FrontKultur„Krise Mann“ im Fokus

„Krise Mann“ im Fokus

Ein erbarmungsloser Text, grandios gespielt: Sebastian Nübling inszeniert am Schauspielhaus Zürich Sibylle Bergs neustes Stück „Viel gut essen“.

Ein Mann im besten Alter (Mittvierziger) kocht ein mehrgängiges Menü für Frau und Sohn – nur leider haben Frau und Sohn ihn längst verlassen, sein Job ist weg und sein Wohnviertel gentrifiziert. Der Mann auf verlorenem Posten schüttet sein Herz aus. Wie konnte es soweit kommen, dass aus dem weißen, bürgerlich erzogenen, zu Familienleben und Fürsorge sozialisierten männlichen Prachtexemplar ein Loser wurde? Und er gibt gleich selbst die Antwort: Unsere Gesellschaft wird gekapert von den Asylbewerbern, den Feministinnen, den Homosexuellen, den Karrierefrauen und den Hipstern. Und das wird man ja wohl sagen dürfen!

Zynisches und provokantes Stück

Sibylle Berg, als Autorin und Dramatikerin bekannt für scharfe gesellschaftspolitische Bestandsaufnahmen, hat mit dem Werk „Viel gut essen“, das am Zürcher Schauspielhaus als schweizerische Erstaufführung auf die Pfauenbühne kam, einen bitterböse-überspitzten, vor Klischees strotzenden Monolog geschrieben. Es ist ein scham- und schonungsloses, zynisches und provokantes Stück über einen gescheiterten, rechtspopulistischen Jedermann, der sich von Geschmacklosigkeit zu Geschmacklosigkeit monologisiert, derweil er ein Menü für geschmackverfeinerte Gaumen kocht.

 

Drei Frauen in Männerrollen (von links): Hilke Altefrohne, Henrike Johanna Jörissen, Lena Schwerz (Fotos: Tanja Dorendorf / T+T Fotografie)

Regisseur Sebastian Nübling, den mit Sibylle Berg eine enge Zusammenarbeit verbindet, verteilt die Rolle des Krise-Manns auf drei Männer, vielmehr auf drei Frauen, die die drei Loser mit grosser Lust und grossem Engagement spielen. Auf leerer Bühne stehen sie, perfekt männlich gekleidet und frisiert, und erzählen die Geschichte des mittelständischen Familienvaters, der v

or Kurzem noch zu den Gewinnern gehörte, jetzt aber nichts mehr hat als eine neue, nicht abbezahlte Küche, setzen zur Generalabrechnung an, lästern über Schwule, Künstler, Topmanager, Veganer, Feministinnen, Arbeitslose, Ausländer, Flüchtlinge, Muslime. Zum Vorschein kommt ein gekonnt hintergründiger Blick in die mentalen Abgründe eines Verlierers, der in gewählten Worten nachplappert, was gegenwärtig im Denkdunst an billigen Schuldzuweisungen gärt.

Bei aller Radikalisierung unterhaltsam inszeniert

Nübling gewährt den drei Schauspielerinnen viel Raum, lässt sie stehend, liegend, tollend, laufend monologisieren, mal männerbündisch im Chor, mal abwechselnd im Dialog. Das lockert die Reibung zwischen den Textteilen enorm, verleiht der Inszenierung bei aller Radikalisierung der Gedanken eine unterhaltsame Note. Die Schuldzuweisungen und Unkorrektheiten kommen nicht eifernd anklagend daher, wirken eher komisch, belustigend, melancholisch. Das sorgt für einige Lacher, aber mitunter auch für Mitleid mit dem dreifachen Krise-Mann, manchmal sogar für Verständnis für diesen. Natürlich hagelt es Klischees in dem Stück, offenbart es ein Gebräu an Vorurteilen, doch es trifft mit seinen provokatanten Aussagen den Nerv unserer Zeit, hat etwas Verstörendes und Gefährliches zugleich. Es fällt schwer, sich davon vollständig zu distanzieren.

Nübling erweitert das Monologspiel mit meterhohen, transparenten Vorhangbahnen, die fast unmerklich in die Leere der Bühne vordrängen, anfänglich zaghaft, dann füllen sie den ganzen Raum, umhüllen die Mann-Krise spielenden Frauen, oder besser: fangen sie förmlich ein (Bühne: Eva Maria Bauer). Die selbstmitleidigen Wutmänner werden aus der Online- in die Offline-Welt katapultiert, sind Gefangene mit Abstiegsängsten im Schleier-Käfig, just in dem Moment, als sie als Empörte im Namen der «Volkspartei» zur Mobilmachung der Bürgerrechte («Wir sind das Volk!») aufrufen. Das wirkt etwas bemüht, aber passt durchaus in die gegenwärtige politische Landschaft.

Grandios ist der Einfall, diese verbitterten Männer durch Frauen spielen zu lassen. Es ist ein wahrer Genuss, Hilke Altefrohne, Henrike Jahanna Jörissen und Lena Schwarz bei ihrem Rollenspiel zuzusehen. Nur ihre Stimmen verraten ihr Geschlecht, ansonsten liefern sie in Gestik, Mimik und Haltung unverkennbar männliches Gehabe, setzen die Mann-Krise überzeugend in allen Details ins Spiel. Das Premierenpublikum war begeistert von der grossartigen Umsetzung von Sibylle Bergs bissigem, zugespitztem Mannpsychogramm und bedankte sich mit langanhaltendem Applaus.

Weitere Spieldaten: 9., 10., 18., 19., 27. Februar, 4., 8., 14., 21. März, 2. April, je 20 Uhr; 21. Februar und 6. März, je 15 Uhr.

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