Herrscherinnen und Mägde, Äbtissinnen und Mütter, Rebellinnen und Heilige: Die Sommerausstellung der Stiftsbibliothek St. Gallen dokumentiert mit dem Thema «Frauen – Weibliche Lebenswelten im Mittelalter» eine beeindruckende Vielfalt weiblicher Biografien aus jener Zeit.
Bislang interessierte sich die männlich geprägte Geschichtsschreibung nur wenig für das Leben der Frauen. Dank junger Historikerinnen ändert sich das gerade: Franziska Schnoor und Ruth Wiederkehr haben die Ausstellung Frauen – Weibliche Lebenswelten im Mittelalter in der Stiftsbibliothek St. Gallen kuratiert. Sie folgten den Spuren von Frauen, die sie in den Texten der Büchersammlung des Männerklosters fanden. Texte, die eigentlich seit dem 7. Jahrhundert greifbar sind, wie sie betonen.
Blick in die Ausstellung in der barocken Stiftsbibliothek des Klosters St. Gallen
Es ist erstaunlich, wie viele Informationen die Historikerinnen aus den mittelalterlichen Quellen über das Leben von Frauen herauslesen konnten: über Herrscherinnen, Nonnen, Klausnerinnen, Dienerinnen, auch über Frauengesundheit und Rebellinnen. «Wir decken damit nicht alle möglichen Lebenswelten ab», schreiben sie, «doch wir ermöglichen verschiedene Perspektiven auf Lebensweisen der Vergangenheit».
Friedrich Kölner übersetzte 1430 und 1436 die Legende der St. Galler Heiligen Wiborada ins Deutsche. Rund 20 Jahre später schrieb sie der Bürger Konrad Seiler ab und liess sie illustrieren. Cod. Sang. 602, St. Gallen 1451-1460
In den Vitrinen sind zahlreiche mittelalterliche Handschriften auf Pergament und Papier, teilweise mit Buchmalereien verziert, ausgestellt. Thematisch sind sie in sieben Kapitel unterteilt. Für Laien sind die Codices kaum lesbar, dafür erklären kurze Ausstellungstexte die entsprechenden Geschichten. Diese lassen sich mithilfe des illustrierten Ausstellungskatalogs vertiefen.
Wiborada – Die Inklusin
Anlass für die Ausstellung ist der 1100. Todestag der heiligen Wiborada, der ersten Frau, die überhaupt heiliggesprochen wurde. Sie starb am 2. Mai 926 an den Verletzungen, die ihr plündernde ungarische Krieger in ihrer Zelle zufügten.
Älteste Darstellung der Wiborada, Cod. Sang. 586, 1430-1436. Foto: Wikimedia Commons
Dank ihrer prophetischen Warnung vor dem Ungarneinfall konnten die St. Galler Mönche die Handschriften und den Kirchenschatz rechtzeitig in Sicherheit bringen. Sie selbst wollte nicht gerettet werden. Rund 40 Jahre nach ihrem Tod schrieb der Mönch Ekkehart I. (910-973) ihre Lebensgeschichte nieder. Heute gilt Wiborada als Patronin der Bibliotheken.
Wiborada, Tochter «wohlgeborener Eltern», kam zwischen 880 und 885 vermutlich im heutigen Kanton Thurgau zur Welt. Nach einer Romreise liess sie sich 912 bei der Kirche St. Georgen in St. Gallen einschliessen. Vier Jahre später zog sie als sogenannte Inklusin in eine kleine Zelle bei der Kirche St. Mangen nördlich des Benediktinerklosters und liess den Eingang zumauern.
Durch ein Fenster zum Chorraum folgte sie der Messe, durch ein anderes hielt sie zeitweise Kontakt nach aussen und beriet Ratsuchende, auch Mönche und den Abt. Zwei Dienerinnen unterstützten sie im Alltag und brachten ihr das Essen. Auch den Dienerinnen ist in der Ausstellung ein Kapitel gewidmet. Von Wiboradas Nachfolgerinnen in St. Mangen starb die letzte 1509. Diese asketische Lebensform galt im Mittelalter als höchste Form religiösen Lebens.
