FrontKulturDer Kosmos und das Ich im Alltag

Der Kosmos und das Ich im Alltag

Mithilfe digitaler Technik entstandene Wandteppiche, Kunst unter dem Aspekt von Raum und Zeit. Zwei Künstlerinnen zeigen ihre Arbeiten in Biel.

Das Centre PasquArt in Biel stellt zur Zeit zwei Künstlerinnen aus Grossbritannien vor. Beide arbeiten mit überraschenden Methoden. Während sich die ältere der beiden, Susan Morris (geb. 1962), auf ungewöhnliche, ja spektakuläre Art mit ihrer Person, mit ihrem Körper und ihrem Alltag auseinandersetzt, schaut die jüngere, Katie Paterson (geb. 1981) ins Universum. Ihre Themen sind der Mensch, seine Herkunft, seine Umwelt und seine Beziehungen zum Weltall.

Die Abstraktion des Menschen

«Self Moderation» – übersetzt als «Selbstportrait» – ist der Ausstellungsteil von Susan Morris betitelt, was traditionell orientierte Besucherinnen und Besucher ganz schön in die Irre führen kann. Denn keines der Werke zeigt ein Portrait von Susan Morris. Weder ihren Kopf noch ihren Körper können wir anschauen, und doch beruhen alle ihre Arbeiten auf Aufzeichnungen ihrer Aktivitäten im Atelier oder im Alltag, ihrer Gefühle, ja sogar ihrer körperlichen Wahrnehmungen. Die Künstlerin benutzt digitale Aufzeichnungsgeräte, deren im Rechner bearbeiteten Daten sie anschliessend als Siebdrucke in abstrakte Formen umsetzt.

SunDial:NightWatch_Activity and Light 2010-2012 (Tilburg Version), 2014  Jacquard: Baumwolle, Leinengarn, 155 x 360 cm.  Courtesy of the artist  Foto: zvg/Julie Lovens

Schon früher hatte Susan Morris begonnen, Zeichnungen mit einem Senklot herzustellen, wobei an ihrem Körper Sensoren angebracht waren, die alle ihre Bewegungen aufzeichneten. Diese Zeichnungen fingen gleichsam Bewegungen des Körpers ein («Motion-Capture Drawings»).

Neben den Siebdrucken liess die Künstlerin aus den digitalen Aufzeichnungen ihres Schlaf- / Wachverhaltens grossformatige Wandteppiche aus Baumwolle, Wolle oder Seide weben, deren faszinierende Muster die seismografischen Ausschläge der zugrunde liegenden Daten darstellen.

SunDial:NightWatch_Light Exposure 2010-2012 (Tilburg Version), Detail, 2014 Baumwollgarn, Leinengarn, 155 x 360 cm. Courtesy of the artist Foto: Stephen White

Susan Morris verarbeitet daneben auch direkt das angesammelte Material: Eine ganze Wand ist bedeckt mit zu einem Dokument zusammengefassten Kassenbelegen aus Restaurants, Supermärkten usw. Die entstandene Ordnung dieser mehr oder weniger belanglosen Zettelchen karikiert die Tendenz unserer Zeit, sich in kleinlichen Angelegenheiten zu verfangen. Indem der Mensch sich an diese vergänglichen Netze klammert, könnte er den eigentlichen Sinn des Lebens verpassen.

Der Mensch und das Weltall

Erfrischend unkonventionell setzt sich Katie Paterson mit dem Universum auseinander. Im grössten Raum des Museums, der Salle Poma, die allein durch ihre Grösse schon einlädt, über unseren Horizont hinauszublicken, installiert sie nebst anderen Objekten ihr Werk «Totality». Es besteht aus einer frei hängenden Spiegelkugel, die von zwei Scheinwerfern angestrahlt wird, wodurch der Eindruck entsteht, ständig flögen Sterne über Decke, Wände und durch den Raum. Das Raffinierte an diesem Konzept besteht darin, dass auf den Spiegelflächen alle der Menschheit bekannten Sonnenfinsternisse abgebildet sind. Im gleichen Raum sehen wir unter anderem eine brennende Kerze, die von Gerüchen der Planeten und des Weltalls parfümiert ist. Die Künstlerin hat sich dazu Informationen von Astronauten geholt und zur Herstellung einen Biochemiker um Hilfe gebeten.

Salle Poma, Centre PasquArt 2016: Totality, 2016. Bedruckte Spiegelkugel, Motor, Lichter,
100 cm Ø.  Courtesy of the artist; Foto: zvg/Julie Lovens

Im Korridor der Ausstellung liegen in einer wohl zwanzig Meter langen Vitrine «The Dying Stars Letters», 2011 entstanden. Ein ganzes Jahr lang verfolgte Paterson die Beobachtungen von Astronomen und schrieb jedesmal, wenn sie von einem sterbenden Stern hörte, einen Brief an den Kosmologen Prof. Richard Ellis – teils auf Kondolenzpapier. Weitere Arbeiten zeugen von ihrer intensiven Beschäftigung mit den Gestirnen im Weltall.

Katie Paterson, Fossil Necklace, 2013.  170 Fossilien, geschliffen und gerundet.  Courtesy of the artist; Foto: Blaise Adilon

Aber auch unserer Erde schenkt die Künstlerin Beachtung. So machen Videoinstallationen drei isländische Gletscher sichtbar und ihre – verfremdeten – Geräusche hörbar. Aus ihrer Beschäftigung mit Fossilien ist eine lange, ganz feine Kette entstanden. Jede Perle repräsentiert ein wichtiges Ereignis in der Geologie unseres Planeten. Die Kugeln sind zurechtgeschliffen und kleiner, als sie im Bild erscheinen. – Katie Paterson engagiert sich in vielerlei Projekten, wie die Besuchenden erkennen können, und wir dürfen gespannt sein, zu welchen künstlerischen Ideen sie ihre Forschungen noch anregen werden.

Begleitveranstaltungen:

Vortrag im Rahmen der Ausstellung von Susan Morris:
19. Oktober 2016, 19:00 Uhr:  The Anti-Portrait: Before and After Representation. Michael Newman, Professor of Art Writing, Goldsmiths, University of London (eng)

3. November 2016, 18:00 Uhr, Künstlergespräch:  Susan Morris im Gespräch mit Sadie Plant, Autorin und Felicity Lunn (eng/dt)

27.10.2016, 18:00 – 21:00 Uhr, Kunstvermittlung für Erwachsene:
Kunst-Kurs – Für Alle. Ein Workshop für Erwachsene zu den Ausstellungen Susan Morris und Katie Paterson. Der Ausstellungsbesuch wird mit einer aktiven, sinnlichen Tätigkeit im Atelier bereichert. Technik: Schrift. CHF 25.- pro Person (CHF 0.- in Härtefällen) inkl. Material, max. 20 Teilnehmende Anmeldung bis 17 10 2016

Das Centre PasquArt zeigt die Werke von Susan Morris und Katie Paterson noch bis 20. November 2016

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