Die Künstlerin Luzia Hürzeler beschäftigt sich seit langen Jahren mit Darstellungen und Vorstellungen von Tieren. Das Kunstmuseum Solothurn widmet ihr unter dem Titel «Luzia Hürzeler & Gäste: Was sich als Natur zeigt» eine Ausstellung, in der die vielfältigen Spannungen zwischen Mensch und Tier augenfällig werden.
Der Rundgang durch die Ausstellung beginnt spektakulär: Das Bild, in dem wir uns treffen (2026) zeigt den ausgestopften Gorilla, der seit den 1930er Jahren im Berner Naturhistorischen Museum in einem Diorama zu sehen ist. Dieser Videoprojektion gegenüber erfahren wir in einem Videofilm, woher der Gorilla stammt. Die Projektion zeigt eine Reise in den heutigen Nationalpark Kahuzi-Biéga im Ost-Kongo bis in die Senke, wo der Gorilla 1927 vom Basler Grosswildjäger Eric Miville getötet wurde. Während wir den Bildern der kürzlich gefilmten Reise folgen, hören wir aus dem Hintergrund die Erzählung über Miville.
Ein harter Beginn, der leider nichts anderes als die Realität vor knapp hundert Jahren spiegelt: Weisse Jäger töteten «Grosswild» zur eigenen Befriedigung, aber auch – wie hier – um Tiere zur Anschauung an Museen zu verkaufen. Einen Gorilla auf Bestellung zu töten, schockiert uns. – Wir müssen uns bewusst machen, dass erst legendäre Forscherinnen wie Jane Goodall, die das Leben von Schimpansen erforschte, oder Dian Fossey, die für die Gorillas lebte, uns Weisse davon überzeugten, dass Primaten als Lebewesen Respekt gebührt.
Luzia Hürzeler, Leuchtkasten aus der Installation «Das Bild, in dem wir uns treffen», 2026 © Luzia Hürzeler
Auf der Rückseite dieser Präsentation sehen wir zwei Interviews: eines mit einem Vertreter der heutigen Leitung des Nationalparks, der viel von seiner Grossmutter über die Vergangenheit in seiner Heimat weiss. Er erklärt eindrucksvoll die heutige Situation, die noch lange von Kriegen (Bürgerkrieg zwischen Tutsi und Hutu) und anderen Unruhen geprägt war. Heute wird der Park wieder aufgeforstet, zur Revitalisierung der Landschaft für Mensch und Tier. – Nicht nur die Tiere benötigen den Wald als Lebensraum, die Bevölkerung – oft aus ihrer Heimat vertrieben – muss ebenfalls die Möglichkeit haben, Holz zum Kochen zu sammeln.
Luzia Hürzeler, «Wo das Bild anfängt (Gorilla – Diorama in Bern)», 2026; Leporello, 163 Seiten, realisiert in Zusammenarbeit mit art&fiction, Lausanne / Entstanden im Rahmen des Nationalfonds – Projekts Afrika hinter Glas an der Hochschule der Künste Bern.
Noch eindrucksvoller ist das Interview mit einem Waldmenschen – einem Pygmäen -, dessen Heimat der Urwald war, wo sein Volk nun nicht mehr leben darf. Er erwähnt auch die Gorillas – sein Volk nannte sie ihre Onkel – und die Schimpansen, denen sie sich auch verwandt fühlten und mit denen sie friedlich zusammenlebten. Weder Gorillas noch Schimpansen noch Elefanten wurden von ihnen gejagt.
Luzia Hürzeler, Videostill aus der Installation «Die Ordnung der Vögel», 2026 © Luzia Hürzeler
Luzia Hürzeler, 1976 in Solothurn geboren, studierte Bildende Künste in Genf, London und Bern, wo sie 2017 im Rahmen eines Projekts des Schweizer Nationalfonds mit Wir sind im Winterschlaf! promovierte. Sie kombiniert in ihrer Arbeit Fragestellungen aus Bildender Kunst und Sozialanthropologie. Auf ihre Forschungsarbeit Qui a vu le loup? Genèse et déconstruction d’une représentation werden wir weiter unten noch einmal hinweisen. Luzia Hürzelers Arbeit wurde in vielen Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt, darunter 2010 im Kunstmuseum Solothurn und 2011 in Nürnberg.