Mächtige Frauen
Im Mittelalter gab es einzelne einflussreiche Frauen. Sie erhielten ihre Macht durch ihre adelige Geburt oder durch Heirat mit einem mächtigen Mann. Starb der Ehemann, konnte eine Frau seine Stellung zeitweise übernehmen.
Besonders grossen Einfluss bekam eine Königin oder Kaiserin nach dem Tod ihres Mannes, wenn der Thronfolger noch minderjährig war, wie Kaiserin Theophanu (um 960-991). Sie stammte aus Griechenland und war die Gemahlin von Otto II., Kaiser des römisch-deutschen Reiches. Nach seinem frühen Tod 983 kam der erst dreijährige Sohn Otto III. auf den Thron. Seine Mutter Theophanu übernahm die Regentschaft, nach ihrem Tod die Grossmutter Adelheid von Burgund.
Der Brokatstreifen mit dem Namen «Gundis» klebt auf dem vorderen Spiegelblatt des vermutlich von ihr gestifteten Evangelistars. Die Borte wurde nicht auf einem Webstuhl, sondern in aufwendiger Brettchentechnik gewoben. Kloster St. Gallen, um 900, Cod. Sang. 54. Foto: Stiftsbibliothek St. Gallen
Einige mächtige Frauen stifteten Geld für die Herstellung von Handschriften. Damit sorgten sie zugleich für ihr Seelenheil. Das sogenannte Gundis-Evangelistar wurde um 900 im Kloster St. Gallen hergestellt. Es ist überaus sorgfältig geschrieben und mit zahlreichen Initialen in Gold, Silber, Rot und Grün geschmückt. Auf der Innenseite des vorderen Buchdeckels klebt eine goldgewirkte Borte, darauf steht der Name «Gundis». Vermutlich war Gundis Stifterin des Evangelistars. Sie muss sehr reich gewesen sein, doch ihre Herkunft und ihr Leben konnten bisher nicht eruiert werden.
Eigenständige St. Gallerinnen
Während viele schreibende Nonnen namenlos bleiben, gelang es den Kuratorinnen, verschiedene Frauenbiografien aus späteren Schriften nachzuzeichnen. So kannte die 1474 geborene St. Galler Hebamme Anna Bösch viele Bürgerhäuser in der Stadt von innen, mitsamt den Dramen, die sich darin abspielten. 1536 und 1538 war sie im Haushalt von Johannes Rütiner tätig. Ihrem Patron erzählte sie die neusten Stadtgespräche. Dieser trug diese neben anderen Geschichten regelmässig in sein Notizbuch ein. 1538 notiert er: «Alles hat mir Anna Böschin erzählt, die 64 Jahre alt ist. Sie hat alles gut in Erinnerung behalten.»
Notizbuch von Johannes Rütiner (1501-1556/7). Papier, 304 Blätter, St. Gallen 1537-1539. VadSlg MS 79
Den Buchdruck gab es ab dem 15. Jahrhundert. In der Regel standen Männer diesen spezialisierten Werkstätten vor. In Familienbetrieben waren auch Frauen tätig, doch erst als Witwen sind sie namentlich erwähnt. Die St. Galler Druckerei Dieth entstand im 18. Jahrhundert. Mit dem Tod des Gründers übernahm seine Witwe Barbara den Betrieb. Später führte ihre Schwiegertochter Magdalena die Druckerei weiter unter dem Namen «Leonhard Dieth sel. Wittib». Beide Frauen gaben auch eigene Druckwerke heraus.
Titelbild: Frau am Webstuhl, Buchmalerei, Cod. Sang. 602, p. 367, St. Gallen, 1451-1460. Fotos: rv
Bis 8. November 2026
«Frauen – Weibliche Lebenswelten im Mittelalter», in der Stiftsbibliothek St. Gallen. Weitere Informationen finden Sie hier
Ausstellungskatalog, Hrsg. von Franziska Schnoor und Ruth Wiederkehr, Schwabe Verlag, Basel, 2026. CHF 25.00
s.a. Seniorweb: Von Wiborada bis Pipilotti Rist
Henrike Lähnemann & Eva Schlotheuber, Unerhörte Frauen. Die Netzwerke der Nonnen im Mittelalter, Taschenbuch, Ullstein Verlag, Berlin 2025. ISBN 978-3-548-07334-7

