FrontKulturGroteskes Spiel mit Masken

Groteskes Spiel mit Masken

Kein Karnevalsbrauch: „Die überraschten Masken: James Ensor“ heisst die neue Ausstellung im Basler Kunstmuseum.

Rechtzeitig zur Fasnacht zeigt das Kunstmuseum Basel James Ensors bekannte Gemälde mit den Masken. Oder ist es rechtzeitig zur Odilon-Redon-Ausstellung in der Fondation Beyeler, oder gar rechtzeitig zur Thesen-Ausstellung zum deutsch-französischen Expressionismus in Zürich? Aber es ist höchste Zeit, Ensor wieder einmal in der Schweiz zu zeigen. Der dringend nötigen Renovation im Königlichen Museum für Schöne Künste Antwerpen sei Dank, dass dessen Ensor-Sammlung, die grösste der Welt, reisen darf. Die Erkenntnis: Es gibt viel mehr zu entdecken, als die bekannten, immer wieder zitierten Masken-Malereien.

Badewagen in Ostende 1876
Der Belgier James Ensor (1860 bis 1949) beeinflusste mit seinem bizarren, phantasievollen und makabren Werk, in dem er die Absurdität menschlichen Daseins thematisierte, Künstler wie Alfred Kubin oder Paul Klee, die deutschen Expressionisten sowie die Surrealisten. Ensor selber behauptete, er habe „alle modernen Bewegungen vorweggenommen… in alle Richtungen.“

Bekannte Masken-Bilder und Überraschendes

Die Basler Retrospektive, eingerichtet von Nina Zimmer, umfasst neben frühen Bildern, welche Ensor im realistischen Stil und als Pleinair-Künstler malte, Porträts und Genreszenen sowie zahlreichen Stilleben, die ihm besonders viel bedeuteten, mehrere der Masken-Bilder, welche seinen Ruhm begründeten.
Die schlechten Ärzte. 1985. Kupferradierung
Dazu sind – vielleicht das Überraschende – Zeichnungen und Skizzen zu sehen, und aus dem Kupferstichkabinett konnte die Kuratorin die Austellung mit Druckgrafik, erworben 1928, bereichern.

Ensors Begabung wurde von seinem Vater früh erkannt und gefördert. Doch James schmiss das akademischen Studium und arbeitete zeitlebens in Ostende, nahe beim Kuriositätenladen der Familie. Seine skurrilen bis abseitigen Bildideen und Sujets haben auch eine reale Basis: In dem Laden für Kuriositäten, japanische Masken und zahllose merkwürdige Artefakte tummelte sich das Kind, später half der Sohn regelmässig mit. Das Sammelsurium, dem kleinen James ein phantastischer Traum, bleibt dem Grossen Inspirationsquelle.

Von der realistischen Malerei zum Symbolismus

Nach den Landschaftsbildern, oft der heimische Strand, und den stickig-düsteren Wohnstuben mit dem schweren Mobiliar, zwar zuhause, aber als Genre typisiert, suchte Ensor das Licht. Einen ersten Skandal provozierte er mit dem Bild Die Austernesserin, Modell war einmal mehr seine Schwester. Skandalös erschien den Zeitgenossen die Darstellung einer eleganten Dame am gedeckten Zweiertisch, die offensichtlich mit Genuss die erotisch aufgeladene Muschel zu sich nimmt.
Die Austernesserin.(Im Land der Farben). 1882

Bald folgte eine Phase des Symbolismus, in der Ensor regelrechte Farborgien auf die Leinwände brachte. In apokalyptischen Landschaften bewegen sich dämonische Wesen. So entstanden die grossen Tafeln Die Vertreibung aus dem Paradies oder Der Fall der rebellischen Engel. Ein gelbleuchtender Bogen umfasst das vorwiegend in Rot gehaltene Kampfgeschehen mit den stürzenden Dämonen, deren Konturen in der heftigen Bewegung fast nicht auszumachen sind. Nach und nach sucht Ensor deutlichere Abgrenzungen seiner Figuren, Schädel, Gerippe groteske Masken machen sich auf seinen Leinwänden breit – eine aggressive Abrechnung mit den Scheinheiligen in der Gesellschaft. Diese zum Teil grossformatigen Bilder, in denen oft dieselben Masken in neuer Gruppierung auftauchen, erzählen zwar eine Geschichte, bleiben aber zugleich im Rätselhaften gefangen. Beispielsweise Skelette im Streit um einen Gehenkten, wo im Vordergrund eine grässlich makabre Szene abläuft, links und recht durch Türöffnungen von Gruppen von Masken beobachtet.

Der Skelettmaler. 1896

Ein Selbstportät im Atelier, an dessen Wänden mehrere seiner Bilder erkennbar sind, übermalte Ensor während des Entstehens mit einem Totenschädel und nannte es Der Skelettmaler. Statt Pinsel sind kleine Flederwische aus Straussenfedern, wie man sie zum Abstauben von Nippes nutzt, in dessen Hand, „letztlich ein Bild, das in seiner Zuspitzung die Malerei ad absurdum führt,“ heisst es im (äusserst hilfreichen) Saaltext dazu. Die Maske im Vordergrund ist eine alte Bekannte von früheren und späteren Bildern, beispielsweise Pierrot und Skelette.

Schwarzer Humor

Fast noch makabrer und unheimlicher geht es in manchen Radierungen zu und her, technisch hervorragend, wird da Gesellschaftssatire gemacht, wird gemordert, geschossen, aufgespiesst. Das zeichnerische Werk war bislang kaum bekannt, gehört zum Nachlass. Bösartige Karikaturen, Blätter ätzender Gesellschaftskritik gibt es, aber auch Studien nach grossen Vorbildern wie Rembrandt oder nach der Natur. Manches geht einem sehr nahe.

Dank des glücklichen Zufalls, dass in Basel und Riehen mit James Ensor und Odilon Redon zwei wegweisende Maler der Zeit um 1900 zur selben Zeit präsentiert werden, führt nun zu einer internationalen wissenschaftlichen Tagung in Zusammenarbeit von Kunstmuseum und Fondation Beyeler mit dem Kunsthistorischen Seminar der Universität Basel (7. März 2014).

 

Bis 25. Mai

Bildernachweis: Titelfoto: Die Intrige.1890 © 2014, Lukas-Art in Flanders vzw, Foto Hugo Maertens und d/arch / ProLitteris, Zürich
übrige Bilder © 2014, Lukas-Art in Flanders vzw, Foto Hugo Maertens und d/arch / ProLitteris, Zürich (mit Ausnahme Der Skelettmaler. Foto Eva Caflisch)

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel