FrontKultur„Ich schreibe nach Impuls“

„Ich schreibe nach Impuls“

Jürgen Beckers Journalgedicht „Graugänse über Toronto“ öffnet Räume und Zeiten

Rückkehr aufs Land. Es ist Herbst. Im alten Haus rinnt das Dach. Toronto und die Wildgänse bleiben vorerst ein Rätsel, denn hier ist vertraute „bereits durchschrittene Landschaft.“ Jürgen Becker, ein Zeitgenosse mit acht Jahrzehnten Lebenserfahrung und umfassender Bildung, schreibt auf, was ihm durchs Hirn strömt: Den Alltag, den Krieg und die Entbehrungen, die Politik samt den Nachrichtensendungen, die Lektüre, die Zettelwirtschaft auf dem Arbeitstisch, die Krähen auf dem Dach – alles fließt in die Schreibmaschine – von deren Existenz wir Kenntnis bekommen, weil der Autor Farbbänder immer noch im kleinen Laden des Orts erwerben kann.

Jürgen Becker lebt in Köln und Odenthal im Bergischen Land. Geboren 1932 in Köln, verbrachte er Kindheit und Jugend bis 1947 in Thüringen. Er ist verheiratet mit der Künstlerin Rango Bohne, mit der er auch zusammenarbeitet. Für sein Werk bekam er zahlreiche Auszeichnungen, 2014 den renommierten Georg-Büchner-Preis. „Jede Situation hat eine Geschichte, die man kennen muss, um das Woher und Wieso zu verstehen,“ schreibt er, wenn er in seinem Journal aus Gedichten nach den „Bestandteilen der Biographie“ sucht und den Lesern auf den Spuren seines Lebens die Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts bis heute erzählt.

Jürgen Beckers Antennen sind auf die Farben und Klänge, Bilder und Töne gerichtet, die sich aus Erinnerung und Umgebung einstellen, und er schreibt sie auf. Virtuos und so entspannt, dass man das Ausserordentliche, Elaborierte dieser Sätze kaum wahrnimmt. Oft erschrickt man beinahe über den Bedeutungsraum einzelner Wörter, die man erst wie mit Verzögerung kapiert – diese Lektüre macht nachhaltig Freude. Das Journalgedicht, wie der Lyriker Becker sein jüngstes Buch bezeichnet, reiht sich in seine Journalromane und Journalsätze ein, ist möglicherweise deren Synthese. Das Lakonische und zugleich Hochdifferenzierte in dem Langgedicht macht den Zauber dieses Alterswerks aus, denn Mut braucht der vielfach preisgekrönte Dichter kaum, wenn er den Malstrom der Geschichte in seinen persönlichen Erinnerungen herunterbricht und mit ganz banalen Beobachtungen kontrastiert. Assoziativ und im Eiltempo erzählt Becker von der Wunderkinderzeit in den Fünfzigern bis in die Gegenwart:

(…) Reklame half,
nicht gleich an die Decke zu gehen. Befehlsgemäß
hatten wir die Wohnung geräumt. Keuchen
in den Büschen, Stöhnen aus dem Nachbarzelt.
Das Publikum klatscht, ein schönes Geräusch, sagt,
als Moderator, Reinhard Münchenhagen. Synchronstimmen
machten uns süchtig; das Meer und wie es heranrauscht
machten wir im Studio nach –
denken Sie nicht,
dies sei ein Fazit, sag‘ ich dem Interviewer; er fragt,
ob das Gedächtnis einen Zettelkasten führt. Es gibt keinen
Zettelkasten; wir stapeln auch keine Daten, und
wie sich die Lage entwickelt… man wei
ß ja nie,
ob wir es sind, die dran sind bei der nächsten
Geiselnahme. In Sichtweite die beiden Krähen; (…)

Und weiter geht‘s mit Windböen, die Dachziegel herunterschmeissen, was wiederum an Bomben, Leichenhaufen und Verbrecherkinder, die „Konserven und Koks“ klauten, „solange nicht wieder da war, was nie dagewesen war,“ erinnert. Und rasant hängt Becker noch Rimini und den Nierentisch samt dem Sozialismus in der Zone dran: So erzeugt er Kaskaden von Bildern in unseren Erinnerungskammern.

Becker erklärt nichts und kommentiert auch nicht. Er beobachtet und lässt zu, was ihm einfällt bringt es als endlosen oszillierenden Sprach-Strom zu Papier. Wie auf Flügeln seiner Gänse (Kanada liegt im Koffer auf dem Dachboden) schwingt er sich durch Orte und Zeiten, bis eine grossartige Wortmalerei vor uns liegt. Beckers Gemälde ist zwar manchmal humorvoll, aber nicht heiter. Ist auch kein Wunder, denn für alte Menschen kann die Zukunft schon aus Gründen der schwindenden Kräfte nicht rosig sein. Dennoch hinterlässt einem die Lektüre, die nicht wegen des spannenden Plots, sondern wegen des mitreissenden Rhythmus fesselt, keine deprimierende Stimmung. Im Gegenteil: Die Graugänse über Toronto erzeugen eine tiefe Zufriedenheit und Gelassenheit, in Erwartung – vielleicht – einer Fortsetzung. Denn auf Seite 92 gibt es kein Ende: Der Gedankenstrich führt ins Offene.

(…) Kommen die Brombeeren wieder? Die kleinen Vögel
sind alle weg, die großen kreisen noch eine Weile, bis
der Tower die Einflugschneise über unsere Häuser legt.
Kein Thema? Brechen wir ab. Was sich anhört wie 
Seufzen, kommt von den alten Dachrinnen her,
die an der Scheunenwand lehnen, und wir lassen
sie stehen, für das Geräusch, das der Wind macht, 
wenn er sich darin fängt –

Viele Schriftsteller schreiben Tagebuch, halten fest, was sie ausserhalb ihrer Romane oder Gedichte mitzuteilen haben, datieren die Erinnerung oder den Einfall. Becker, der Lyriker, schreibt stattdessen Journale, in denen seine Lektüren, beispielsweise Sätze von William Carlos Williams oder von Charles Simic ebenso einfliessen, wie der Einkauf bei Lidl oder die Radiosendung beim Frühstück:

(…)Der Tee heute morgen ist ein bisschen dünne,
aber mehr als ein Löffelchen war nicht
in der Dose. Im Radio tritt einer als Zeitzeuge
auf… so hört es sich an, wenn man erfindet,
was man nicht erlebt hat. Geht es dir auch so?

Keine Wiederholungen, sondern Wortmusik: Die gleichen Motive tauchen in immer neuen Assoziationsketten anders rhythmisiert wieder auf, die Krähen, die Kriegserlebnisse des Kinds, das alte Haus, die Ost-West-Problematik, die Flüchtlinge, das Internet – eine Symphonie der Zeitgeschichte mit autobiographischem Antrieb.

Hier geht es zu Jürgen Beckers Homepage.
Teaserbild: Jürgen Becker © Jürgen Bauer
Jürgen Becker: Graugänse über Toronto. Suhrkamp-Verlag Berlin, 2017. ISBN: 978-3-518-42752-1

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