Gesellschaft

Zu Besuch bei Hedy Langendorf

Seit 25 Jahren trainiert Hedy Langendorf im Fitness Center. Sie wird im Mai 96 Jahre alt und ist im Kanton Zürich die Älteste, die im Studio Fitness macht.

Hedy Langendorf empfängt mich in ihrer Wohnung in ihrem Mehrfamilienhaus mitten in Wädenswil: im Parterre ein Lebensmittel-Grossverteiler, darüber Arztpraxen und Wohnungen.

Das Haus steht seit 1971. Ringsum wird abgebrochen und erneuert. Hedy wohnt im dritten Stock, abgehoben vom Lärm des Alltagsverkehrs. In ihrem mit Orientteppichen und antiken Sammelstücken liebevoll ausgestatteten Heim lebt sie „schlicht und einfach“, wie sie sagt.

Ich habe Hedy im Fitness Center kennen gelernt. Tritt sie durch die Tür, dann schwappt ihr eine Welle von Wohlwollen und Respekt entgegen. Ihre Gelassenheit und ihr Humor entwaffnen. Im Gespräch mit ihr scheint die Zeit ein wenig still zu stehen.

Brigitte Poltera: Hedy, ich habe dich am Montag im Fitness Center getroffen. Du seist hier wohl die Älteste, die im Studio Fitness mache, erzähltest du, und dank dieses Trainings seist du so gesund und körperlich und geistig beweglich. Von deinen Erfahrungen muss man anderen älteren Menschen erzählen, dachte ich mir. Wie bist du auf den Besuch des Fitness Centers gekommen?

Hedy Langendorf: Das war lustig. 1991 begleitete mich eine neue Mieterin ins Turnen für Jedermann. Da ihr einmal Turnen pro Woche zu wenig war, schlug sie mir vor, das nahe Fitness Center zu besuchen. Ich zögerte. Ich war ja schon 71 Jahre alt. Ich unterzog mich einem Test und bestand glanzvoll mit 73 von 75 möglichen Punkten.

Seither besuche ich ein Fitness Studio. Das hat meinem spondylosen Rücken sehr gut getan und mich vor einer Operation bewahrt.

Ich trainiere bei Schmucki-fit, mitten im Dorf. Da gefällt es mir. Ich trainiere regelmässig dreimal pro Woche an den Geräten und mache das Langzeittraining auf dem Velo zuhause vor dem Fernseher. Ohne Fernseher wäre mir das Training zu öde.

Dreimal wöchentlich an den Maschinen? Das ist doch auch langweilig.

Überhaupt nicht. Ich forciere nicht. Ich warte bei jeder Übung auf die Reaktion des Körpers. Spüre ich Schmerzen, dann höre ich sofort auf.

Wichtig sind dir wohl auch die Gespräche mit Menschen.

Ja. Im Fitness duzen wir uns, und wir pflegen eine familiäre Atmosphäre. Alle sind so nett zu mir, auch die Jungen. Ich fühle mich hier sehr wohl. Früher war ich im Turnverein, da haben wir uns noch gesiezt. Das war auch schön, doch bin ich nie so warm geworden mit den Kolleginnen wie heute im Fitness.

Bis vor kurzen traf ich mich hier mit einer Jugendfreundin. Sie hat heute gesundheitliche Probleme und wohnt in einem Alterszentrum. Sie tut sich schwer mit dem Einleben. Geht sie zum gemeinsamen Essen, dann trifft sie nur alte Leute.

Es ist halt „cheibeschön“, wenn man noch selbständig leben und machen kann, was man will.

Gutes Essen gehört ja auch zur Gesundheit. Kochst du für dich?

Ich hole jede Woche eine Mahlzeit im Coriander Leaf (asiatisches Restaurant). Ich kann wählen was ich will. Ich habe alles gern. Das Essen ist besser und individueller als in anderen Take-Aways. Das Menu kostet CHF 14.50. Ob das der AHV-Tarif ist?

Das ist der normale Preis. Warum isst du nicht dort im Restaurant?

