Gesellschaft

Neue Art: Der Tapanuli-Orang-Utan

Anthropologen der Universität Zürich beschreiben eine neue Menschenaffenart

Bis heute gelten der Borneo- und der Sumatra-Orang-Utan als zwei offiziell anerkannte getrennte Arten. In den Hochlandwäldern im Norden Sumatras lebt isoliert noch eine Population von rund achthundert Menschenaffen, die nun zweifelsfrei als dritte Art beschrieben werden kann: der Tapanuli Orang-Utan. 1997 entdeckten Forscher aus Australien bei Feldstudien die Menschenaffen in den Tapanuli-Distrikten auf Nordsumatra. Nun belegen Anthropologen der Uni Zürich gemeinsam mit einem internationalen Forscherteam, dass es sich hierbei um eine dritte Orang-Utan-Art handelt. Die Studie ist die umfangreichste je durchgeführte genetische Analyse an wildlebenden Orang-Utans.

Einzigartige Zähne und Schädelform

Erste Hinweise für die Einzigartigkeit der Tapanuli-Popluation lieferte das Skelettmaterial eines im Jahr 2013 getöteten männlichen Tiers. Im Vergleich mit vielen anderen Schädeln sind beim Tapanuli-Orang-Utan gewisse Merkmale der Zähne und des Schädels einzigartig. «Wir waren völlig überrascht, dass der Schädel in einigen Merkmalen anders ist, als alles, was wir zuvor gesehen hatten», erklärt Matt Nowak, der die morphologischen Merkmale im Rahmen seiner Dokorarbeit erforscht hat und heute für das Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramm (SOCP) arbeitet.

Orang-Utan-Männchen, fotografiert am 26. August dieses Jahres von Maxime Aliaga

«Als wir feststellten, dass sich die Tapanuli-Population morphologisch von allen anderen Orang-Utans unterscheiden, passten unsere Puzzleteile zusammen», ergänzt Michael Krützen, Professor für Evolutionäre Anthropologie und Genomik an der UZH. Das Team um Krützen erforscht seit längerem die genetische Abstammung aller lebenden Orang-Utan-Populationen. Frühere Studienergebnisse sowie die aktuelle Genomsequenzierung von 37 Orang-Utans lieferten ein übereinstimmendes Bild: «Wir identifizierten drei sehr alte evolutionäre Abstammungslinien unter allen Orang-Utans, obwohl derzeit nur zwei Arten beschrieben sind», erklärt die frühere Doktorandin Maja Mattle-Greminger.

Direkte Nachkommen der ersten Orang-Utan-Population

Berechnungen der Forschenden zeigen, dass die Tapanuli-Population für mindestens 10’000 bis 20’000 Jahre von allen anderen auf Sumatra lebenden Orang-Utans isoliert gewesen war. Alexander Nater, ehemaliger UZH-Doktorand, erläutert: «Die älteste evolutionäre Linie findet sich tatsächlich bei den Tapanuli-Orang-Utans. Sie sind daher wahrscheinlich die direkten Nachkommen der ersten Population im Sunda Archipel.»

Artenschutz steht im Vordergrund

Im 21. Jahrhundert eine neue Menschenaffenart zu identifizieren sei aufregend, sagt Professor Krützen. Jetzt gehe es aber darum, den Tapanuli-Orang-Utan zu schützen. «Jegliche Bemühungen zur Erhaltung der Art müssen sich primär auf den Schutz ihres Lebensraums richten», unterstreicht Krützen. Immer mehr Regenwaldgebiete gehen zugunsten der Landwirtschaft verloren. Unberührte Wälder im Batang-Toru-Ökosystem fallen Palmölplantagen zum Opfer. Geplant ist auch der Bau eines Staudamms, der den Lebensraum der Tapanuli-Orang-Utans weiter beschneiden wird.

Ein erwachsenes Weibchen bei der Nahrungsaufnahme. Foto Tim Laman

Nur noch rund 800 Exemplare zählt die Tapanuli-Population, wie eine kürzlich durchgeführte, unabhängige Studie von indonesischen und internationalen Wissenschaftlern bilanziert. Der Tapanuli-Orang-Utan gilt somit als die am meisten bedrohte Menschenaffenart überhaupt. «Wenn nicht früh genug Massnahmen eingeleitet werden, um jedes noch verbleibende Waldstück zu bewahren, stirbt eine Menschenaffenart bereits in wenigen Jahrzehnten aus», warnt Matt Nowak, der sich als Forschungsleiter des Sumatra-Orang-Utan-Schutzprogramms für den Tapanuli-Orang-Utan einsetzt.

Weiterführende Informationen zum Schutzprogramm finden Sie hier: https://sumatranorangutan.org/
http://www.batangtoru.org/
https://paneco.ch/

Bilder von der Universität Zürich zur Verfügung gestellt