FrontGesellschaftWahrnehmung im Alter und des Alters

Wahrnehmung im Alter und des Alters

Jüngere Menschen nehmen sich selbst anders wahr als Ältere. Ältere Menschen können die Gefühlslage Jüngerer weniger gut einschätzen – einige Ergebnisse der Wahrnehmungsforschung.

Die Erforschung der Wahrnehmung gehört zu den Kernthemen der Psychologie. Wahrnehmung bezeichnet sowohl alles, was wir mit unseren fünf Sinnen aus unserer Umgebung aufnehmen, als auch das, was wir «gefühlsmässig», über unsere Emotionen, wahrnehmen, was unser Lebensgefühl mitbestimmt. Ausser Zweifel steht dabei die Frage, dass unsere Wahrnehmung nicht ein Leben lang gleich bleibt, nicht nur die fünf Sinne können abnehmen, sondern alle Formen der Wahrnehmung verändern sich.

Das Zentrum für Gerontologie der Universität Zürich widmet seine öffentliche Veranstaltungsreihe in diesem Frühling dem im Titel genannten Thema. Die erste Referentin Dr. phil. Christina Röcke (Foto links), Geschäftsführerin des Kompetenzzentrum für Plastizität im Alter (INAPIC) & UFSP Dynamik Gesunden Alterns, sprach in ihrem Vortrag von «Wahrnehmung von Emotionen und Veränderungen des Wohlbefindens bei alten und jungen Menschen».

Sie stützte sich dabei u.a. auf umfangreiche Untersuchungen, an denen sie selbst mitgearbeitet hatte. Reizvoll war vor allem ihr Ansatz, junge Menschen im Alter von 20 und 30 mit älteren Menschen zwischen 60 und 80 zu vergleichen.

Wie nehmen ältere und jüngere Menschen Emotionen wahr?

Psychologen haben herausgefunden, dass ältere Menschen unterschiedliche emotionale Gesichtsausdrücke anders wahrnehmen als Jüngere. Den Teilnehmenden wurden Fotos vorgelegt, die Gesichter mit einem charakteristischen Gefühlsausdruck zeigten. Die Befragungen ergaben, dass die Älteren wütende oder traurige Gesichter auf Fotos weniger gut einschätzen konnten als Jüngere.

Erstaunlich! Würden wir nicht annehmen, dass es uns im Laufe des Lebens mit mehr Erfahrung leichter fallen würde, den Gesichtsausdruck unseres Gegenübers zu erkennen? Offensichtlich nicht. In der Regel können Menschen Gesichter gleichaltriger Personen besser einschätzen als von Personen einer deutlich anderen Altersgruppe. Gleichaltrigkeit ist überhaupt ein wichtiges Merkmal: Junge Leute schauen sich Gesichter von Menschen ihrer Altersgruppe länger an, Ältere hingegen betrachten die Gesichter älterer Menschen länger.

Verändern sich Wohlbefinden und Lebensqualität über die Lebensspanne?

Im Laufe des Lebens werden Gesundheit und Selbständigkeit zu immer wichtigeren Ingredienzien von Wohlbefinden und Lebensqualität. Zwar ist die Erlangung der Selbständigkeit auch für junge Erwachsene ein hohes anzustrebendes Gut, aber um die Gesundheit kümmern sich viele weniger, sie nehmen sie als selbstverständlich hin. Im Alter geht es um die Bewahrung von beidem. Es wird uns zunehmend mehr bewusst, welche Bedeutung Gesundheit und Selbständigkeit für das Leben im Alter besitzt. Aber auch hier gibt es grosse Unterschiede in der Einschätzung.

Das subjektive Wohlbefinden entscheidet – nicht allgemein gesetzte Massstäbe! Man könnte es fast als ein Paradox ansehen: Befragungen zeigen, dass die Lebenszufriedenheit bis ins höhere Alter hoch und relativ stabil bleibt – trotz Belastungen und steigender Verluste im Verlauf des Lebens. Objektive Tatsachen (z.B. Altersbeschwerden) und subjektives Wohlbefinden hängen nur in geringem Masse voneinander ab.

