«Vierzig versäumte Jahre lassen sich nicht einfach in drei Jahren aufholen», sagt Martin Berchtold, Raumplaner mit Schwerpunkt Hitzefragen, in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Im Gespräch nimmt er uns mit auf seine Erkundungstour: «In der Regel fahre ich mit dem Velo durch die Städte, die ich berate. Dabei achte ich auf mein Körpergefühl: Wie warm, wie heiss, wie kühl ist mir in welcher Situation?» Im Grunde lasse sich alles, was in Städten gut oder schlecht funktioniere, am eigenen Leib erfahren: Welcher Anteil der Flächen ist versiegelt, wie viel davon entsiegelt? Wie viele Bäume gibt es? Und wie steht es um die übrige Vegetation?
Tatsächlich muss man keine Fachperson sein, um zu erkennen, was los ist. Seit Wochen bietet sich Gelegenheit, es selbst zu testen. Man muss sich nicht einmal aufs Velo setzen: In diesen Hitzewochen genügt ein Spaziergang, um zu spüren, wie viel angenehmer es unter Bäumen ist.
Was haben wir alles versäumt – und wer trägt die Verantwortung dafür? Der Zeigefinger ist schnell erhoben, die Schuldigen sind rasch ausgemacht: die Politikerinnen und, noch mehr, die Politiker. Aber was ist mit uns selbst? Haben auch wir versagt?
In den 1960er-Jahren erlebte die Schweiz einen Wirtschaftsboom, der den Stromverbrauch rasant ansteigen liess. Wie heute warnten Fachleute lautstark vor einer Stromlücke. Eine Ironie des Schicksals: Damals wie heute sehen Experten und Politiker – heute allen voran Bundesrat Albert Rösti – die Lösung in der Atomkraft. 1966 lancierte die Firma Motor-Columbus in Baden gemeinsam mit Électricité de France ein Pilotprojekt für ein Atomkraftwerk. Weil dafür möglichst unbegrenzt Kühlwasser verfügbar sein musste, suchte man einen Standort am Rhein. Zunächst stand Pratteln zur Diskussion, doch bald fiel die Wahl auf Kaiseraugst. Damit begann ein beinahe zwanzigjähriger Kampf um die Frage: Atomkraftwerk Kaiseraugst – ja oder nein? Ich war mittendrin. Zum einen, weil ich ab 1967 in der Redaktion der damaligen Basler «National-Zeitung» für die Regio Basiliensis verantwortlich zeichnete, zum anderen, weil Kaiseraugst längst zum nationalen Thema geworden war, als ich 1974 in die Chefredaktion der «Tagesschau» wechselte.
Aus der Publikation „Die Geschichte des Oekozentrums».
Ab 1970 zwang uns das Projekt Kaiseraugst in den Redaktionen zunehmend zu intensiven Diskussionen. Die Gegnerschaft wuchs und wurde immer lauter. Wie sollten, wie wollten wir uns in der National-Zeitung positionieren? Sollten wir uns der erstarkenden Opposition anschliessen oder den Experten folgen, die im Interesse der Wirtschaft und zur Sicherung der Arbeitsplätze die drohende Stromlücke mit einem AKW schliessen wollten? Über allem stand die Frage aller Fragen: Wie sicher sind Atomkraftwerke?
Als Verantwortlicher lud ich damals zwei Exponenten in die grosse Redaktionskonferenz ein: Dr. E. Tapis, Delegierter der Motor-Columbus AG, und Hans Steinemann, Mitbegründer des Oekozentrums Langenbruck im Baselbiet, ein Sonnenenergie Förderer der ersten Stunde.
Unterschiedlicher hätten die beiden kaum sein können. Tapis war gross gewachsen und elegant gekleidet, mit Krawatte. Der Umweltaktivist trug Sandalen, eine helle Hose und darüber ein etwas verblichenes, buntes Hemd. Der eine war unmissverständlich dafür; der andere holte weit aus und sprach sich dagegen aus – allerdings mit einer Alternative: Sonnenenergie. «Ihr werdet sehen: Die Atomenergie hat keine Zukunft, es sei denn, die gefahrlose Entsorgung des radioaktiven Abfalls gelingt in absehbarer Zeit und die Kernfusion steht viel früher zur Verfügung, als zu erwarten ist.» Tapis hingegen sah in «seinem» Kernkraftwerk eine rasche Lösung all dieser Fragen. Die Redaktion blieb ziemlich ratlos. Hans Rudolf Hagemann, der damalige Verleger, überraschte am Schluss mit seinem Resümee: «Meine Zweifel an der Kernenergie sind gewachsen. Bleiben wir in der National-Zeitung wachsam und offen.» Ohne viel Aufhebens verabschiedete sich der Umweltaktivist. Ich begleitete ihn nach draussen. Er blieb stehen, blickte mir eindringlich in die Augen und fragte: «Warum setzt ihr Jungen nicht ganz auf die Sonne, auf die alternativen Energien?»
