Wenn ich Sie nach den touristischen Highlights Rumäniens fragte, käme zuerst der blutgierige Graf Dracula. Dann vielleicht die Siebenbürger Sachsen mit den einmaligen Kirchenburgen. Und als dritte Nennung vielleicht der Palast, welchen der Diktator Ceauşescu erbauen liess, der zweitgrösste der Welt.
Zum Auftakt einige Fakten zum dritten Stichwort: Ceauşescus Entscheid zum Bau eines Palasts, den er nie bewohnen konnte, war größenwahnsinnig und Ausdruck einer maßlosen Tyrannei. Um dafür Platz zu finden, ließ er ein Viertel der Stadt Bukarest niederreissen. Brutal bei der Durchführung und geprägt von ideologischer Erstarrung und extremster Selbstüberhöhung. Die Kosten für die 1100 Räume und Hallen waren immens.
Im „Palast des Volkes“ gibt es riesige menschenleere Treppenaufgänge.
Es sei das Volk gewesen, welches das Monstrum mit Hunger bezahlte, war der Kommentar des Reiseleiters. Ein Besuch des heute «Palast des Volkes» genannten Bauwerks lässt die Besucher allerdings staunen. Seine Besichtigung und die Bereitschaft, sich mit der Zeit der Diktatur von 1965 – 1988 auseinanderzusetzen, gehören einfach zu einer Reise nach Rumänien.
Siebenbürgens mittelalterliche Städte, von deutschsprachigen Siedlern gebaut, sind allein eine Reise wert. Im 12. und 13. Jahrhundert wurden Aussiedler gezielt aus dem Rheinland, aus Luxemburg und Flandern vom ungarischen König Geza II. nach Transsilvanien gerufen. Das Land hinter den Wäldern war wenig besiedelt. Die Neuankömmlinge sollten die Grenze gegen die Osmanen schützen und Handel und Stadtentwicklung fördern. Vier dieser Städte Hermannsstadt (rumänisch Sibiu), Kronstadt (Braşov), Schässburg (Sighişoara) und Biertan haben wir besucht. Zu unserem Erstaunen haben sie ihre deutschsprachige Einwohnerschaft fast gänzlich verloren.
Grosser Platz mit Rathaus und Museum in Sibiu/Herrmannsstadt
Ein Grossteil der Siebenbürger Sachsen verliess 1989 nach der Revolution ihre Heimat. Dies vor allem wegen der neu gewonnenen Reisefreiheit, jahrzehntelanger politischer und wirtschaftlicher Belastungen unter dem Ceaușescu‑Regime und fehlender Zukunftsperspektiven. Deutschland unterstützte die Aussiedler. Sie bekamen die Möglichkeit, in Deutschland eine gesicherte Existenz aufzubauen. So verliessen über 90 Prozent Rumänien. Die verbliebene deutschsprachige Gemeinschaft besitzt jedoch eine starke kulturelle Präsenz trotz kleiner Zahl (1 bis 1,5 Prozent der Einwohner).
Früh am Morgen sind die Touristen noch nicht unterwegs.
Es trifft also nicht zu, dass eine deutschsprachige Diaspora sich gegenüber der Mehrheitsbevölkerung behaupten musste oder muss. Die Abwanderung hat sich bereits im letzten Jahrhundert verstärkt. So waren im Jahre 1910 in manchen Städten die Einwohner noch zu 30 bis 40 Prozent deutschsprachig. Die heutige kleine deutschsprachige Gruppe ist das Ergebnis einer langen, aber nach 1989 extrem beschleunigten Auswanderung.
Transsilvanien, ist ein weiteres Stichwort. Es bildete sich in dieser Region, weit weg von der Tiefebene, eine besondere gesellschaftliche Überlagerung von Kulturen, Landschaften und Zeiten – ein Raum in Europa, in welchem für lange Zeit unterschiedliche Volksgruppen zusammenlebten. Als Hochland, umschlossen von den markanten Gebirgsketten der Karpaten, erscheint Transsilvanien wie eine natürliche Festung. Seine Wälder gehören zu den grössten geschlossenen Waldgebieten Europas. Schluchten, Basaltkessel, Karstlandschaften und ein Wechsel von sanften Hügeln und schroffen Bergkämmen, ergeben eindrucksvolle Bilder.
Von Bukarest fahren wir stundenlang durch eine flache Landschaft mit Gerste auf gelben Feldern, mit Mais in dunkelgrünen Ebenen und als ständige Begleiter Streifen aus Gebüsch. Dann ändert sich das Landschaftsbild. Wir kurven durch eine gebirgige Region und danach entlang der Schlucht des Flusses Ort zum westlichen Zugang der Karpaten. Der Ort schneidet sich seinen Weg durch das Karstgebirge und wirkt wie eine natürliche Pforte. Wir sind auf dem Weg nach Siebenbürgen.
Haus in Biertan mit geschlossener Front zum Innenhof
Wir passieren Dörfer, deren Häuser verstreut liegen, manche bunt gestrichen. Dazwischen Baumgärten, hölzerne Gaden und zerfallende Schöpfe, ein Kleinbauernland – kaum Menschen, heute werden die Häuser vermutlich nur am Wochenende benützt. Transsilvanien hat sich seine authentischen Dörfer bewahrt.
Innenansicht der orthodoxen «Schwarzen Kirche» von Braşov. Sie heisst so, weil die Aussenmauern nach dem grossen Stadtbrand von 1689 stark geschwärzt und verrusst blieben.
Transsilvanien ist einer der seltenen Gegenden Europas, in denen drei historische Kulturen gleichzeitig und über Jahrhunderte nebeneinander lebten: Rumänen (orthodox), Ungarn/Szekler (katholisch/reformiert) und Siebenbürger Sachsen (evangelisch). Dazu kamen Armenier, Juden und Roma. Sie alle prägten Architektur, Sprache, Küche, Ortsnamen und Rituale.
Biertan Kirchenburg, Weltkulturerbe
Diese Kirchenburgen sind in ihrer Art ein europäisches Unikum. Sie existieren nur hier: Wehrkirchen, die ganze Dörfer und Städte beschützten. Mit den mächtigen Mauern und Türmen nahmen sie im Falle eines Angriffs die Bewohner auf, die sich in ihre Wehrkirche zurückzogen. Und Vorsorge war nötig. Jede Familie besitzt im Turm eine Truhe mit dem nötigsten Proviant. Dazu gehört auch Speck.
Kirchenburg Biertan: der Wehrturm
Städte wie Sibiu, Brașov, Biertan und Sighișoara tragen eine mitteleuropäische, k.u.k.-ähnliche Handschrift mit rumänischem und ungarischem Unterton – ein kultureller Akkord. In ihrer Geschichte waren sie Grenzland und Zwischenland: zwischen dem Osmanischem Reich und dem Reich der Habsburger, zwischen Ostkirche und Westkirche und zwischen lateinischer und slawischer Welt.
Siebenbürgen ist Transsilvanien. Die beiden Begriffe bezeichnen dieselbe historische Region – nur aus unterschiedlichen sprachlichen und kulturellen Perspektiven. Der tiefere Mythos ist die „terra ultra silvam“, das Land jenseits des Waldes: Ein Raum, der in Bezug auf die europäische Imagination immer fern, unbekannt und archaisch blieb. Und noch heute ein Gebiet, das seine Vergangenheit sichtbar macht, nicht museal, sondern organisch historisch.
Die Burg Bran/Törz wird fälschlicherweise mit der Burg von Dracula zusammengebracht.
Transsilvanien – da fehlt noch Dracula. Sein Mythos bleibt freilich an der Oberfläche, hat keine Wurzeln in der Landschaft. Er ist ein literarischer Schatten, stammt aus London, 1897 geschrieben von Bram Stoker. Dracula scheint eine Projektion westlicher Ängste auf eine kaum bekannte Welt im Osten zu sein, ein Maskenkostüm, dem Land übergestülpt. Die Magie Transsilvaniens liegt in der Landschaft. Sie ist nicht dramatisch. Blut, Werwölfe und den blutgierigen Schattenfürsten braucht es nicht – sie ist leise. So zeigt sie sich vielmehr in den Stimmungen der hügeligen Welt beim Sonnenuntergang, in den trotzigen Kirchenburgen und in den intakten, vor Jahrhunderten gebauten Altstädten.
Nochmals die Burg Bran/Törz. Trotz der Besuchermassen gelingt ein Foto ohne Menschen.
Die deutschsprachigen Bewohner, Nachkommen der ersten Siedler, sind weg. Die Verlockungen einer anderen Welt waren übermächtig. Und der Auszug verständlich. Aber ihre Welt konnten sie nicht mitnehmen. Sie fasziniert die Besucher als Schatz einer entschwundenen Zeit.
Titelbild: Transsilvanische Idylle
Bilder: Justin Koller
Weitere Informationen:
Offizielle Webiste von Rumänien-Tourismus
Informationen der rumänischen Botschaft in Bern




Dann gäbe es noch Klausenburg, Grossdwardein und insbesondere Temeschburg, wo die Proteste gegen Ceausescu ihren Anfang nahmen.