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Die hohen Berge Portugals

Voller Witz, Tiefsinn und Fantasie erzählt Yann Martel in seinem neuen Roman von Menschen, die im Leben wieder Tritt zu fassen suchen.

Ein Tag im Dezember 1904: Von seiner bescheidenen Wohnung in Lissabons Alfama-Quartier macht sich Tomás zu Fuss auf den Weg zu seinem Onkel. Er hat eine Reise in den alleräussersten Norden Portugals vor sich, von der er sich viel verspricht. Er hat nämlich im Museum das Tagebuch eines Missionars aus dem 17. Jahrhundert gefunden und hofft nun, das darin erwähnte Kruzifix in einer der Kirchen der Hohen Berge zu finden. Mit diesem, seiner Meinung nach spektakulären Fund will sich Tomás seinen Platz als Kurator verdienen. Das Kurioseste an diesem Spaziergang ist aber die Art des jungen Mannes zu gehen: Er geht konsequent rückwärts. Allein diese Beschreibung, die der Autor mit Rückblicken in Tomás› eher trauriges Leben verknüpft, lohnt die Lektüre von «Die hohen Berge Portugals».

Für die Reise in den Norden hat ihm der steinreiche Onkel grosszügig ein Auto aus seinem Wagenpark angeboten. Tomás war davon ausgegangen, dass ihn des Onkels Diener als Chauffeur begleiten würde, aber nein, er muss nach einer kurzen Einführung selbst fahren. Ein Abenteuer sondergleichen! Eher träumerisch und schüchtern veranlagt und technisch vollkommen unerfahren, muss er sich nun mit dem brandneuen Automobil anfreunden. Zudem, auch das stört ihn, sind Autos, «Maschinen», wie er immer sagt, damals absolut ungewöhnlich auf Portugals Landstrassen, und die Neugier von Klein und Gross kaum zu bändigen. Es wird eine skurrile, vor allem aber auch tragische Reise, obwohl Tomás schliesslich in Tuizelo das Kruzifix findet.

Jesus und Hercule Poirot

Silvester 1938 in Bragança, der kleinen Kreisstadt in der Provinz Alto Douro: Der Arzt Eusebio Lozora sitzt auch am Abend noch im Büro seiner Pathologie-Abteilung über unerledigten Akten. Es geht ihm schlecht, seit er seine Frau verloren hat. Dass sie gestorben ist, erfahren wir aber erst am Ende dieses Kapitels. Zuerst nämlich erscheint sie ihm im Büro. Statt einer Mahlzeit wie früher hat sie ihm, der ganz ausgehungert ist, nur Bücher und etwas Wein mitgebracht. Beide sind sie enthusiastische Liebhaber der Kriminalromane von Agatha Christie, seine Frau ist dazu theologisch sehr versiert.

Die kleine Wallfahrtskirche Santuário de Nossa Sra. dos Remédios in Tuizelo  © Feelix / commons.wikimedia.org

Maria Luisa hält ihm einen ebenso ausführlichen wie kenntnisreichen, verwickelten Vortrag über die Bibel und Hercule Poirot. Nachdem seine Frau wieder verschwunden ist, erscheint eine alte Frau aus Tuizelo, Maria Castro, der wir im ersten Teil schon begegnet sind. Sie verlangt von Dr. Lozora, dass er mitten in der Nacht eine Autopsie an ihrem toten Ehemann durchführt – eine total surreale Angelegenheit. Nebenbei erfahren wir Lesende die tragische Geschichte, die Tomás mit einem fünfjährigen Kind erleben musste.

 

 

 

 

Eine neue Heimat für einen Schimpansen

Anfang der 1980er Jahre in Kanada: Peter Tovy, langjähriger Politiker, ändert sein Leben nach dem Tod seiner Frau total. Als Ausklang seiner Karriere wird er von seiner Partei zu einem Besuch nach Oklahoma geschickt. Dort besucht er auf eigenen Wunsch das Primatenforschungsinstitut, findet einen kontaktfreudigen Schimpansen und beschliesst, das Tier mit Namen Odo zu sich zu nehmen und mit ihm in die Heimat seiner Eltern nach Portugal zu ziehen – wir ahnen es: nach Tuizelo. Es entstehen eine Menge witziger Szenen, die weniger schmerzhaft wirken als in den ersten beiden Teilen, da Peter und Odo – sowieso ein freundlicher Schimpanse – sich immer besser verstehen, fast wie ein altes Ehepaar. Sie gewöhnen sich in Tuizelo ein, besonders die Frauen mögen Odo immer mehr. Sogar seine zuerst verwirrte Familie in Kanada versöhnt sich mit Peters Entschluss, und Maria Castro wird nun endgültig in die Geschichte integriert. – Mehr soll hier nicht verraten werden.

Tuizelo von den Hügeln aus gesehen © Feelix / commons.wikimedia.org

Yann Martel wurde weltberühmt mit seinem Roman, «Schiffbruch mit Tiger», der 2013 auch als Film sehr erfolgreich war. Der Kanadier mit polyglotter Familie ist ein begnadeter Erzähler. In seiner unkomplizierten klaren Sprache gelingt es ihm, die merkwürdigsten wie die schmerzlichsten Szenen angemessen darzustellen. Je nachdem, berührend oder komisch, in seinen Worten erscheint uns alles selbstverständlich. Mit wenigen feinen Fäden verknüpft der Autor die drei Teile – Heimatlos, Heimwärts und Heimat. Ohne die Handlung zu beschweren, tippt er ein paar Themen des 20. Jahrhunderts an: den Siegeszug des Automobils, den Wandel in der Kommunikation, die Migration aufgrund mangelnder Arbeit auf dem Lande. Der Verlust geliebter Menschen bewegt die Personen zu ungewöhnlichen Taten.

Ein überaus lesenswerter Roman, Fiktion zwar, mit viel Empathie geschrieben, voller Ironie und manchmal etwas fantastisch. Eines der seltenen realistischen Elemente ist wohl das kleine Tuizelo. Ob in der Kirche wirklich ein Kruzifix mit einer eigentümlichen Christusfigur hängt, müssen wir Lesende selbst herausfinden.

 

Yann Martel: Die Hohen Berge Portugals.
Roman. 412 Seiten.
Aus dem Englischen von Manfred Allié
S. Fischer Verlag 2016
ISBN: 978-3-10-002275-2
E-Book: ISBN: 978-3-10-403332-7

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