Das war – sage und schreibe – vor 55 Jahren. Das Atomkraftwerk Kaiseraugst scheiterte am Widerstand der Bevölkerung und bleibt lediglich als höchst umstrittenes Projekt in Erinnerung. Nicht ohne Ironie war es Christoph Blocher, der mit einer Motion im Nationalrat das Ende des Projekts einleitete. Die Kernkraftwerk Kaiseraugst AG verzichtete 1988 endgültig auf den Bau und erhielt von uns Steuerzahlenden eine Entschädigung von 350 Millionen Franken. 1,3 Milliarden Franken der aufgelaufenen Kosten versanken in den Baugruben von Kaiseraugst.
Welche Offensive für die Sonnenenergie hätten wir damals, vor mehr als fünfzig Jahren, mit diesem verlorenen Geld starten können, wären wir dem Umweltaktivisten gefolgt? Stattdessen belächelten wir ihn wegen seines Kupfer-Wolle-Bast-Outfits eher, als dass wir ihm zuhörten. Wir verstanden nicht – oder wollten nicht verstehen –, was auf uns zukommen könnte: etwa ein Hitzesommer wie jener, den wir gerade erleben. Zu tief sitzt in uns die Haltung: Was ist, soll möglichst so bleiben; vor allem soll sich möglichst nichts ändern. So versagen wir innovativen Ideen wie der Sonnenenergie immer wieder die Unterstützung.
Es dauerte fünfzig Jahre, bis sie sich durchzusetzen begann. Nun sind erneut «Verhinderer» wie Albert Rösti unterwegs, die auf Kernkraft setzen – obwohl die Entsorgung ungelöst ist, die Kernfusion weiterhin ein Wunschtraum bleibt und sich die Kosten, wie damals, nicht refinanzieren lassen. Nicht zu negieren ist zwar, dass die neuen Kernreaktoren, insbesondere kleinere, wesentlich sicherer sind; sie produzieren aber nach wie vor nuklearen Abfall und sind asymetrischen «Kriegshandlungen» ausgesetzt wie bisherige Werke. Und um die mögliche Versorgungslücke zu schliessen, will Bundesrat Röst zur Überbrückung – bis ein neues A-Werk steht – für 2,3 Milliarden Franken fünf neue Gasreservekraftwerke bauen. Im Parlament regt sich Widerstand. immer mehr Politiker haben Zweifel und fordern ein Umdenken, besinnen sich auf alternative Lösungen, auch auf die Sonnenenergie eben. Spät, aber immerhin.
Derweil treten bei AKW`s neue Gefahren zutage: In Ungarn musste das einzige Atomkraftwerk abgestellt werden, weil die Donau wegen der Hitze derzeit nicht genügend Kühlwasser führt. Und im ukrainischen Saporischschja ist Europas grösstes AKW – von russischen Truppen besetzt – tagtäglich den tödlichen Gefahren des Krieges ausgesetzt. Erinnern wir uns an Tschernobyl und Fukushima – und an ihre Folgen.
Wie schwer es die Schweizer Solarindustrie hatte und noch immer hat, zeigt ein Beispiel. Das Schweizer Unternehmen Meyer Burger AG, das sich auf die Herstellung von Hochleistungs-Solarmodulen spezialisiert hat, produzierte bis 2024 vollständig in Deutschland. Dann sah sich Meyer Burger gezwungen, einen grossen Teil der dortigen Produktion einzustellen und in die USA, nach Arizona, zu verlagern. Eine Brückenfinanzierung der USA über 72,8 Millionen US-Dollar, die den Geschäftsbetrieb sichern und die Umstrukturierung vorantreiben sollte, erleichterte dem Unternehmen diesen Schritt. Selbst das reichte nicht. Der ehemalige Meyer-Burger-Chef Gunter Erfurt hatte grosse Pläne: Nicht weniger als die «Renaissance der Solarenergie in Europa» wollte er etablieren. Stattdessen stand die Konzernleitung des Solarzellenherstellers mit Sitz in Thun 2025 vor einem Scherbenhaufen: insolvent. Die Ambitionen waren zu gross, die Konkurrenz aus dem fernen Osten vor allem zu stark.
