FrontGesellschaftVon Wiborada bis Pipilotti Rist

Von Wiborada bis Pipilotti Rist

St. Gallen würdigt zum Frauenstimmrechts-Jubiläum die Ostschweizer Frauen in Ausstellungen und Projekten. So gedenkt man der beinahe vergessenen Stadtheiligen Wiborada und lässt sie auferstehen. Das Historische Museum stellt gesellschaftlich engagierte Frauen vor und wagt sich an weibliche Tabuthemen.

Der Rote Platz mitten in St. Gallen bringt das Werk starker Frauen augenfällig ins Bewusstsein. Pipilotti Rist hatte diese «Stadtlounge» im Jahr 2005 als ein in Rot getauchtes öffentliches Wohnzimmer entworfen. Unlängst kam er wegen einer gewalttätigen Demonstration landesweit wieder ins Bewusstsein. Doch eine Frau ging fast vergessen, die Stadtheilige Wiborada, die sich im Mittelalter als Inklusin (Eingeschlossene) einmauern liess und heute durch die Pandemieerfahrung neu entdeckt wird.

Die moderne Holzskulptur der Heiligen Wiborada im Chor der Kathedrale wurde am 2. Mai, am Wiborada-Tag, in einer feierlichen Prozession in die Kirche St. Mangen gebracht, wo sie im Mittelalter als Inklusin lebte.

Im Schatten des Klostergründers Gallus sowie des Reformators Vadian verblasste Wiborada, die als erste Frau heiliggesprochen wurde. Durch die aktuelle Erfahrung mit Quarantäne und unfreiwilligem Eingeschlossen-Sein gewinnt sie wieder an Bedeutung.

Wiborada hatte sich im Jahr 916 auf eigenen Wunsch in einer Klause neben der Kirche St. Mangen in St. Gallen einschliessen lassen. Durch eine kleine Öffnung zum Kirchenraum konnte sie dem Gottesdienst beiwohnen, durch eine zweite Öffnung nach aussen erhielt sie jeden Morgen Wasser und Brot, das sie segnete und mit den Armen teilte. Von hier aus hörte sie auch mittags und abends den Menschen für kurze Zeit zu und beriet dabei hohe politische und geistliche Würdenträger als Ratgeberin und erhielt so den Namen Wiborada, «Wiber-Rat».

Hildegard Aepli (links), Initiantin des Wiborada-Projekts, kurz bevor sie nach einem feierlichen Ritual für eine Woche in der Holzzelle eingeschlossen wurde.

Um Wiborada bekannt zu machen, initiierte die katholische Theologin Hildegard Aepli ein ökumenisches Projekt: Zehn Frauen und Männer zwischen 33 und 86 Jahren bereiteten sich während eines Jahres spirituell vor, sich vom 24. April bis 3. Juli für eine Woche einzeln einschliessen zu lassen. Unter den Vorzeichen von COVID 19 wollen sie über Freiheit und Eingeschlossen-Sein tiefer nachdenken und in Einsamkeit, Abgeschlossenheit und im Gebet wie Wiborada die Freiheit suchen.

Dafür wurde am historischen Ort neben der St. Mangen Kirche eine Klause aus Holz gebaut, wo die heutigen InklusInnen ohne Handy, Elektrizität oder fliessendem Wasser leben. Sie erhalten wie ihr Vorbild morgens Wasser und Brot, am Mittag zusätzlich eine warme Mahlzeit, zu festen Zeiten kann man mit ihnen ins Gespräch kommen; ein Notschlüssel ist vorhanden, auch eine Trockentoilette.

Wiborada hatte in einer Vision den Ungarneinfall von 926 vorausgesehen und rettete damit die Stadt. Die Menschen konnten rechtzeitig alle Kirchenschätze und Handschriften verstecken und sich selbst in Sicherheit bringen. Nur Wiborada wollte ihre Klause nicht verlassen, wurde Opfer der Angreifer und so zur Märtyrerin. Immerhin bleibt den heute Inkludierten dieses Schicksal erspart.

Der Martertod von Wiborada. Illustration der «Deutschen Heiligenleben», Codex 602, vor 1451/1460, Stiftsbibliothek St. Gallen. Da Wiboradas Klause fest ummauert war, drangen die Angreifer vom Dach her ins Innere.

Damit die Errungenschaften mutiger Frauen nicht in Vergessenheit geraten, porträtiert Marina Widmer in der Ausstellung «Klug und kühn – Frauen schreiben Geschichte» vierundachtzig Frauen, die sich seit der Staatsgründung 1848 für ihre Rechte eingesetzt haben. In chronologischer Abfolge wird der Fortschritt in Recht, Politik und sozialen Institutionen im Vergleich zu den Nachbarländern dargestellt.

Marina Widmer (rechts), Leiterin des Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte der Ostschweiz in St. Gallen, präsentiert die von ihr kuratierte die Jubiläumsausstellung zu «Fünfzig Jahre Frauenstimm- und Wahlrecht» im Historischen und Völkerkundemuseum St. Gallen.

Obwohl St. Gallen der letzte Kanton war, der das kirchliche Frauenstimmrecht angenommen hatte und sich auch 1971 noch gegen das eidgenössische Frauenstimmrecht sträubte, gab es eine frühe aktive Frauenbewegung. Der erste Arbeiterinnenverein der Schweiz wurde hier in der Textilstadt gegründet, ebenso die Frauenzentrale oder die erste Berufsberatungsstelle für Frauen. Emma Zehnder war 1912 Mitgründerin des St. Gallischen Frauenstimmrechtsvereins und sprach als erste Frau vor dem Grossen Rat. Ihr Auftritt wurde nicht protokolliert und es ist, als hätte er nie stattgefunden.

Elise Honegger, um 1890. Herausgeberin der «Schweizer Frauen-Zeitung» von 1879 bis 1912.

In der Ausstellung werden die Ostschweizer Frauen durch ihre Lebensläufe sichtbar. Ihre individuellen Leistungen in Berufsarbeit, Bildung oder karitativer Tätigkeit sollen so ins kollektive Gedächtnis zurückgeholt, vielmehr dort überhaupt erst einmal platziert werden, hofft die Kuratorin Marina Widmer.

Die Anstrengungen, als Frau gleiche Rechte zu erhalten wie der Mann, ist in den Biografien allgegenwärtig. So nutzte die Herausgeberin Elise Honegger (1839-1912) die «Schweizer Frauen-Zeitung» als Plattform, um die Leserinnen über ihre Rechte und Möglichkeiten zu informieren, erklärte den Unterschied zwischen Gütertrennung und Güterverbindung. Als geschiedene Frau war sie vertraut mit zivilrechtlichen Themen. Aber sie setzte sich auch für die Mädchenbildung und Frauenerwerbsarbeit ein.

Zur Chancengleichheit der Frau gehört auch die Kontrolle über den eigenen Körper. Seit je unterliegt die Schönheit des weiblichen Körpers gesellschaftlichen Normen. Die Frau ist nicht einfach Frau, sondern Heilige, Jungfrau, Mutter oder Hure. Im Untergeschoss des Museums werden diese Projektionen thematisiert.

Blick in die Ausstellung im Unterschoss.

Weibliche Sexualität, Geburt, Verhütung oder Menstruation sind bis heute Tabuthemen. Die Vitrinen zeigen Hilfsmittel für die Menstruationshygiene: Moose, Schwämme, Tücher, Binden, Tampons bis zur moderne Menstruationstasse. Bis in die 1960er Jahre konnten Frauen wegen Abtreibung ins Gefängnis kommen, noch früher wurden sie zum Tod verurteilt, viele starben durch Engelmacher und bis heute sind strafloser Schwangerschaftsabbruch und Frauenhäuser nicht selbstverständlich.

Titelbild: Teil des Roten Platzes in St. Gallen von Pipilotti Rist.
Fotos: rv
Bis 3.7.2021
Leben wie Wiborada, verschiedene Veranstaltungen, mehr s. hier

Bis 19.9.2021
Klug und Kühn – Frauen schreiben Geschichte. Frauen- und Geschlechtergeschichte in der Schweiz von 1848 bis heute, Historisches und Völkerkundemuseum, St. Gallen, mehr s. hier

Über die Ausstellung im Textilmuseum, welche sich mit der Thematik und Mode anhand von Frauenkleidern einst und jetzt auseinandersetzt, haben wir bereits berichtet, s. hier

 

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