesetzt und vom Vorsitzenden der Aushebungskommission unterschrieben: «Diensttauglich».

Nun, 63 Jahre später, ist alles anders. In einer Pressemitteilung aus Bern heisst es lapidar: «Per 1. Juni 2026 löst die Schweizer Armee das Dienstbüchlein ab. Künftig werden die relevanten Informationen über den Dienstmanager bereitgestellt – die zentrale Plattform zur Verwaltung des Militärdienstes.»

Tatsächlich: Wer den Dienstmanager aufruft, liest dort in fetter Schrift: «Verwalten Sie Ihren Militärdienst online und von überall.» Geht die Armee also zur Selbstverwaltung über? Wohl kaum. Sie ist vielmehr im digitalen Zeitalter angekommen und sucht den Kontakt zu den AdAs – den nun onlineaffinen Angehörigen der Armee von heute.

«Ab dem Stichtag wird das Dienstbüchlein nicht mehr nachgeführt und nicht mehr neu ausgestellt. Für Einträge vor dem 1. Juni 2026 bleibt es jedoch weiterhin gültig und muss bis zur Entlassung aus der Militärdienstpflicht aufbewahrt werden.» Für viele Soldaten bleibt es also noch eine Weile Begleiter – zumindest bis zum Ende ihrer Dienstpflicht. Damit geht eine über 150-jährige Geschichte ihrem Ende entgegen, abgeschlossen ist sie aber noch nicht.

Als ich das las, fragte ich mich, wie mein eigenes Dienstbüchlein heute wohl aussieht – und ob ich es überhaupt noch finden würde. Überraschenderweise lag es im Büchergestell. Genauer gesagt: Es waren zwei. Das echte, etwas zerfleddert, unter «Sicherheitspolitik» eingeordnet. Daneben ein etwas grösseres, ebenfalls gut gelesenes Exemplar: Max Frischs literarische Abrechnung mit der Armee,«Dienstbüchlein».

Darin seziert Frisch mit kritischem Blick seine Erlebnisse während des Aktivdienstes. In seiner früheren, weniger bekannten Erzählung «Blätter aus dem Brotsack»vertrat er noch eine eher patriotische Haltung und bekannte sich zur bewaffneten Neutralität der Schweiz. Im «Dienstbüchlein» hingegen nimmt er bereits eine deutlich radikalere Position ein. Er kritisiert die willfährige Haltung der offiziellen Schweiz gegenüber Nazi-Deutschland, beobachtet mit Skepsis die Faszination gewisser Offizierskreise für die deutsche Wehrmacht und beschreibt anhand seiner Kameraden die wirtschaftlichen und sozialen Missstände jener Zeit. Nach 650 Diensttagen zieht Max Frisch sein persönliches Fazit: «Ich bin ungern Soldat gewesen.» Sein Verlag ergänzt trocken: «Ohne Arrest.»

Je älter Frisch wurde, desto grundsätzlicher ging er mit der Armee ins Gericht. In der Schrift «Schweiz ohne Armee? Ein Palaver» griff er das Thema 1989 ein drittes Mal auf. Darin plädierte er für eine umfassende Friedensinitiative statt einer Armee und unterstützte damit die Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne Armee», der am 26. November 1989 mit 35,6 Prozent der Stimmbürgerinnen und Stimmbürger zustimmten – ein Ergebnis, das damals als Achtungserfolg gewertet wurde.

Wenn ich heute in meinem Dienstbüchlein blättere, stosse ich auf unzählige Einträge und rund 1150 Diensttage. Sie wecken gute wie weniger gute Erinnerungen. Als Journalist setzte ich mich von Beginn an kritisch mit der Armee auseinander: zunächst mit Drill und Kasernenton, später mit Strategie, den sich ständig wandelnden Armeekonzeptionen sowie den Chancen und Risiken der Landesverteidigung. Ich erlebte auch den drastischen Abbau des Mannschaftsbestandes – von 600’000 auf rechtlich festgelegte 100 000 (effektiver Bestand heute: 145 000). Diese kritische Haltung der Armee gegenüber war meinem militärischen Aufstieg (Oberst, eingeteilt bis 2005, zuletzt im Unterstützungsstab Bundesrat) nicht immer förderlich. Das war zweifellos mit ein Grund, weshalb ich dranblieb, sogenannt «weitermachte». Ich wollte verstehen, wie gelehrt, ausgerüstet, geführt und letztlich Verteidigungsbereitschaft geschaffen wird.

Genau diese Frage stellt sich heute wieder – nicht aus Nostalgie, sondern mit einer Dringlichkeit, wie wir sie seit dem Zweiten Weltkrieg kaum mehr erlebt haben. In meiner letzten Kolumne zitierte ich Georg Häsler, den renommierten Wehrexperten. Seine Sorge ist nicht akademisch, sondern existenziell: Bundesrat und Parlament unterschätzen den Ernst der Lage. Ohne eine glaubwürdige und rasch verfügbare Luftverteidigung lasse sich die Schweiz nicht wirksam verteidigen. Punkt. Und dann stellt Häsler die unbequeme Frage: «Weshalb sollen jedes Jahr 20’000 junge Menschen in die Rekrutenschule einrücken, wenn der Himmel über ihnen offenbleibt?»

Tatsächlich erleben wir derzeit einen weltweiten Irrsinn. Milliarden um Milliarden fliessen in die Aufrüstung – in der Erwartung von Krieg statt in der Hoffnung auf Frieden. Wo bleibt die Wende? Könnte eine Friedensinitiative, wie sie Max Frisch einst forderte, nicht auch heute wieder von der Schweiz ausgehen? Das Dienstbüchlein konnte bisher daran nichts ändern. Der Dienstmanager wird es auch nicht können.

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1 Kommentar

  1. Herr Oberst
    Mein Dienstbüchlein, xxx.43.xxx, liegt in der Kiste “Familie”, zusammen mit dem meines Vaters, Feldpost-Hauptmann und Grossvaters, Pferdeführer / Küchenchef. Meine Militärstory begann hoffnungsvoll, mein “Weitermachen” geradezu selbstverständlich. Irgendwann muss ich falsch abgebogen sein oder die Vernunft hat an Kraft zugenommen. Jedenfalls merkte ich bald, dass diese, “meine Armee” nicht von innen her zu reformieren war. Das endete mit fünf Monaten bedingt; den Unteroffiziersgrad durfte ich aufgrund meiner guten Führungszeugnisse behalten, aber ich war der “Offizierswürde” eben nicht würdig.
    Gerade zur richtigen Zeit sandte mich mein Arbeitgeber zum Sprachaufenthalt ins Welschland, mein grand chef begrüsste mich mit den Worten “enfin un suisse allemand raisonnable”.
    Lieber Herr Oberst Schaller: Ich habe meine Pflicht treu und zur vollen Zufriedenheit meiner Vorgesetzten erfüllt. So auch, als wir zum drittenmal denselben Hoger zwischen Tösstal und Toggenburg erstürmten, weil die Version von uns erfahrenen Zürioberländern nicht dem Drehbuch des Obersten i.Gst., der in der Gartenwirtschaft ganz oben sass, entsprechen wollte. Dies aus der Zeit unter dem Thema “warte und seckle”. Es hat sich wenig verändert, sagt mein ältester Enkel. Häsler und Frisch hatten recht, aber wen kümmert das noch.
    Denn es gilt: Hinter dem nächsten Hügel droht Morgarten. Sagt der Hellebarden-Mann.

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