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Die Hoffnung stirbt zuletzt

Ein Flüchtling beantragt in Helsinki Asyl. Ein Finne ändert sein Leben. Die beiden Geschichten ergeben in Aki Kaurismäkis Film «The Other Side of Hope» eine Parabel des Mit- und Füreinanders.

Der Film «The Other Side of Hope» des finnischen Regisseurs Aki Kaurismäki besteht aus zwei Geschichten, die sich nach einer Stunde zu einer dritten verbinden. In der ersten geht es um Khaled, den syrischen Flüchtling, der als blinder Passagier nach Helsinki kommt und ohne grosse Erwartung Asyl beantragt. Die zweite handelt vom Finnen Wikström, der seine Frau verlässt, den Job aufgibt und ein heruntergewirtschaftetes Restaurant kauft. Nach mehr als einer Stunde, im dritten Teil, beschliesst Wikström, nachdem er den abgewiesenen, dann untergetauchten Khaled im Hof seines Lokals entdeckt, ihn als Tellerwäscher einzustellen.

Der Regisseur und seine Hafenstadt-Filme

Der Finne Aki Kaurismäki wurde 1957 geboren. Bevor er Filme drehte, arbeitete er als Kellner, bei der Post, als Tellerwäscher in einem Grandhotel und lange als Filmkritiker. Seine Filme sind bekannt für ihren sparsamen, lakonischen und skurrilen Stil, versehen mit einer Prise bissigem Humor und musikalischen Tröstungen. Seinen Figuren begegnet er, trotz klarer Positionierung und unterschwelliger Sozialkritik, liebevoll und anteilnehmend. Kaurismäki ist ein Menschenfreund, der an den Menschen leidet. Beim Drehen arbeitet er regelmässig mit seiner «Familie», einem festen Stamm an Schauspielerinnen und Schauspielern und dem Kameramann Timo Salminen, der in all seinen Filmen zum kargen Erzählstil des Meisters die minimalistischen, banalen und gleichwohl geheimnisvollen Bilder komponiert. 2011 beginnt der Regisseur mit «Le Havre» seine Hafenstadt-Trilogie, die er mit «The Other Side of Hope» fortsetzt oder, wie er es formuliert, als zweiteilige Trilogie abschliesst. An den Filmfestspielen in Berlin erhielt er 2016 dafür den Silbernen Bären für die beste Regie.

«Mit diesem Film möchte ich gern, soweit das möglich ist, die europäische Blickweise aufbrechen, in Flüchtlingen entweder ausschliesslich bedauernswerte Opfer oder nur anmassende Wirtschaftsimmigranten zu sehen, die in unsere Gesellschaften eindringen, bloss um uns die Jobs zu klauen, unsere Frauen, unsere Häuser und unsere Autos. Das sind Klischees und Vorurteile. In der europäischen Geschichte sind ihre Entstehung und Akzeptanz mit einem unheilvollen Nachhall verbunden. Ich gebe offen zu, dass «The Other Side of Hope» bis zu einem gewissen Grad das ist, was man unter einem tendenziösen Film versteht. Es ist ein Film, der ohne Skrupel die Ansichten und Meinungen seiner Zuschauer verändern will, indem er, um dieses Ziel zu erreichen, ihre Gefühle manipuliert. Ein solcher Versuch muss natürlich scheitern. Was aber, so hoffe ich, davon übrig bleiben wird, ist eine integere und etwas melancholische Geschichte, die der Humor vorwärts trägt. Ein ansonsten fast realistischer Film über gewisse menschliche Schicksale in der Welt, in der wir leben.»

Khaled und seine Schwester Miriam, zwei Menschen auf der Flucht

Von Aleppo nach Helsinki und Litauen

Als die Behörden Khaled, der über die Balkan-Route kommend in Finnland gestrandet ist, das Asylrecht verweigern, beschliesst er, wie viele seiner Schicksalsgenossen, illegal im Land zu bleiben, taucht in der finnischen Hauptstadt unter und lebt auf der Strasse. Seine Schwester, die er auf der Flucht verloren hat und nun sucht und suchen lässt, hat sich nach Litauen abgesetzt. Der Flüchtling begegnet auf den Strassen verschiedenen Formen von Rassismus, aber auch coolen Rock’n’Rollern und aufrichtiger Freundlichkeit. Für eine Weile bilden Khaled und Wikström, zusammen mit der Kellnerin, dem Koch, dessen Hund und dem Concierge eine utopische Einheit, eine für Kaurismäki typische Schicksalsgemeinschaft, die vorführt und uns daran glauben lässt, dass die Welt besser sein könnte und sein sollte, als sie in Wirklichkeit ist.

