FrontKulturBildgewaltige Ausgrenzung

Bildgewaltige Ausgrenzung

Intoleranz aktuell inszeniert: Regisseur Bastian Kraft zeigt am Schauspielhaus Zürich eine bildgewaltige Aufführung von Max Frischs «Andorra».

Zu einer Zeit, da man in Andorra sich für bessere Menschen hielt, hat ein Lehrer seinen unehelichen Sohn Andri als vom faschistischen Nachbarland der «Schwarzen» gerettetes Judenkind ausgegeben. Mitleid und Zuwendung waren dem Jungen gewiss. Inzwischen hat sich der Wind gedreht. Auf einmal gilt ein Jude als ungeliebter Aussenseiter, und Andri wird aus seinem kindlichen Weltvertrauen in abgrundtiefes Misstrauen gestossen. Man hämmert ihm solange ein, dass er «anders» sei, bis er das selbst glaubt. Sogar dann noch, als sich herausstellt, dass er eigentlich gar nicht «anders» ist. Aber da ist es längst zu spät.

Drei Schauspieler und viel Videopropjektion

Max Frischs 1961 in Zürich uraufgeführtes Stück «Andorra» ist ein von Ausgrenzung und Intoleranz erzählendes Werk in zwölf Bildern. Es ist ein zeitloses Stück, das immer wieder neu interpretiert werden kann. 55 Jahre nach der Uraufführung inszeniert Regisseur Bastian Kraft in der Schiffbau-Box das Werk mit nur drei Schauspielern. Claudius Körber, der Andri spielt, übernimmt auch die Rollen der anderen Andorraner, und zwar im Film als Videoprojektion. Nur die beiden Frauen, die Senora, und Barblin, die Mutter und die Geliebte und Halbschwester von Andri, werden von den beiden Schauspielerinnen Susanne-Marie Wrage und Henrike Johanna Jörissen gespielt.

Eine Liebe, die nicht sein darf: Henrike Johanna Jörissen als Barblin und Claudius Körber als Andri.

Gespielt wird fast ausschliesslich auf einem begehbaren Baugerüst mit mehreren Ebenen und Glasverkleidungen (Bühnenbild: Peter Baur). Gleich zu Beginn beginnt Barblin, die Tochter des Lehrers, die Glaswände weiss zu streichen, auf die die anderen Andorraner nach und nach projiziert werden. Es sind dies der Gastwirt, der Arzt, der Pfarrer, der Tischlermeister, der Macho-Soldat und der Jugendfreund. Sie alle beteuern stereotypisch, nichts gegen Juden zu haben, aber die Wahrheit dürfe man wohl noch sagen dürfen. Andri wird immer wieder mit rassistischen Zuschreibungen konfrontiert, wird ermahnt, wie man zu sein hat, wenn man dem Judentum angehört, darf beispielsweise kein Tischler werden. Er liebt Barblin, die ihm verweigert wird, da sie seine Halbschwester ist.

Berührendes und überzeugendes Spiel

Andri wird Stück für Stück seiner Identität beraubt. Auch das Auftauchen von Andris Mutter, der Senora, vermag die kollektive Manipulation nicht zu durchbrechen: sie wird erschlagen. Andri wird als Jude identifiziert und getötet. Alle sind bestürzt, weisen jede Schuld von sich. Claudius Körber spielt diesen Identitätsverlust sehr berührend, differenziert und überzeugend. Anfänglich wehrt er sich gegen seine Abstemplung als Jude, kämpft gegen die Vorurteile an, dann kommen erste Zweifel auf, schliesslich fügt er sich in sein Schicksal, ein von den Andorranern geduldeter, aber geschmähter Jude zu sein. Selbst nachdem er seine wahre Herkunft erfahren hat, hält er als Gefangener im Guckkasten an der ihm zugewiesenen jüdischen Identität fest.

Gefangen im  Guckkasten: Claudius Körber als Andri und viedeoprojizierte Andorraner. (Fotos: Toni Suter / T+T Fotografie)

Grossartig, wie Körber die videoprojizierten Rollen der anderen Andorraner darstellt, wie er den Vater und Lehrer spielt, der es aus Feigheit und Angst nicht schafft, seinem Sohn Andri reinen Wein einzuschenken und die Hilfe des Pfarrers sucht, der sich als seelsorgerischer Blindgänger erweist und vor dessen bigottem Gerede Andri davonläuft, oder wie er den grossmauligen Macho-Soldaten gibt, der Barblin vergewaltigt und Andri bei der menschenverachtenden «Judenschau» den «Schwarzen» ausliefert. Und wie er am Schluss die durchmaskierten Andorraner als sich selber entlarvt, indem er die Larven von den Gesichtern reisst. Lob verdienen auch die engagierten und rollengerechten Auftritte von Susanne-Marie Wrage als Senora und Henrike Johanna Jörissen als Barblin.

Bastian Kraft zeigt eine beklemmend moderne Inszenierung, ein fragiles, aber virtuoses Zusammenspiel von Videoprojektion und Bühnenspiel. Erzählt wird das Schicksal Andri in einer gewaltigen Bildsprache, die angesichts heutiger Intoleranz die Zeitlosigkeit des Stücks erneut bestätigt. Dafür gabs am Premierenabend grossen, langanhaltenden Applaus.

Weitere Spieldaten: 10., 13., 14., 18., 25., 27., 30., 31. Mai, 2., 4., 6. Juni, je 20.15 Uhr; 16. Mai, 19.15 Uhr.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Beliebte Artikel