Wenn die Forschenden den Fokus auf das gefühlsmässige Wohlbefinden richten, zeigt sich in ihren Arbeiten, dass es natürlich ein Auf und Ab der Stimmungen gibt. Aber die Gefühlslage älterer Menschen ist auf Dauer stabiler als die Jüngerer. Jüngere lassen sich von Glück, Traurigkeit oder Wut mehr hinreissen als alte Menschen. Diese Erfahrung haben wir wohl auch selbst schon gemacht.

Wie nehmen Menschen die Veränderungen im Wohlbefinden selbst wahr?

Die beiden Wissenschaftler Mike Martin und Matthias Kliegel haben ein Mehrsäulenmodell entwickelt, das die Lebensqualität im Alter beschreibt. Als Ressourcen werden aufgeführt:

–     Familie und Freunde
–     Ausbildung
–     Wohnen und Freizeit
–     Umgang mit Problemen
–     geistige und körperliche Gesundheit
–     Unabhängigkeit im Lebensalltag

Dabei wurde festgestellt, dass Verluste in einzelnen Lebensbereichen nicht unweigerlich zu einer Verringerung der Lebensqualität führen. Denn die Menschen entwickeln Strategien, wenn einzelne Ressourcen verloren gehen. Wer zum Beispiel nicht mehr auf Berge steigen kann, findet Freude an schönen Wanderungen in weniger anspruchsvollem Gelände. Einschränkungen in der Wohnsituation nimmt man leichter hin, wenn dadurch die eigene Selbständigkeit erhalten bleibt. Wer früher im Urlaub gern lange Autofahrten unternahm, entdeckt vielleicht die Annehmlichkeiten einer Busreise.

In den USA hat man über 10 Jahre untersucht, inwieweit sich die Lebenszufriedenheit jüngerer und älterer Menschen verändert – es zeigten sich kleine, aber keine signifikante Veränderungen, die Jüngeren waren eher optimistisch, die Älteren äusserten mehr Pessimismus im Hinblick auf die Zukunft. Bei Menschen im hohen Alter, die kurz vor dem Tod stehen, verhält es sich allerdings anders. Nun nimmt laut Forschung die Lebenszufriedenheit kontinuierlich ab. – Was die Wissenschaftler nicht erfassen können, sind die Gefühle jedes einzelnen, die angesammelte Lebensweisheit, die verhindern kann, dass ein Mensch in seiner letzten Lebenszeit in ein schwarzes Loch fällt.

Als aufbauendes Beispiel erzählte Christina Röcke abschliessend eine Anekdote über Arthur Rubinstein. Im Alter von 80 Jahren wurde er gefragt, wie er es mache, seine Kunst als Konzertpianist zu bewahren. Er übe mehr, antwortete er, habe sein Repertoire eingeschränkt und, da er nicht mehr so schnell spielen könne, verlangsame er vor besonders schnellen Passagen das Tempo. Im Kontrast erschienen diese Passagen dann wieder ausreichend schnell. – Ein Beispiel für angewandte Lebenskunst.

Die Veranstaltungen des Zentrums für Gerontologie finden alle 14 Tage mittwochs von 18:15 – 19:45 in der Universität Zürich, Rämistr.71 statt.
Der nächste Vortrag ist für ältere Autofahrer von besonderem Interesse:
Der Zürcher Neuropsychologe Gianclaudio Casutt spricht über «Verhalten und Wahrnehmung älterer Kraftfahrer«.

Programm der gesamten Vortragsreihe.

Ein empfehlenswertes Buch: Mike Martin & Matthias Kliegel, Psychologische Grundlagen der Gerontologie, Kohlhammer, 2010

Titelbild: © Albrecht E. Arnold  / pixelio.de

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