Unterdessen baut China fast doppelt so viele Kapazitäten für Wind- und Solarenergie auf wie der Rest der Welt zusammen. Die Chance, die wir vor fünfzig Jahren verpasst haben, müsste uns alle beschämen. Tut es aber nicht. Im Gegenteil. Wir machen weiter, wie immer schon. Trotz ungebetener Hitze.


“Wir, die Versager in der Klimakrise”, der ging gewaltig daneben!
Geschätzter Anton Schaller, ich darf noch ein Jahr länger abstimmen als Sie, wohlverstanden abstimmen, aber eigentlich fast nie mitbestimmen. Denn ich gebe meine Stimme ausschliesslich den sozialen, fortschrittlichen Parteien. Das eine Mal, dem ich den Bürgerlichen folgte und auch mitgewann, dessen schäme ich mich heute noch. Meine Flugreisen lassen sich an einer Hand abzählen, meine zahlreichen jugendlichen Reisen führten durch Europa, wobei manchmal auch der Transporteur, der meinem Daumen hoch folgte, das Ziel mitbestimmte. Und mein Wägelchen, immer noch französische Mittelklasse, begnügt sich mit 5lt grünem Benzin, etwa 8000 km weit jährlich. Wir sammeln das Brauchwasser in der Küche und schicken nicht jedem Bisi 5lt Trinkwasser hinterher.
Wenn ich heute davon lese, dass Kernkraftwerke wegen Wassermangel stillstehen – kurz vorher hat man die Temperatur des Kühlwassers etwas erhöht, obgleich die Fische verrecken – kann auch ich nicht verstehen, dass unser “Unweltminister” heftig für Neubauten lobbyiert. Bei SFR gehört: Der Minister, der vor einem Vierteljahr nach der Alpbesichtigung bei seinem Bruder keinen Klimawandel erkennen mochte. Übrigens, auf der Nachbaralp wirtschaftet NR Wandflueh, der schweizerische Präsident der Alpwirtschaften. Das ist der, der verlangt, dass die Armee Wasser transportiert. Nebenbei auch Arbeitgeber eine Nichte von Albert Rösti. O-Ton, “Albert hat immer ein offenes Ohr für unsere Anliegen”. Wen wunderts?
Lieber Anton Schaller, erwarten Sie von uns keine Solidarität: Wir sind nicht die Versager!
China baut aber auch viele Atomkraftwerke, weil sie das Problem verstanden haben, im Gegensatz zu Ihnen.
Schauen sie doch einfach nach Deutschland und strengen sie bitte Ihr Hirn an!
Herr Reber, ich zitiere Anton Schaller: Unterdessen baut China fast doppelt so viele Kapazitäten für Wind- und Solarenergie auf wie der Rest der Welt zusammen. Und dann Sie: China baut aber auch viele Atomkraftwerke… Ein gutes Argument des grossen Bruders im Osten, nicht? Möglicherweise haben Sie sich ein bisschen verlaufen bei so vielen Fakten. Mein Kopf hält sich an den Lehrsatz: «Ignoranz ist leider eine der häufigen Formen von Dummheit».
Da geriet wieder mal sehr viel durcheinander.
Leider hat bis heute noch niemand von den AKW-Gegnern vom Dienst auch nur andeutungsweise aufgezeigt, wie die künftig benötigte Energie produziert und gespeichert werden kann.
Grundsätzlich müsste man versuchen, mit Solarpanels in nebelfreien Lagen möglichst viel Strom zu erzeugen und diesen vom Tag in die Nacht und vom Sommer in den Winter zu spreichern, insbesondere mit Pumpspeicherwerk-Systemen, zB vom Oberaarsee bis zum Brienzersee, vom Griessee bis zum Langensee, vom Melchsee bis zum Sarnersee, etc. etc.
Baukosten um die 200 Mrd Franken, Bauzeit bis ins nächste Jahrhundert, Abhängigkeit von China total.
Wie man so etwas politisch durchbringen kann, weiss ich nicht.
Dia Alternativen (Import von Atomstrom aus Frankreich oder von Braunkohlestrom aus Deutschland) sind verlogen.
Wer behauptet, Atommüll werde nie nützlich rezikliert werden können, hat den Glauben an die Intelligenz der Menschheit verloren.