Zur Ergänzung haben die beiden Kuratorinnen Katrin Steffen, Direktorin des Kunstmuseums, und Tuula Rasmussen, wissenschaftliche Mitarbeiterin, Werke aus dem Besitz des Museums ausgesucht und Werke von anderen Künstlerinnen und Künstlern, die in Resonanz zu Hürzelers Arbeiten stehen. Das sind etwa Fotografien von Balthasar Burkhard (1944-2010) oder – im Treppenhaus – des Solothurner Fotografen Max Doerfliger (*1929).
Ausstellungsansicht «Luzia Hürzeler & Gäste – Was sich als Natur zeigt» mit Werken von Luzia Hürzeler, Hannes Rickli und Rémy Markowitsch
Ein Werk des Schweizer Konzeptkünstlers Rémy Markowitsch (*1957) vereint auf besondere Weise traditionelle Folklore mit Ironie: Ein röhrender Hirsch, wie wir ihn aus Darstellungen des 19. Jahrhunderts kennen, gefertigt aus Hirschleder in diesem Stil, blickt in den Raum mit der Frage « . . . hast du meine Alpen gesehen?» (2013). Da zerbrechen gleich mehrere verflossene Naturbilder. – Es lohnt sich, auch die kleineren Werke auf dem Rundgang nicht ausser Acht zu lassen.
Wie zu Beginn setzt Luzia Hürzeler im letzten Saal einen markanten Punkt: Sie hatte sich, wie oben erwähnt, mit acht Wölfen beschäftigt, die im Wallis zu Tode gekommen waren. Sechs waren mit behördlicher Erlaubnis legal geschossen worden, einer war das Opfer eines Wilderers, und einer war unter einen Schneepflug geraten. Alle Tiere wurden wie üblich für Museen präpariert und dort aufbewahrt.
Die Künstlerin rekonstruierte akribisch den Ort, von dem aus der Schütze geschossen hatte, und fotografierte die Stelle, wo der Wolf gestorben war. Für die Ausstellung montierte sie jeweils auf einer Seite ein Foto des Wolfs und auf der anderen Seite seinen Todesort – nun ein leerer Ort. Eine stille Schau, die zutiefst beeindruckt und zum Nachdenken anregt.
Luzia Hürzeler, Die Ordnung der Vögel, 2026. Installation mit Gestell aus dem ehemaligen Depot im Estrich der Stadtpolizei, 6 Videos (je 9’05»), Schweizer Vogelpräparate des Naturmuseums Solothurn, Vogelstimmen aufgenommen an den Todesorten der Vogel / Realisiert in Zusammenarbeit mit dem Naturmuseum Solothurn / Produktion: videocompany.ch
In ihrer Einführung erinnert Kathrin Steffen daran, dass der markante Bau des Kunstmuseums Solothurn 1902 als «Museum der Kunst und Wissenschaft» konzipiert worden war. In einer eigens für die Ausstellung geschaffenen Videoinstallation Die Ordnung der Vögel (2026), in Kooperation mit dem Naturmuseum entstanden, bezieht sich Luzia Hürzeler auf eine dieser naturwissenschaftlichen Sammlungen der Stadt, die früher im Parterre des heutigen Kunstmuseums präsentiert wurde.
Luzia Hürzeler & Gäste: Was sich als Natur zeigt. Ausstellung im Kunstmuseum Solothurn bis 4. Oktober 2026
Titelbild: Luzia Hürzeler, Das Bild, in dem wir uns treffen, 2026. Installation mit Fotografie (Duratrans Print hinter Acryl) in Leuchtkasten, Videoprojektion (22’21») mit Ton und 2 Videogesprächen (17’51» / 11’21»), realisiert in Zusammenarbeit mit Lemafrika, Bukavu / Produktion: videocompany.ch / Entstanden im Rahmen des Nationalfonds -Projekts Afrika hinter Glas an der Hochschule der Künste Bern.
Alle Fotos (wenn nicht anders erwähnt): David Aebi; für Ausstellung Luzia Hürzeler & Gäste – Was sich als Natur zeigt, Kunstmuseum Solothurn 7.6.—4.10.2026.

