FrontKulturOhren auf und Augen zu!

Ohren auf und Augen zu!

Henry Purcell nach 40 Jahren wieder auf der Zürcher Opernbühne – mit „La Scintilla“ unter Laurence Cummings: Das ist die gute Nachricht. Die Inszenierung ist die schlechte.

Beginnen wir mit dem Erfreulichen: Der Händel- und Barockspezialist Laurence Cummings, der William Christie bereits 1995 im „King Arthur“ assistierte und hier schon das Pasticcio „Sale“ dirigierte, stand vom Cembalo aus wieder am Pult und wusste mit dem differenziert die Partitur auslotenden, in historischer Praxis eminent erfahrenen „Orchestra La Scintilla“ Glanzlichter zu setzen. Er wäre bestimmt nicht nach Zürich gekommen, wenn es diese verschworene Gemeinschaft unter Ada Pesch nicht gäbe. Was für ein Glücksfall, dieses Ensemble vom Geiste Harnoncourts in Zürich zu wissen, in das sich auch viele Zuzüger akkurat einfügen. Ich erwähne hier gerne die virtuosen, das ganze Arsenal an Blockflöten beherrschenden Martina Joos Saladino, Sybille Kunz, Corina Marti und Andel Strube.

Die blinde Emmeline (Ruth Rosenfeld) und ihr Herzallerliebster König Arthur (Wolfram Koch)

Auch die Sängerdarsteller mit Mélissa Petit (Luftgeist), Deanna Breiwick und Hamida Kristofferson (Opernstudio) in 4-Fach-Rollen, Anna Stephany (Schäferin/Sirene/Venus) und Mauro Peter (Held/Schäfer) wussten mit ihrer gepflegten englischen Diktion und einnehmendem Gesang zu betören. Und Carol Schuler (Dienerin Mathilda) erweist sich als singendes und tanzendes Multitalent, eine Knalltüte, die auch in Bands die Bühne rockt. Unbedingt zu erwähnen ist auch der von Michael Zlabinger sich nahtlos einfügende Elite-Chor, der wirklich entzückte.

Das Bühnenbild begnügt sich mit einer riesigen Pixelwand, auf der tausende von mäandrierenden Farbtuper à la Hundertwasser oder Pipilotti Rist den Märchenwald evozieren oder Scheinwerfer den Heldenstatus der Ritter parodieren. Victoria Behrs Kostümphantasien besitzen schon länger Kultstatus, und auch jetzt geizt sie nicht mit sämtlichen Facetten vom grellen Rauschekleid, verrückten Turmfrisuren und Geschmeide, das ständig vor sich hin glitzert, silbert und goldet.

Luftgeist (Mélissa Petit), Emmeline (Ruth Rosenfeld) und Mathilda (Carol Schuler) von links.

Ein Stück im Stück: von A-Z durchgeknallt

Die Semi-Oper von Purcell, 1691 uraufgeführt, ist ein Unikum, verlangt sie doch für die Hauptdarsteller Sprechrollen, nur in den Nebenrollen wird gesungen. Damit ist eine heikle Gratwanderung verbunden, sollten sich die beiden Ebenen doch einigermassen kongruent verschränken. Statt einem englischen Regisseur fungiert nun mit Herbert Fritsch aber ein Tausendsassa deutscher Provenienz mit seinem ganzen Hofstaat, alles Fritsch-Adlaten, als Vollstrecker, und damit entwickelt sich eine Eigendynamik, die ganz aus dem Ruder läuft. Nichts gegen die Sarkastik von Monty Python und gegen Asterik und Obelix, aber nach fünf Minuten ist der überbordende Slapstick doch nur noch eingeschränkt lustig. So viel Klamauk mag als eigenständige Theaterregie sicher viel Huronengebrüll auslösen, aber zu Purcells Musik ist sie die Faust aufs Auge. Statt «Dada» ziemlich «gaga» .Man wünscht sich einen Zeitraffer, um das vertrottelte Rittertum in die Schranken zu weisen. Es beginnt schon in der 1. Szene: König Arthur hüpft vom Souffleurkasten runter und kalauert: „Vom Sprung zum Sprüngli“. Ein „product placement“ Marke Opernhaus?

Die Drastik von Fritschs Regie korreliert in keiner Weise mit der feinsinnig-eleganten Musik Purcells. Falls das Primat der Musik in der Oper Gültigkeit hat – und davon gehe ich aus, muss sich die Szenerie dem fügen und unterordnen. Immerhin nimmt sich in einigen Szenen auch die Regie zurück, wenn es darum geht, den Zuhörer dem Fluidum des Gesangs zu überlassen.

«King Arthur» (Wolfram Koch) im Zauberwald / Fotos: Hans Jörg Michel

Die latente Regieproblematik am Zürcher Opernhaus

Eine glückliche Hand hat das Schattenkabinett um Intendant Homoki nicht gerade, was die Auswahl der Regieteams betrifft. Nello Santi weigerte sich, den neuen „Rigoletto“ zu dirigieren. Kunststück. Christoph Marthaler hinterlässt verhängnisvolle Spuren. Während er seine subtilen Verballhornungen immerhin geistreich und schmunzelnd vermittelt, kommen Sebastian Baumgarten (anarchisch) und Herbert Fritsch (marktschreierisch) mit dem Zweihänder daher. Ich will nun gar nicht aufzählen, welch herausragende Regisseure Zürich prägten und nun durch provozierende Selbstdarsteller ersetzt werden. Zu hoffen ist, dass noch nicht aller Tage Abend ist.

Vorstellungen: März 1, 3, 11, 16, 18, 20, 28, April 1

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