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Die andere Meret

Die Schweizer Surrealistin Meret Meyer Scapa tritt fast aus dem Nichts in die Fussstapfen ihrer berühmten Namensschwester Meret Oppenheim in die Öffentlichkeit.

Öffentlichkeit bedeutet in diesem ganz besonderen Falle das Kunstmuseum Bern. Auf Anregung von Ted Scapa, dem bekannten Benteli-Buchverleger, wagt Direktor Matthias Frehner den Schritt und stellt mit Meret Meyer Scapa eine Künstlerin vor, die ihr langes und reiches Leben lang ihre (bildende) Kunst vor fast aller Augen verborgen hat.

Tänzerin und Künstlerin

Die als Enkelin des Verlagsgründers Albert Benteli in Bern aufgewachsene und u.a. von Mary Wigman ausgebildete Ausdruckstänzerin sah in der Tanzkunst ihren eigentlichen Beruf. Sie arbeitete aber in ihrer Jugend auch energisch an ihrer bildnerischen Ausbildung, zuerst als Keramikerin, später, an der Kunstgewerbeschule Zürich, als Malerin. Nach dieser zweijährigen Ausbildung ging sie nach Paris und besuchte eine Zeitlang die Atelier-Kurse von Fernand Léger, der ja sowohl malerisch als auch mit keramischen Techniken arbeitete. Dort befreite sie sich vom akademischen Stil und gewann die innere Freiheit für ihre ureigene Ausdruckskraft, die sie ihr ganzes Leben lang – wenn auch in aller Stille und nur von wenigen Auserwählten beachtet – weiter vervollkommnen sollte.

 

Wo Bäume tanzen

Aus einem Brief ihrer Schwester Renate Meyer-Carnes geht hervor, dass Meret schon in ihrer Kindheit surrealistisch gedacht und gemalt hat: «Die (Deine) geheimnisvollen Landschaften voller rätselhafter Wesen und Chimären aus fernen Welten verzaubern mich bis heute! Wie gerne wäre ich Dir an diese zauberhaften Orte gefolgt, wo Bäume tanzen und goldene Schiffe und Städte durch goldene Horizonte schweben…» In diesem Brief erscheint ein sehr wichtiges Adjektiv, das die Werke Meret Meyer-Scapas fast durchgehend charakterisiert: «Tänzerisch» ist vieles in diesen uns nun erstmals zugänglichen Bildern: Hier tanzen sogar die Wolken und das Wasser, Bäume und Blumen recken ihre Aeste und Stiele wie Kraken, Licht umspielt Fabelwesen und einsame Häuser. Die surrealen Keramikvasen und –skulpturen ruhen zwar mehr in sich, sind aber trotzdem oft von einer nie innehaltenden, vegetabilen Bewegung erfüllt. Nicht umsonst nennt sie diese skulpturalen Mischwesen «Metamorphosen». Daneben werden Einflüsse aus der ozeanischen Kunst in schwer lastenden, figurativ stark zurückgenommenen Skulpturen sichtbar, welche auf beeindruckende Weise ergänzt werden durch die Wandmalereien in ihrem Ferienhaus am Murtensee.

Landschaft mit Fabelwesen auf goldenem Ei, Öl auf Leinwand, 99,5 x 149 cm

Geburtstagsgeschenk zum 85.

Letzteres Gesamtkunstwerk können wir natürlich nur als Fotos in dem von Ted Scarpa initiierten Buch «Meret Meyer-Scapa – ein Leben für die Kunst» bestaunen. Die Herausgabe und Vernissage dieses grossen Buches, als Geburtstagsgeschenk von Tex Scapa an seine Frau zum 85. Geburtstag ist auch der Anlass für die derzeitige, relativ kleine Präsentation im Kunstmuseum Bern. Wie Kunstmuseumsdirektor Matthias Frehner bei der Pressepräsentation ausführte, hatte er eine weit grössere, repräsentative Ausstellung ins Auge gefasst, was jedoch am hartnäckigen Widerstand der Künstlerin selber scheiterte.
Wobei wir bei der Frage angekommen wären, weshalb denn dieses Werk durch rund 60 Jahre hindurch derart geheim bleiben musste.

unten: Blumenstrauss in SchaleÖl auf Leinwand, 120 x 80 cm

Künstlerin, Mutter, Gastgeberin

An der Seite ihres Mannes zweiten Mannes Ted Scapa, der den renommierten Benteli-Verlag Bern von ihrem Vater Hans Meyer-Benteli übernommen hatte, sah sich Meret vor allem als – inzwischen vierfache Mutter mit zwei zusätzlich angenommenen tibetischen Adoptivkindern – vor allem als Repräsentantin eines gesellschaftlich angesehenen, gastfreundlichen Hauses.
Als solche verkehrte sie mit vielen Künstlerinnen und Künstlern, die bei Benteli verlegt wurden, und befreundete sich auch mit Meret Oppenheim. Doch nahm sie ihr bildnerisches Werk zunehmend zurück, arbeitet kontinuierlich, aber, mit der einzigen Ausnahme einer kleinen Ausstellung bei Severina Teucher in Zürich, fast im Geheimen. Beim Studium ihrer Biographie ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Zurücknahme auch auf das Vorbild der eigenen Mutter zurückgehen könnte, welche selbst als talentierte Tänzerin auf ihre künstlerischen Intentionen nach der Heirat mit Hans Meyer verzichtet hatte.

Oeuvre von mehreren 100 Werken

Wie auch immer: In aller Stille wuchs so ein grosses Oeuvre von mehreren 100 Werken heran, das nun wenigstens teilweise sowohl in der Präsentation als auch im repräsentativen Prachtband aus dem Benteli-Verlag sichtbar wird. Der Band enthält neben vielen biografischen Zeitzeugnissen und farbigen Werkabbildungen einige informative, flüssig geschriebene Texte von Roy Oppenheim, Guido Magnaguagno, Felix Baumnn und Franziska Räz mit einem Vorwort von Matthias Frehner. Leider verzichtet er ganz auf die Datierung der Werke sowie auf eine eigentliche Biografie.

Stadt mit silbernem Schiff,
Öl auf Holz, 64 x 64 cm

Wir Kunstfreundinnen und –freunde können nur hoffen,
dass die Künstlerin ihre Bescheidenheit bald einmal aufgeben und mit ihrer ganzen künstlerischen Vielfalt vor die Öffentlichkeit treten wird.

Bis heute befindet sich kein einziges Teilstück in einer öffentlichen Sammlung.
Das Kunstmuseum Bern beweist aber heute schon pionierhaften Mut durch die Tatsache,
ein durch sechzig Jahre hindurch fast geheim gehaltenes Werk erstmals vorzustellen – eine Entdeckung!

alle Fotos: © Kunstmuseum Bern

Ausstellung Kunstmuseum Bern: bis 3. Mai 2015.

Katalogbuch, ca. 144 Seiten, Parlevent-Verlag Bern, sfr. 49

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