«The Other Side of Hope» ist ein typischer «Kaurismäki», bevölkert von Schauspielern, die alle das patentierte Pokerface eines pragmatischen Fatalismus aufsetzen: Im ganzen Film verzieht keiner auch nur einmal seine Miene, egal welche Emotionen er oder sie gerade erlebt. Buster Keaton lässt grüssen. Und dennoch sind diese Figuren, die sich allein durch ihre Handlungen definieren, meistens sympathisch und berührend. Die ganze Geschichte bildet einen idealistischen und humanistischen Appell, verpackt in warmer Menschlichkeit, untermalt mit Gitarrenklängen in Kneipen, an Strassenecken und einmal mit einem Lied mit der Oud, das Khaled für einen andern Flüchtling spielt. Der Finne ist und bleibt der Melancholiker des nordischen Kinos. Mit dem neuen Film führt er die mit «Le Havre» begonnene Reihe weiter. Der neue Film führt das grossartige, fast schon biblische Gleichnis des ersten Films hinein in eine vielschichtige, ausdifferenzierende, gelegentlich fast märchenhafte Parabel der Gesellschaft mit guten und bösen Menschen in einer Welt, die so ist, wie sie ist.

Das Team des Restaurants (v. l.): der Flüchtling Khaled, die Kellnerin Mija, der Koch Nyrhinen, der Besitzer Wikström, der Concierge Calamnius

Aus einem Interview mit Aki Kaurismäki

Standard: Anlässlich von «Le Havre» sagten Sie, dass Sie so weit wie möglich fort von Finnland wollten. Nun sind Sie zurückgekehrt. Wollten Sie von den Veränderungen des Landes durch die Mitte-rechts-Regierung erzählen?

Aki Kaurismäki: Sie ist seit 2015 im Amt. Von Finnland ist fast nichts mehr übrig. Alles, was gestohlen werden konnte, wurde gestohlen.

So negativ?

Ich bin nicht negativ, sondern realistisch. Die Illusion von Demokratie bleibt vorhanden, allerdings nur in der Erinnerung.

Wenn man sich den Film vor Augen hält, hat man den Eindruck, dass selbst in Finnland ein paar aufrechte Gesellen übrig sind.

Kino ist Fiktion. Was man den Menschen zeigen will, ist etwas anderes als das, was wirklich passiert. Meine Filme sind nur Illusionen.

Sie haben einmal gesagt, je pessimistischer Sie selbst sind, desto hoffnungsvoller Ihre Filme. Gilt das nicht mehr?

Das war vor sechs Jahren! Jetzt rasen wir wie auf einem Asteroiden auf einen Planeten zu.

Würden Sie dennoch sagen, dass es in Ihrem Film Hoffnung gibt?

Das hoffe ich.

Sie zeigen, wie der Syrer Khaled seinen Weg durch die Institutionen geht.

Seine Deportation ist Wort für Wort einem realen Verfahren entnommen. Ich habe nur seine Herkunftsstadt geändert. Gnadenlos. Die Frauen müssen auf die Barrikaden steigen, besser heute als morgen! Wenn man das System der globalen Finanz nicht boykottiert, wird diese Welt zugrunde gehen.

Das hat Donald Trump auch versprochen.

Ja, es ist erschreckend, dass dieser Bastard nun so nah am roten Knopf sitzt. Vielleicht wird es etwas ändern. Trump wird keine vier Jahre durchhalten.

Warum setzen Sie auf die Frauen?

Frauen sind weiser als Männer. Das wissen Sie selbst.

Religion spielt im Film keine Rolle. Selbst Khaled hat seinen Glauben verloren.

Ich bin ein Atheist.

Für wann planen Sie den letzten Teil der Trilogie?

Es ist die erste Trilogie, die aus zwei Teilen besteht. No more cinema.

Das meinen Sie doch nicht ernst.

Oh doch. Sergio Leone starb mit 60 auf dem Weg zurück von Moskau. Ich bin nah dran. Ich möchte wie George Orwell in einem Landhaus leben. Ich liebe das Kino, aber ich werde nicht für das Kino sterben.

Interview von Dominik Kamalzadeh mit Aki Kaurismäki, Standard, Wien, 25. Februar 2017

Titelbild: Eine für Kaurismäki typische Nachtaufnahme: der Khaled, ein Helfer, Wikström

Regie: Aki Kaurismäki, Produktion: 2017, Länge: 98 min, Verleih: Filmcoopi

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