Ein Menu ist mir zu viel. Ich mache zweimal daran. So muss ich zweimal nicht kochen. Ich habe eine Mikrowelle

Hunger leiden muss ich nie (Hedy lacht). Ich kann im Erdgeschoss einkaufen, beim Denner. Der läuft gut und wird sehr gut geführt, jetzt von zwei Männern. Die beiden sind nett und lustig. Als mich einer von ihnen duzte, wunderte ich mich, woher er mich kenne: Er ist auch vom Fitness.

Was bedeuten die Spielkarten, die auf deinem Küchentisch liegen?                                  

Das sind Patience-Karten. Die lege ich während der Mahlzeit. Damit zwinge ich mich, nicht zu rasch zu essen.

Wohnst du gerne alleine?

Ich habe in einer heimeligen Zweizimmerwohnung im Dachstock gewohnt, bevor mich der Arzt warnte, ich sollte nachts nicht mehr allein sein, wegen der Sturzgefahr. So bin ich einen Stock tiefer in eine Fünfzimmerwohnung umgezogen und vermiete ein Zimmer an jüngere Leute.

Ich stelle mich gleich als „ich bis Hedy“ vor. Ich schätze Beziehungen auf Augenhöhe.

Während zwei Jahren hatte ich eine Studentin aus Deutschland. Wir haben sehr gut harmoniert. Übers Wochenende wohnte ihr Freund bei uns. Es war herrlich mit den jungen Leuten. Inzwischen hat die Studentin ihre Ausbildung abgeschlossen. Auch mit dem neuen Mieter komme ich gut zurecht. Wir haben es lustig. Leider hat er einen langen Arbeitsweg und wird sich gelegentlich eine neue Bleibe suchen.

Was hast du gelernt? Was hast du früher gemacht?

Ich bin dipl. Damenschneiderin. Ich habe gerne Kleider entworfen und genäht für mich und für die Kinder. In Wädenswil gab es mehrere Textilfabriken. Dort habe ich die Stoffe gekauft. Ich nähte auch für Bekannte, meist gratis.

Woher stammst du? Hast du eine Familie?

Aufgewachsen bin ich in der Schweiz. Mein Vater stammt aus Deutschland, meine Mutter aus Rueras. Im rätoromanisch geschriebenen Buch „Rueras“ von Francestg Berther finden sich Bilder von meiner Grossmutter und von meinen Tanten. Meine Muttersprache ist rätoromanisch. Das Rätoromanische hat mir beim Erlernen anderer Sprachen geholfen.

Meine Tochter wohnt  in der Nähe von Lausanne. Mein Enkel und der Partner meiner Tochter sprechen nur französisch. Die Tochter besucht mich, so oft sie eben kann. Sie ist noch berufstätig. Meine zweite Tochter ist im Alter von 8 ½ Jahren an Leukämie verstorben. Innerhalb von vier Jahren habe ich meinen Mann und eine Tochter verloren.

Mein Mann und ich haben während des zweiten Weltkriegs geheiratet. Ich war deutsche Staatsbürgerin und bestellte meine Papiere für die Hochzeit im Mai 1943. Kurz vor dem Heiratstermin erkrankte mein Mann. Wir waren ratlos. Ich befürchtete, ausgewiesen zu werden. Wir beschlossen, im Oktober 1943 zu heiraten. Im November wären meine Dokumente abgelaufen.

Mein Mann verbrachte 8 ½ Jahre im Kurhaus Clavadel. Ich ging nach Clavadel zu meinem Mann und arbeitete im Kurhaus in der Lingerie. Ich habe mir damals nicht gross überlegt, was es heisst, einen kranken Mann zu heiraten: Wir haben uns geliebt, wir waren glücklich und zufrieden.

Ich habe sehr viel gearbeitet. Ich bin gesund. Auch jetzt noch. Bin einfach alt. Auch ein wenig vergesslich, jetzt. Weiss nicht, mir hat wohl eine höhere Macht geholfen. Ich hatte ein gutes Leben. Ich bin glücklich und zufrieden.

Danke, Hedy, für das Gespräch. Ich freue mich, dich im Fitness wieder zu sehen.