Kultur

Nach Moskau! Nach Moskau!

Ein gelungener Auftakt: Das Zürcher Schauspielhaus startet mit dem Stück „Drei Schwestern“ von Anton Tschechow in die neue Theatersaison.

Seit gut 110 Jahren weiss Anton Tschechows Drama von den „Drei Schwestern“ davon zu überzeugen, dass das Leben erstens langweilig ist und zweitens nie jene Erwartungen erfüllt, die man trotz allem komischerweise hegt. Im Mittelpunkt des 1901 uraufgeführten Stücks stehen die drei Schwestern Olga, Mascha und Irina, die nach dem Tod ihres Vaters, der als Brigadegeneral von Moskau in die Provinz versetzt worden war, in der Provinz festhängen. Einzig die Hoffnung, dass ihr Bruder Andrej einen Ruf als Professor an die Moskauer Universität erhält und sie dann mitnehmen wird, lässt die drei Schwestern die Provinz noch aushalten. Der aber heiratet die exzentrische Natascha aus der hiesigen Provinz, verfällt dem Glücksspiel und verliert am Ende alles.

Einziger Trost, den der Ort zu bieten hat, ist das Regiment, zu dessen Offiziere die Generalststöchter noch immer Kontakt haben. Mascha liebt den Batteriechef Oberstleutnant Werschinin, dessen Frau regelmässig Selbstmord zu begehen versucht. Irina, deren Glaube an eine wirkliche Zukunft längst geschwunden ist, entschliesst sich, dem Werben des Offiziers Baron Tusenbach nachzugeben und ihn zu heiraten. Doch dazu kommt es nicht, da Tusenbach in einem Duell fällt. Zuletzt wird auch noch das Regiment abgezogen und verlegt. Die Isolation der Schwestern ist nun vollkommen und ausweglos. Irina resümiert über ihr Leid und die vermeintliche Sinnlosigkeit ihres Daseins: „Es wird eine Zeit kommen, da alle klar sehen werden, da es keine Geheimnisse mehr geben wird. Vorläufig aber heisst es arbeiten, nur arbeiten“.

Mit Klamauk und Komik angereichert

„Drei Schwestern“ ist ein sehr atmosphärisches Stück, ein fein psychologisches Gespinst. Der Hausherrin Barbara Frey gelingt es vortrefflich, den alten Tschechow mit Klamauk und Komik in unsere gestresste, so schnell gelangweilte Gegenwart zu holen. Sie ergänzt Tschechow behutsam um heutige Alltagssprache, macht mit witzigen Einlagen deutlich, dass die Sehnsucht nach einem besseren Leben eine Falle ist. Ihre Figuren sind isolierte Wesen, die mit grossartigem Gezappel das Quälende ihrer ausweglosen Situation erfahrbar machen. Alle reden aneinander vorbei, faseln von „Nach Moskau! Nach Moskau!“ und „Durst nach Arbeit“. Da ist kein Näherkommen, kein Ausweg möglich, auch wenn sich alle verzweifelt mühen.

Von links: Friederike Wagner, Christian Baumbach, Stefan Kurt, Dagna Litzenberger Vinet, Johann Adam Oest, Milian Zerzawwy und Sylvie Rohrer. (Bilder Matthias Horn)

Gespielt wird auf einer Drehbühne mit Wohnzimmer, Schlafzimmer und gedeckter Laube (Bühnenbild: Bettina Meyer). Diese dreht sich, wenn die Jahre vergehen. Wohn- und Schlafzimmer sind spartanisch möbliert, erinnern an Hopper-Bilder mit ihren Schemen-Leben. Trostlos auch das Wohnumfeld, in dem die innere Leere der Figuren gespielt wird. Aufgelockert wird das triste Leben in der Provinz mit zahlreichen Musikeinlagen, mal klassisch, mal poppig-rockig. Einmal raffen sich die drei Schwestern zu einem wilden Tanz zu Alizees Song „Moi Lolita“ auf.

Schauspielerische Feinarbeit vom Besten

Alle Schauspieler spielen ihre Rollen überzeugend und äusserst differenziert. Zu sehen und zu hören ist schauspielerische Feinarbeit vom Besten. Die drei Schwestern sind scharf konturiert: Friederike Wagner spielt die Olga als verhärtete Jungfer, die zu verblüffenden Irritationen neigt, Sylvie Rohrer gibt ihrer Mascha eine trotzig-stolze Note und ist dennoch von stiller Trauer befallen, und Dagna Litzenberger Vinet verkörpert anfänglich eine aufmüpfige und hoffnungsgeladene Irina, die aber innerlich mehr und mehr zerbricht und erstarrt. Daneben Markus Meyer als gescheiterter Andrej, Hilke Altefrohne als dominierende Natascha, die schnippisch und zärtelnd zugleich sein kann. Christian Baumbach gibt einen schneidigen Tusenbach, Stefan Kurt einen resignierten Werschinin und Nicolas Rosat einen naiv-gutgläubigen Kulygin, der als Maschas ungeliebter Mann immerzu seine Liebe und Zufriedenheit beteuert. Bleiben noch Johann Adam Oest als desillusionierter Militärarzt Tschebutykin und Siggi Schwientek als trotteliger Diener Ferapont.

Das Ensemble bringt einem die Figuren mit einer ungemeinen Intensität beinahe schmerzhaft nahe, mal berührend tragisch, mal erheiternd komisch. Dafür und für die stimmige Inszenierung gabs am Premierenabend lang anhaltenden Applaus.

Weitere Spieldaten: 12., 16., 18., 19., 21., 24., 26. September, 3., 4., 6., 15., 25., 29., 30. Oktober, 4. November, je 20 Uhr; 14. September, 15 Uhr.